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Die Welt · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Der Großrabbiner: „Aber damit bleibt ja gerade das Wesentliche unberücksichtigt." Der Minister: „Ich kann Ihnen "nicht verhehlen, daß gegen die vollkommene Beseitigung der Maßregel, die aus politischer Notwendigkeit heraus seinerzeit erlassen wurde, gewichtige Bedenken existieren. Wenn wir Ihrem Ersuchen stattgeben, so werden wahrscheinlich größere Massen von Juden in Palästina einwandern. Diese könnten zu einer Anhäufung (agglorneration), zur Bildung einer festen Gemeinschaft und in der Folge zu nationalpolitischen Forderungen wie Autonomie oder dergleichen führen, die dem Staate Verlegenheiten bereiten und vielleicht gar in separatistische Aktionen ausarten könnten." Der Großrabbiner: „Niemals ist den ottomanischen Juden auch nur entfernt ein solcher Gedanke gekommen; sie haben allzeit die besten Proben ihrer Treue an das Reich gegeben; wenn Sie in meine Loyalität keinen Zweifel setzen, so darf ich Ihnen unter meiner Garantie versichern, daß die ottomanischen Juden niemals separatistische Tendenzen verfolgen werden," Der Minister: „Für die ottomanischen Juden besteht ja der rote Zettel nicht und keinerlei Art von Einwanderungsbeschränkung. Die gelten ja nur für die ausländischen.'* Der Großrabbiner: „Es wird ja als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Einwandernden sofort die ottomanische Untertanenschaft annehmen und somit unter meine Verantwortlichkeit kommen." Der Minister: „Ich muß aber darauf aufmerksam machen, daß die sofortige Annahme des ottomanischen Staatsbürgertums nicht möglich ist, sondern eine fünfjährige Aufenthaltsfrist zur Voraussetzung hat." Der Großrabbiner: „Und doch sind die muselmanischen Immigranten, die aus Bulgarien, aus Bosnien und aus Rußland einwandern, von dieser Wartefrist befreit und werden sofort in den türkischen Staatsverband aufgenommen." Der Minister: „Für diese ist eine Ausnahme gemacht, weil sie die spezielle Erlaubnis ihrer Regierungen zur Auswanderung besitzen und wir eine diplomatische Konvention für ihre sofortige Entlassung aus ihrem frühern Staatsverband haben. Können die Juden die gleiche Regierungserlaubnis beibringen, so ist auch für sie eine diplomatische Abmachung und ihre sofortige Zulassung nicht ausgeschlossen." Der Großrabbiner: „Solange das nicht der Fall ist, könnte gleichwohl die ottomanische Regierung die Einwanderung so ruhiger und arbeitsamer Elemente wie der Juden gestatten." Der Minister: ..Ich werde mein möglichstes tun, Eminenz, und in Ihrem Sinne weiter für die Sache bemüht sein. Einstweilen wird der rote Zetfel aufgehoben werden. Hoffentlich gelingt es auch bald, die Registrierung ganz abzuschaffen. Ich bitte Sie, auch Ihrerseits die weitern Schritte zu unternehmen; senden Sie morgen den Kapu-Kehaja, um weitere Instruktionen zu empfangen." Damit schloß die denkwürdige Unterhaltung, der neue Nachrichten, infolge der dazwischengetretenen Festtage und der Reise des Ministers nach Kleinasien, einstweilen nicht anzuschließen sind. Das Fazit ist ein sehr ernstes. Es zeigt, daß man in Regierungskreisen von dem Mißtrauen gegen die zionistischen Absichten noch oder bereits infiziert ist, und daß es einer vielleicht noch langen und schweren, aber fest und geduldig fortzusetzenden Aufklärungsarbeit bedürfen wird, um die verhängnisvollen Mißverständnisse zu beseitigen. Die ottomanische Judenheit erwartet in dieser Richtung alles von einer entsprechenden Erklärung des Kongresses, die aller Welt und der türkischen Regierung in erster Linie eine unumwundene, unanzweifelbare Darstellung der zionistischen Pläne und jene absoluten Garantien für dieLoyalität auch der ausländischen Juden gibt, die der Chachambaschi als Vertreter der ottomanischen Judenheit zu liefern nicht imstande war. Volksverräter Wenn die Bemühungen um Aufhebung der Einwanderungsbeschränkungen bisher als gescheitert zu betrachten sind, ja, wenn wir sogar zu befürchten haben, daß die alten Bestimmungen, die bisher nur lästige Unzuträglichkeiten und oft auch nur Schröpfungsmaßregeln waren, jetzt gerade erst Wirksamkeit erlangen, so werden wir wissen, wem wir das zu danken haben. Es sind die Verleumder und Volksverräter, deren Geist von Paris und Berlin ausgeht und deren leibliche Kreaturhaftigkeit durch die Straßen Konstantinopels wandelt. Den berühmten Namen von der Seine und dem unglückseligen Cohen vom Goldenen Hörne hat sich als letzter, aber merkenswertester der des Smyrnaer Advokaten und Journalisten