Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben geforscht, geschaffen, zu umfassen und vor allem in wenigen Worten all dem Ausdruck zu verleihen, was den Gebildeten bei der Trauerkunde von dem Ableben Lombrosos bewegt. Cesare Lombroso war mehr Träger der Humanität, als Zunftgelehrter. Wenn nach einem bekannten Wort unserer Weisen derjenige, der auch nur eine Seele in Israel erhält, demjenigen gleicht, der eine ganze Welt erhält, — und wenn das sich, selbstverständlich, auf alle Seelen bezieht, so kann man von Lombroso sagen, daß er durch seine Vertiefung des Rechtsverständnisses viele Tausende Unschuldige vom Untergang gerettet hat. Er wirkte mehr auf die öffentliche Meinung als auf die Justiz, aber müssen diese nicht zusammengehen? Müssen nicht auf den kurulischen Stühlen Männer sitzen, die auch in der Gesellschaft wurzelnde Mandatare der Nation sind, also alle Übel und Bedürfnisse der Nation kennen, die wohl mit dem Ansehen ihrer Amtsstellung Recht sprechen können, aber ständig übereinstimmend mit dem Rechtsgefühl der Gesellschaft rechnen müssen? Die Unmittelbarkeit und die freie richterliche Erwägung sind die Institutionen, die in der modernen Rechtsprechung zwischen Judikatur und Gesellschaft die Wechselwirkung herstellen. Oberall, wo dem Richter diese Möglichkeit entzogen wird, verwandelt sich der Richterstand in eine abgeschlossene, mit den Wirklichkeiten des Lebens in keinerlei Verbindung stehende Kaste. Darin liegt der Keim aller Gebrechen. Die Scheidewand zwischen Richter und Laientum wird nur durch die Aufklärung aufgehoben. Und diese Aufklärung muß durch und durch modern sein. Die feinsten Nuancen der Rasse, die Geheimnisse der Vererbung, die leisesten Regungen der Dekadenz müssen verstanden, sie müssen empfunden werden. Lombroso war ein feiner Forscher, fein wie ein Musiker, genial und geistreich, sogar dichterisch angehaucht. Es ist uns, als wäre unserer Familie ein Mitglied entrissen, als habe der unerbittliche Tod in unserm Hause eine schmerzliche Lücke geschlagen, denn Lombroso war ein Jude. Er betätigte sich nicht als solcher, er diente der Menschheit und der Wissenschaft, aber diesen Tribut muß jedes Volk bringen. Es können nicht alle Juden nur auf jüdischem Gebiete arbeiten, wir müssen auch für die Allgemeinheit unsere Mannen stellen, unsere Beiträge, die Erzeugnisse unseres Geistes liefern, und in der Person Lombrosos verlieren wir einen derjenigen, die einen lebendigen Beweis dafür liefern, wie gestaltungsfähig, vielseitig und schöpferisch der jüdische Geist sein kann. Lombroso war ein italienischer Emanzipationsjude, ein Vollmensch, fast ein Übermensch, aber in seinem empfindungsreichen Wesen, in der sonnigen Farbe seines Stils, in der Lebhaftigkeit seiner Phantasie ist viel Jüdisches. Er war ein Sohn jener alten Rabbineil, die in den großen Lehrhäusern Livornos und Venedigs Talmud gelehrt und Religionsphilosophie gepflegt haben. Die Zeiten sind anderes: die „Parnessim" von früher sind jetzt Minister und Deputierte: die Lamorontis von früher sind jetzt Lombrosos . . . Aber es ist dieselbe Rasse und derselbe Geist. Lombroso stand uns nahe. Er kannte und schätzte den Zionismus. In der „Welt" (1898, Nr. 30) schrieb er einen Aufsatz, den wir hier wiedergeben: Als ich zum erstenmal vom Zionismus reden hörte, empfand ich Lust 2u lachen, und das Lächeln wich auch nicht, als mir Dokumente vor Augen kamen, die jeden andern klüger gemacht haben würden, so die schönen Artikel Nordaus und Herzls. Der erste Zweifel an der Richtigkeit meiner Ansicht kam mir auf der Fahrt zwischen Moskau und Warschau, auf jener Strecke, wo jede Station mit wahren Herden von armen Juden besät ist, die um ihr Leben kämpfen und sich zu diesem Zwecke an das erste moderne Handels Werkzeug, die Eisenbahn, anklammern. In einem Waggon sprach ein junger polnischer Arzt, ein Jude, mich an, und nachdem er mich über meine Ansicht über den Zionismus befragt, nachdem er mein Lächeln