Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316395--52456-3346157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

962 DIE 3§KELT No. 44 Seele stieg, von der Seele ins Herz, vom Herzen in die Finger der Rechten, von den Fingern der Rechten auf die Leinwand floß. Und es entstanden Gemälde. Traurig — wie der Golus, wie der Golus — mächtig. Der Pinsel, der sie malte, war des Meisters Herz, und die Farbe — das Blut, das warme Herzensblut. Das Blut, das seit Jahrhunderten fließt aus der ewig offenen Wurde des Schaffenden und des Volkes. — — Menschenkinder kommen heran. Kein Siegeszug von Kämpfern, jubelnd und rauschend, keine geschlossene Phalanx von Rebellen, die das Unglück tollkühn machte, keine Schar von heiligen Pilgern, in extatischen Visionen vergessen. Es ist ein kleiner Teil der großen Gemeinschaft trauriger Erwählter. Die in Schmerz zur Welt kamen, in Schmerz das Leben durch- kämpfen und in Schmerz vergehen werden, sobald die heilige, erlösende Todesstunde heranbricht. Jetzt wandern sie aber — Verbannte. Sie wandern, denn so will es — das Schicksal. Dies ist — „der Golus." — Und da drängen sich gespenstige Gestalten, mit schrecklichem Antlitz, verzerrt durch Schmerzenskonvulsionen innerster Verzweiflung. Sie drängen sich, um näher zu sein, um einen Blick zu werfen, um bloß das schwarze Tuch des Sarges zu berühren, der auf menschlichen Schultern über den Köpfen langsam dahingleitet. Ist das des Zaddiks Leichenzug? Vielleicht. Aber für sie ist der im Sarg mehr als Zaddik, als Prophet, als Heiliger, als Erlöser. Wessen Leiche geleiten sie also zur Ruhe? Was werden sie bestatten? Ihr Glück? Mehr als das — ihr Alles .... Und das Symbol nimmt Dimensionen an voll schrecklicher Tragik, Dimensionen, die geheimnisvoll und geradezu unfaßbar erscheinen. Und es dünkt, daß diese Menschen auf ihrem eigenen Leichenzug sind, hinter dem eigenen Sarge sich schleppen, daß sie dort auf dem Friedhof — sich selbst bestatten werden. Denn nach der Heimkehr bleibt ihnen — nichts. Und so wandern, v/andern seit ewigen Zeiten die heimatlosen Wanderer hinter der „schwarzen Fahne" ihres Fatums.--- Jüdische Vergangenheit und jüdische Gegenwart. Ob auch — die Zukunft? Im Osten begann es zu tagen. Den nächtlichen Finsternissen fingen an leichte Nebel zu entsteigen, schneeweiß zu schimmern. Die erste Morgenröte färbte sie mit mattem Lichtglanz. Wie die drei Könige der Legende sich gen Bethlehem zum Morgenstern aufmachten, — wanderten Pilger am Wanderstab nach dem Osten, wo die Sonne aufstieg. Winzig war ihre Zahl, denn wenige wagen es, einer Zukunft eigenwillig entgegenzugehen, die unbekannt und gefahrvoll. Unter ihnen war ein Mann, kein Held lautklingender Worte, großzügiger Gesten, — ein Träumer aus einsamen Arbeitsstuben europäischer Residenzen. Die hehren Paläste der Kunst verließ er, die krystallnen Tempel seiner Muse, und ging hinaus, die Zukunft zu bauen auf heiligen Ruinen. Nichts waren ihm Residenzen dem Lichtlein gegenüber, das immer lebendiger zu glimmen begann, weit, weit in der Heimat und in seiner Brust, die von Trauer und Sehnsucht überquoll. — Des größten und des unglücklichsten Volkes treuester Sohn war er bis zum letzten Lebensodem. Er konnte wegfallen, und blieb — in der ersten Reihe. Ein Priester der Kunst war er, und ein Priester der Tat. Zur Dämrnerungszeit, beim Schein einiger Laternen bewegte sich längs der jerusalemitischen Mauer, dann durchs Kidrontal, ein kleiner Leichenzug. Auf dem Ölberge bettete man den Kämpfer zur letzten