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Die Welt · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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kussionsversammlung" angesetzt. (Er hat es seitdem nie wieder gewagt.) Rabbiner Dr. Guttmann sprach über den Judentag. Er trat warm für ihn ein. Aber nur unter einer Begingung: daß die Zionisten sich davon fernhielten. Und ihm sekundierte der Vorsitzende des Vereins und Vorsteher der Gemeinde mit einer schönen Wendung: alles, was die vaterlandslosen Zionisten gutheißen, lehne er a priori ohne Prüfung ab. Als Zionisten das Wort zur Erwiderung verlangten, wurde es ihnen nicht gegeben, weil sie nicht Mitglieder des Vereins seien. Als sie es stürmisch verlangten, drohte man ihnen mit dem Hinauswurf..... Inzwischen ist einiges anders geworden. Im Juni 1901 erklärte Professor Philippson bei einem Vortrag im Berliner „Verein jüdischer Studenten": „Uns lähmt noch die alte Ghettofurcht. So ist der Judentag augenblicklich iot, zur Freude aller Satten, Lauen und Faulen. Hoffen wir, daß er wieder auferstehe.'4 Aus der Diskusson jenes Abends im V. J. St. möge der Vergessenheit entrissen werden, daß von allen, die da sprachen, nur einer sich gegen den Judentag ausprach, Herr M. A. Klausner, der Aliiancemann. Im November desselben Jahres lebte die Frage wieder auf. In einem Rundschreiben eines vorbereitenden Ausschusses hieß es u. a.: „Es gibt kaum eine Bevölkerungsklasse, welche die Notwendigkeit der Gesamtvertretung nicht erkannt hat, eine solche nicht besitzt oder erstrebt. Sollen die Juden in Deutschland so lange warten, bis ihnen der Staat eine Gesamtvertretung auferlegt? Die geistigen Kräfte des Judentums sind in Deutschland stark genug, um aus sich heraus eine Organisation zu schaffen, die keinen andern Zweck hat als das zu fördern, was die Gesamtheit der deutschen Juden selber als für sich dienlich erachtet. Ist es hier gelungen, den Juden die völlige tatsächliche Gleichberechtigung zu erringen, dann kann sie dazu übergehen, auch den Glaubensgenossen im Osten ihre hilfreiche Hand zu leihen .... Früher oder später muß es zu dieser Gesamtvertretung kommen, dazu drängen die Verhältnisse mit zwingender Notwendigkeit." Der Name „Judentag" war offiziell erledigt. Die Notwendigkeit der „Gesamtvertretung" erschien wohl auch den Maßgeblichen noch nicht zwingend genug. Erst zwei volle Jahre später hörte man wieder von einer Konferenz, die sich mit der Frage befaßte. Am 24. April 1904 kam es dann endlich zur Begründung des „Verbandes der Deutschen Juden". „Wir müssen das Gesamtbewußtsein des jüdischen Stammes in Deutschland stärken und den Abfall brandmarken," sprach Philippson bei der Gründungsversammlung. Der Verband nahm sofort seine Tätigkeit auf, die mehr als alles vorherige Reden seine Existenzberechtigung erwies. Allerdings in der Hauptsache eine stille geräuschlose Tätigkeit seiner Ausschüsse. Zur ersten öffentlichen Hauptversammlung kam es erst im Oktober 1905. Wenn sie auch offiziell nicht „Judentag" genannt wurde, der Name blieb nicht bloß bei uns bestehen. 1907 war der zweite Judentag. Der dritte hat eben, am 17. Oktober, in Breslau getagt. Es war eine imposante, gut jüdische Veranstaltung. Der „JuJentag" wurde eingeleitet durch Festgottesdienste, die in den beiden Breslauer Gemeindesynagogen am Sonnabendvormittag abgehalten wurden. Zu Ehren des Tages waren die Gotteshäuser festlich mit Grün, mit Palmen und Blumen geschmückt. Am Abend war eine vertrauliche Vorbesprechung, — eine ganz geschickte Einrichtung, die die öffentliche Tagung entlastet und ihre demonstrative Wirkung erhöht und sicherstellt. Allerdings gehört dazu deutsch-preußische Gewöhnung an Disziplin. Nach einer Vorbesprechung, die etwa 2 V* Stunden währte, wurden die Delegierten von der Breslauer Gemeinde offiziell begrüßt und bewirtet. Die Tagung fand am Sonntagvormittag im großen, etwa 3000 Menschen fassenden Konzerthaussaale statt. Schon eine Woche zuvor waren alle Zuhörerkarten vergriffen. Um die für die Eröffnung festgesetzte Zeit erschien als Vertreter des Regierungspräsidenten ein Regierungsrat, später während der Rede Dr. Guttmanns auch der Oberpräsident der Provinz Schlesien, Staatsminister Exzellenz von Zediitz-Trützschler, in Begleitung eines Regierungsassessors. 402 Delegierte waren angemeldet, von denen 318 auch erschienen waren. Von unsern Gesinnungsgenossen sahen wir: Dozent Dr. Baneth-Berlin, Rabbiner Dr. Eppenstein-Briesen, Dr. Frank-Altona, Dr. Bernh. Kahn-Berlin, Rechtsanwalt Kollenscher-Posen, Dr. A. Sandler und Hugo Schachtel- Breslau, Hermann Struck-Berlin und Arnold Wiener-Kattowitz. Justizrat Dr. Horwitz-Berlin eröffnete die Verhandlungen und begrüßte die Anwesenden. Der Regierungsrat sprach ein paar Worte des Dankes und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Forderungen des Verbandes sich erfüllen mögen „zum. Wohle des Vaterlandes — im Sinne des staatserhaltenden Prinzips". J.