Gad Franco angeschlossen. Er wird im Geschichtsbuch der Herostraten verewigt bleiben. Dieser Mann, mit dem sich der „Tiempo" identifiziert, wagt es, in Ausdrücken schrankenloser Heftigkeit den ottomanischen Zionismus eine Bewegung der Heuchelei und des Verrates am ottomanischen Reiche zu nennen. Mehr noch, dieser Messias des Denunziantentums fällt sogar den Großrabbiner an, weil er sich erlaubte, durch sein Eintreten für die Abschaffung des roten Zettels quasi eine moralische Garantie für die Aufrichtigkeit und Ungefährlichkeit der zionistischen Ideen zu leisten. Dem Mann wird die gebührende Antwort werden, die es natürlich verschmähen wird, sich mit ihm zu befassen, und nur für die nötige Aufklärung der jüdischen Öffentlichkeit sorgen wird. Das Konstantinopeler Judentum, in den gutjüdischen Vororten besonders, ist einstimmig in der Verurteilung eines solchen Chillul Haschern, wie ihn die Artikel des Franco bedeuten. Wenn irgendetwas dazu angetan ist, die bereits stark vorhandenen latenten Sympathien der ottomanischen Juden zum offenen klaren Ausdruck zu bringen, so sind es derartige, auf den Zionismus gezielte, aber das ganze Judentum ins Herz treffende Anklagen und Verleumdungen. Zionistische Volksversammlung Am Samstag den 16. Oktober hielt unser Gesinnungsgenosse Jakob Caleff aus Kairo in cler großen Synagoge „Ahrida" zu Balat eine zionistische Rede. Über tausend Menschen füllten den Tempel. Die klaren, ruhigen, in populärem Spaniolisch vorgetragenen Ausführungen des Redners, die den Zionismus darstellten, wie er ist, machten auf die Bevölkerung nachhaltigen Eindruck. Die Angriffe der letzten Tage fanden eine treffende und würdige Abwehr. Die Versammlung war durch den „Club de Ja Jeunesse" in Balat organisiert. Mesopotamien Der Gedanke einer jüdischen Kolonisierung Mesopotamiens tritt wieder in den Vordergrund. Der Minister der frommen Stiftungen (Efkaf), der soeben von einer Studienreise durch Europa zurückgekehrt ist und treffliche Ideen über die Verwertung der unkultivierten Gelände des ottomanischen Reiches mitbringt, hat einem Redakteur des „Courrier d'Orient" gegenüber den Plan ausgesprochen, Mesopotamien zum Teil durch jüdische Kolonisation zu erschließen. Er hat volles Vertrauen zur Intelligenz, Tatkraft, Friedlichkeit und Treue des jüdischen Elements. Ebenso hat der berühmte Ingenieur Willcocks, der soeben aus dem Zweistromlande eintraf und der Regierung seinen Bericht übermittelte, demselben Blatte identische Erklärungen zukommen lassen. Wie die „Aurore" meldet, hat nun der Efkaf-Minister bereits auch seinen Besiedlungsplan dem Großwesirat eingereicht und darin die Seßhaftmachung jüdischer Kolonisten in Mesopotamien mitbehandelt. Nach der Ansicht des Großrabbiners dürften schon im kommenden Frühjahr die ersten Ansiedlungen unternommen werden. Wahrscheinlich wird die Ica die Garantie für die Existenz der einwandernden Juden auf sich nehmen müssen und vonseiten der Regierung die sofortige Aufnahme der jüdischen Immigranten in den türkischen Staatsverband bewilligt werden. Die „Jewish Colonisation Association" entsendet dieser Tage ihre Forschungsexpedition nach Mesopotamien, die mehrere Monate dort weilen wird. Sie wird aus den Herren J. Niego, dem Landwirtschaftsinspektor für die Kolonien der Ica, Ettinger, dem Direktor der landwirtschaftlichen Unternehmungen in Rußland und einem Ingenieur für Bewässerungskunst bestehen. Spanien protestiert Ein Artikel der hiesigen Tageszeitung „Levant Herald" nimmt mit großem Elan die Verteidigung des Spaniolischen als Sprache der orientalischen Juden gegen die Grabrede, die ihr die „Aurore" vor kurzem widmete. Er begeistert sich für den Plan des Redakteurs der „Epoca", der den spaniolischen Jargon an der großspanischen Muttersprache veredeln, wenn möglich, durch sie ersetzen will. Was diesem Artikel sein ganz besonderes Pikantes gibt, ist, daß der Direktor des Blattes „Levant Herald" der hiesige — Vizekonsul von Spanien ist! Die „Aurore" gibt ihm in einigen Randbemerkungen einen feinen Abschied. Wie verlautet, hegt die spanische Regierung den Plan, in der Türkei Schulen für die sephardischen Juden zu gründen, um die spanische Kultur zu verbreiten. „Wir glauben," fügt die „Aurore" dieser Meldung hinzu, „daß weder die Pracht der Gebäude noch der freie Unterricht oder sonstige lockendste Versprechungen einen einzigen Juden, einen einzigen Nachkommen der Vertriebenen von 1492 vermögen wird, sich zu rühren, um von diesen Anstalten zu profitieren." _

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