Ruhe. Zu großen, stillen, heiligen Gräbern kam eine neue Grabstätte hinzu. Warum immer — Gräber? Gräber, bewachsen mit Unkraut der Trauer und des Vergessens. — Es blitzen aber Momente auf, langerwartete, langersehnte Momente, wo aus heiligen Gräbern und großen Ruinen, wie Phönix aus Asche, ein Leben erblüht — dasLeben! Die fünf Brüder Von Ludwig Batö, Budapest Der letzte Kaddisch ist verhallt, die Lichter erloschen, langsam verlassen die Juden — Leute, die keine Eile haben — die Synagoge, der Schlüssel knistert im Schlosse, einsam steht das Haus der Versammlung da. Heimliche Ruhe sinkt nieder, nur der durch die schlecht verschlossenen Fenster hineinwehende Luftzug läßt hie und da das Ewige Licht auflodern, um sich im selben Momente wieder zu legen. Durch die zerfetzten Wolken guckt plötzlich der Mond hervor und wirft seinen hellen Schein in die Synagoge. Das geheimnisvolle, gelbe Licht scheint alles zu beleben, es war, als ob die von der Festtagsstimmung schwangere Luft zittere im mystischen Räume. Auf dem Vorsängerpulte liegen die Sinnbilder der vergangenen Feste nebeneinander; ein alter Machsor, ein Tallit, ein Schofar, ein schlanker Lulav und ein frischer Etrog. Peinliche Stille. Der Luftzug läßt einen schrillen Pfiff ertönen. „.. . Weich klägliche Rolle ist mir zugefallen. Im Gelobten Lande erflehten meine Worte den ersehnten Frieden, in den Ländern der Zerstreuung habe ich den unsäglichen Schmerz und die seelenvolle Hoffnung des zerstreuten Volkes vor des Schöpfers Thron verkündet. Und heute ... Heute verklingen ohne Inbrunst meine Worte, meine Gebete werden verständnislos abgeleiert..." Und siehe ... Kaum waren des Machsors Worte verhallt, da öffnete er sich, eine unsichtbare Hand wendete die Blätter um, und eine näselnde Stimme sang auf die traditionale Melodie: „Ob unserer Sünden wurden wir aus unserm Lande verbannt..." Doch des Machsors Gebet wird durch ein seufzendes Stöhnen unterbrochen. Es kam vom Tallit. Der Machsor: „Was fehlt dir Bruder? Welcher Schmerz peinigt dich?" Der Tallit: „Wenn ich meiner jetzigen Lage gedenke und sis mit meiner einstigen Rolle vergleiche, entringt sich unwillkürlich ein Seufzer meiner Brust. Einst bedeckte ich die stählernen Muskel eines kräftigen, unerschrockenen, stolzen Volkes, das sich meiner im Kriege gegen den Feind und im Tempel des Ewigen bediente und mich hochhielt, wie die Römer ihre Toga und die Söhne Arabiens ihren Burnus. Doch heutzutage umhülle ich verfallene Gestalten, sinkende Leiber." Ein gellender Ton erweckte beide aus ihren stillen Betrachtungen Sie wandten sich um und sahen den Schofar, der sich zu ihnen herüberbeugte: „0 Brüder, welche Erinnerungen habt ihr in mir wachgerufen! Das Kampfesgeschrei des Volkes, das sein Land gegen die Übermacht des kecken Feindes mutig verteidigt, klingt noch in meinen Ohren. Meine Stimme ertönte zu jener Zeit gellend durch die Gefilde Israels und rief die Jugend in Streit und Kampf. Starke Stadtmauern und Zinnen erdröhnten und fielen, als sie meine Töne vernahmen. Am Neujahrsfeste war meilenweit meine Stimme zu vernehmen. Doch wie erbärmlich ist heute mein Walten. Die Nachkommen des starken Volkes, ein kleinmütiges Geschlecht, versammeln sich zu Bußgebeten, und ich begleite ihr Flehen. Wie oft wollte ich ihnen Mut einflößen, sie aus ihrem Schlafe zu erwecken, doch sie haben Ohren und hören nicht!" Ein Knistern" und Rauschen war zu hören. Der Lulav bäumte sich in seiner ganzen Länge auf und sprach:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.