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Die Welt · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 43 DIE^ELT -= 941 nicht die heilige russische Hermandad dem ausländischen Juden Lombroso den Aufenthalt verbieten oder wenigstens eine Bevollmächtigung von Seiten einer eingetragenen Handelsfirma verlangen würde. Moskau ist ja der richtige Platz dafür, und der damalige Generalgouverneur, Großfürst Sergius, war ja ganz darnach angelegt. Lombroso sagte mir, er wäre froh gewesen, einmal als Jude behandelt zu werden, in Italien hätte er dazu nie Gelegenheit gehabt. Er bedauerte, daß er in Rußland keine Zeit hatte, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen; die Frage, sagte er, gehe ihn sehr nahe an. Er wisse nicht, wie Rußland das geistige Kapital entbehren könnte, das die russischen Juden besitzen. Dieses geistige, dieses moralische Kapital, meinte er, haben die Juden im Laufe der Jahrtausende angesammelt. Die kosmopolitische Anschauung, daß die Völker gleich seien, daß die menschlichen Ideale allen Völkern voranleuchten müssen, mag wohl — meinte er — ihre Berechtigung haben. Es kann jedoch auch jener Anschauung nicht jede Berechtigung abgesprochen werden, wonach jedes Volk eine gewisse Individualität darstellt, und daß, wenn auch die Juden mit dem allgemeinen Fortschritt vorwärts schreiten müssen, sie wohl eine bestimmte, selbständige Rolle in jeder Umgebung, in der sie leben, zu spielen haben. Wohl mag die Empfindlichkeit der Arier gerechtfertigt erscheinen, mit der sie sich gegen die Überlegenheit der jüdischen Rasse sträuben. Gerechtfertigt ist jedoch jene jüdische Renaissanceströmung der Juden, die den Wunsch hegen, ihre Vorzüge und ihr Talent, wo sie es können, im Leben der Völker, wo sie es* aber nicht können, im eigenen Leben zur Geltung zu bringen. Das war eine unbeabsichtigte wissenschaftliche Begründung der Notwendigkeit und kulturellen Nützlichkeit national-jüdischer Bestrebungen. Nach Lombroso ist dies der natürliche Drang nach Leben, nach Freiheit, nach einer Betätigung und Entfaltung innerer verborgener Kräfte. Die Unterredung wurde damals veröffentlicht und gab zu Angriffen seitens mancher antisemitischen Zeitungen Anlaß. Die Antisemiten arischer Rasse waren überhaupt nicht gut auf Lombroso zu sprechen, hatte er ja die Hetzleidenschaft gegen die Juden als ein Objekt seiner Analyse, natürlich als eine krankhafte Erscheinung von ansteckender Art qualifiziert. Aber auch die Antisemiten semitischer Rasse, die theoretischen Selbstmörder, die sonst Lombroso als eine jüdische Berühmtheit für das Pantheon unserer Kapazitäten gelten ließen, verschwiegen wohlweislich seine zionistischen Sympathien, weil diese ihnen nicht in den Kram paßten. Und doch waren diese Sympathien keine ephemere Laune. Mag auch unser verehrter Meister Nordau durch sein langjähriges freundschaftliches Verhältnis und durch die große Geistesverwandtschaft, die ihn mit dem Verblichenen verband, viel dazu beigetragen haben, den Zionismus dem Bewußtsein Lombrosos näher zu bringen, — die wesentlichen Motive sind jedoch tiefer in den Ideen Lombrosos begründet. Der Typusforscher, der Seelenkenner, der große Theoretiker des Vererbungsgedankens mußte die Eigenschaften des Typus nicht nur in minus, sondern auch in plus erkennen und werten. Er mochte nicht trennen, was zusammengehört und sich wechselseitig ergänzt: Rasse und Kultur, Vererbung und Erziehung. In dieser Auffassung liegt der Angelpunkt nationaler Bestrebungen. Damit trat der Typuspsychologe den seichten Banalitäten einer Gleichmacherei entgegen. Das war das Leitmotiv seiner Gedanken, die, auf ein