gesehen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht, als hätte man ihm eine Ohrfeige versetzt. „Sie haben nicht die Tausende und Tausende von Opfern gesehen, die vergeblich um ihr Leben kämpfen, die weder ein Vaterland noch Güter besitzen, noch Mittel, um sich solche zu verschaffen, deren Verbrechen der Glaube ist," antwortete er mir. Ich drückte dem jungen Juden die Hand. „Ich bin gewohnt, alle Meinungen zu achten, wenn sie edel sind," sagte ich. „Ich achte auch die Ihrige, wenn ich sie auch noch nicht teile, aber ich werde später darüber nachdenken.4* Und richtig vor einigen Tagen legte mir ein junger jüdischer Propagandist Dokumente vor, die beweisen, daß das, was mir als ein Märchen für Fanatiker erschien, bereits einen schönen Anfang zur Ausführung gemacht habe, daß die Hauptschwierigkeit, nämlich Leute zu finden, die an landwirtschaftliche Arbeit gewöhnt sind und sich daher an sie bequemen, sehr vernünftig überwunden wurde, indem man junge Leute zu diesem Zwecke erzieht, daß endlich jene Kolonien nach den modernsten Methoden entstanden sind. Die starke und frühreife Kultur jener Kolonien verheißt reiche Früchte, und die Erziehung ist dort in einer Weise eingerichtet, daß die landwirtschaftiche Arbeit nicht die literarische und wissenschaftliche ausschließt. So verspricht denn Zion das Beispiel einer neuen Bevölkerung zu bieten, die mit den alten Oberlieferungen alle modernen Hilfsmittel vereinigt, der es gelingt, alle jene durch die Jahrhunderte und das Unglück in der hebräischen Rasse entwickelten verborgenen Kräfte zusammenlaufen zu lassen. Jetzt, da ich die ganze Größe meines Irrtums begriff, erklärte ich ihn mir leicht, wenn ich ihn auch nicht rechtfertigte. Die Bewohner Westeuropas, wenigstens die Frankreichs und Italiens, wo die Juden einen kleinen Bestandteil der Bevölkerung ausmachen, wo sie vollkommen alle bürgerlichen und politischen Rechte genießen, wo sie keinen Antipathien begegnen noch begegnen können, noch Ursache haben, ihnen zu begegnen — vergessen die biblische Überlieferung vollständig wie ein Kindermärchen und lassen die ganze politische Leidenschaft konvergieren, die die Hebräer stets im Blut haben, durch die sie eines der patriotischesten Völker der* alten Welt wurden, durch die sie das Beispiel des außerordentlichsten politischen Fanatismus geben, indem sie sich mit einer Handvoll Menschen zweimal gegen'das römische Reich erhoben. So konvergieren sie, sage ich, zugunsten des Landes, in dem sie leben, dem sie berühmte Märtyrer geben, für das sie die doppelte Liebe des Neophyten und Patrioten empfinden. Aberhaben jene, weil es ihnen gut geht, und weil sie ein Vaterland gefunden haben, das Recht zu vergessen, daß sie Brüder besitzen, denen es schlecht geht, die kein Vaterland haben? Haben jene das Recht zu vergessen, wieviele Tausende, Millionen von Menschen dem Spott und Verfolgungen ausgesetzt sind, blos wegen der höchst edlen Tatsache, daß sie einen Glauben besitzen? Darf vergessen werden, daß der Zionismus für diese Vaterlandslosen eine Wiege, für alle eine Hoffnung, und eine sichere Antwort für alle werden kann, die den Hebräer beschuldigen, daß er zu nichts taugt, als mittels Ränke und Wucher Geld zusammenzuscharren? Darum habe ich mich überzeugt, daß ich mich auch in einem Irrtum befand, als ich die Idee des Zionismus verspottete. Wenn' sie in der jetzigen Weise von hervorragenden Männern weitergeleitet werden, so verheißen sie, daß wir ein neues, glückliches, an Geist und Energie mächt'ges Volk hervorgehen sehen werden, das vom alten nichts haben wird, als die Überlieferung, die Klugheit und den Scharfsinn. Das waren Lombrosos Ansichten über den Zionismus. Schreiber dieser Zeilen sah ihn im Jahre 1902 in Turin und unterhielt sich mit ihm lange. Der Eindruck dieser Unterredung ist noch frisch im Gedächtnis. Es war kurz nach seinem Besuch in Rußland, wo er dem Ärztekongreß in Moskau beiwohnte. Viel wurde zu jener Zeit darüber gesprochen und — gescherzt, ob