-R. Horwitz erstattete dann den Geschäftsbericht. Darauf folgte die Rede des bekannten Breslauer Gemeinderabbiners Dr. Guttmann: „Die Idee der Versöhnung im Judentum." Die Rede war der geistige Höhepunkt des Judentages. Die tiefstgefühlte ehrlichste Entrüstung über die gehässigen Bemühungen moderner christlicher Theologen, den Ideengehalt des Judentums zum größern Ruhme des Christentums herabzusetzen, ließ den Redner seine glänzenden, klaren Ausführungen mit hinreißendem Schwünge vortragen. In flammender Begeisterung wahrte er den jüdischen Standpunkt gegenüber dem christlichen und stellte in scharfer Polemik, nicht ohne Ironie, dem christlichen Erlöserglauben die ethisch höhere Lehre von der Versöhnung, für die es keines Mittlers zwischen Gott und Mensch . bedarf, entgegen. Der Redner, der stellenweise mit zornbebender Stimme seine Verteidigung des Judentums, die zur Anklage für die andern wurde, hinausrief, riß die Masse der Zuhörer gewaltig mit sich fort und entflammte in ihnen eine manchem bis dahin ganz unbekannte Begeisterung für sein Judentum. Lautlose Stille herrschte im weiten Saale. Und als der Redner fertig war, folgte ein Beifallssturm, der sich lange nicht legen wollte. Aber es gab auch welche, die da nicht mit einstimmten. Nicht im Publikum, auf den Galerien, aber unter den Delegierten. Den Herren Kommerzienräten, Geheimräten, Justizräten und Landtagsabgeordneten war das vielfach gar nicht so recht gewesen, was der Redner da gesagt Auch manchem Rabbiner nicht. Einer der Offiziellen, einer, den sie glaubten, so ganz zu sich zählen zu können, wagte mit solcher Schärfe — war je so etwas erhört? — gegen das Christentum offen zu polemisieren. (In diesen Reihen konnte man Gesichter erbleichen sehen . . .) Und noch dazu hier, in dieser Öffentlichkeit, wo neben 3000 Juden auch drei Christen saßen . . . und diese gar noch drei Vertreter einer hohen Siaatsregierung .... Eben noch, als der Oberpräsident zu Beginn der Rede Guttmanns den Saal betrat, hatten sie sich alle von ihren Plätzen erhoben und hatten gestanden, bis auch er sich gesetzt. Und dieselbe Exzellenz mußte nun so bittere Wahrheit hören .... Doch vielleicht hatte er gar nicht recht hingehört?! Nachdem der Beifallssturm, der Dr. Guttmanns Rede folgte, sich gelegt hatte, begrüßte der Vorsitzende den Oberpräsidenten. (Wieder stand natürlich alles auf . . .) Herr von Zediitz-Trützschler dankte mit folgenden Worten: „Auf der Tagesordnung stehen an zweiter und dritter Stelle Gegenstände von so allgemeiner Bedeutung und so tiefgreifender Rückwirkung auf die allgemeinen politischen und staatlichen Verhältnisse, daß ich für die Einladung dankbar war und gern erschienen bin, in der Hoffnung, etwas zu lernen und etwas für mein Amt und für meine Pflicht aus diesem Saal hinauszunehmen. Aber ich bin nicht nur Beamter, sondern auch Mensch, und als solcher stehe ich, ein überzeugter Christ, auf dem Boden des neuen wie des alten Testaments. Ich scheue mich nicht, dies auszusprechen, und würde glauben, feige zu sein, wenn ich dieses nicht täte gegenüber den polemischen Ausführungen, die wir soeben gehört. Wer * mich kennt, weiß, daß ich frei von jeder verketzernden Meinung bin und frei von jeder Nichtachtung einer andern Überzeugung. Das habe ich in meinem langen privaten und dienstlichen Leben bewiesen. Das hier ebenso wie meinen Christenstand zu bekennen, war mir Bedürfnis. Trotzdem wünsche ich den Verhandlungen den besten Erfolg." Das war allerdings ein peinlicher Moment. Herr von Zediitz- Trützschler ist in der Tat als ein vornehmer Charakter und als einer der sehr wenigen aus obern Regionen bekannt, die uns aufrichtig wohlwollen und die uns unsere Rechte zuteil werden lassen möchten. Bei aller Bewunderung der Guttmannschen Rede wird man doch diese peinliche Situation begreifen und verstehen. Die Rede war in ihrer stark polemischen Form ein taktischer Fehler vor dem Mann, den man politisch für sich einnehmen wollte. Denn dazu war er doch geladen. Die Lehre für den Verband der deutschen Juden sollte daraus sein, daß es ein Fehler ist, bei politischen Tagungen religiöse Referate halten zu lassen . . ., etwas, was wir Zionisten von allem Anfang ganz mit Recht vermieden haben, woraus uns aber manche einen Vorwurf machen .... Den Worten des Oberpräsidenten folgten die beiden ausführlichen politischen Referate über die „Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen" und über „Die Juden in den Ostmarken, was haben sie dem preußischen Staate, und was hat er ihnen geleistet?", die die Regierungsvertreter sich bis zum Ende anhörten. Nach einer halbstündigen Essenspause fanden die Wahlen statt, worauf dann eine kurze Diskussion folgte, die die Ausführungen der Referenten in einzelnen Teilen ergänzte. Neue Momente brachte die Debatte nicht. Erfreulich war die starke Betonung seines Judentums durch den bekannten preußischen Landtagsabgeordneten, Justizrat Cassel-Berlin. Um 3lk Uhr nachmittags schloß der Vorsitzende die Verhandlung, und sang- und klanglos ging man auseinander.

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