anderes Gebiet hinüberspielend, eine wissenschaftliche Grundlage für die Berechtigung der Existenz und der Pflege nationaler Besonderheiten schafft. Das ist es, was ihn unsern Herzen näher brachte, und das soll in einer zionistischen Zeitschrift gebührend hervorgehoben werden. Seine letzten Ferien, die erst vor einigen Wochen zu Ende gingen, brachte Lombroso mit seinem Schwiegersohn, dem berühmten Gugliemo Ferrero, und mit unserm Nordau zu. Sie waren zusammen in Stresa in Norditalien, und noch war Lombroso körperlich und geistig vollkommen ungebrochen. Er interessierte sich, noch sehr lebhaft für ein gewisses literarisches Unternehmen, das uns sehr nahe angeht und für das er seine Mitarbeiterschaft in Aussicht stellte. Jetzt kommt die Nachricht von seinem Ableben. Ehre seinem Andenken! Es ist ein dumpfes Gefühl unsagbarer schmerzlicher Trauer, das über uns waltet, wenn uns einer entrissen wird, von dem man noch vieles erwarten durfte; aber in der aufrichtigen, tiefen Wehmut, die uns ■ erfüllt, tröstet uns das erhebende, stolze Gefühl, daß wir ihn besessen, und die feste Zuversicht, daß er fortleben wird in den Werken, die er geschaffen und die für alle Zeiten als ein großes wissenschaftliches Denkmal bestehen werden. Ehre seinem Andenken! Möge seine verklärte Gestalt unter den Leuchten der Wissenschaft, die unser Volk der Menschheit gegeben hat, im Glänze der Unsterblicheit fortstrahlen! Unter den Kränzen, die man auf sein Grab häufen wird, möge auch dieses bescheidene Blümchen jüdischer Anerkennung seinen Platz finden! Es wird nie verwelken, weil es vom Herzen kommt.... N. Sokolow Dritter deutscher Judentag (Von unserem Spezialberichterstatter) Es war eine für die deutschen Juden trübe Zeit, es war in den Tagen der Konitzaffäre, als Professor Martin Philippson die erste Anregung zur Schaffung des „Aligemeinen deutschen Judentages" gab. In stolzen, kraftvollen Worten, die von Herzen kamen, ließ er seinen Weckruf erschallen, den er bescheiden „Einen Vorschlag" überschrieb. Uns Zionisten klangen die Worte nicht fremd, — wir hatten sie ähnlich in unserm Lager oft gehört. Aber den andern! „Es muß alles versucht werden, um diesem sich immer bedrohlicher gestaltenden Niedergange der Judenheit entgegenzutreten. Dazu gehört vor allem, daß wir Selbstgefühl und Festigkeit wiedergewinnen, daß wir, anstatt zu betteln und zu klagen, hinter andern herzulaufen, uns wieder auf eigene Füße stellen." Solche Worte in der „grünen Allgemeinen". Und weiter war an dieser Stelle gesprochen von „alterprobter Tatkraft und Elastizität des eignen Volksstammes". Das war im Jahr 1900 in einem nicht zionistischen Organ der deutschen Juden etwas Unerhörtes. Dem Wort folgte nicht gleich die Tat. Wohl bei Professor Philippson. Aber wenn er auch Präsident des deutsch-israelitischen Gemeindebundes war, die andern folgten so willig nicht. Es fand wohl die eine und andere Konferenz statt, in der die Frage besprochen wurde, aber darüber kam man zunächst nicht hinaus. Und man zögerte um so mehr, als Professor Philippson eine sehr verdächtige Unterstützung gefunden hatte: die Zionisten propagierten die Idee des Judentages. Und in der Konferenz vom 3. Mai 1901 wurde Professor Philippson beschuldigt, „vor den Zionisttn Verbeugungen gemacht zu haben". Ein Kapitalverbrechen: er hatte bei einem Vortrag in Berlin den Zionisten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Konnte es damals Schlimmeres geben? Ein Bildchen aus jenen Tagen: In Breslau, wo jetzt der Judentag tagte, hatte damals der gemeinde-offizielle Literaturverein eine „Dis-

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