Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316393--52416-3346115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

daß diese wichtige Institution der studierenden jüdischen Jugend endlich übergeben wurde. Es ist bekannt, daß in Qalizien deshalb die juridische Fakultät von den Juden so zahlreich besucht wird, weil dies mit geringen Kosten verbunden ist, und daß manches Talent, das sich auf anderm Gebiete mit Erfolg betätigen könnte, verkümmert wird. Nun sollen diese hellen, sonnigen, hygienisch eingerichteten Räume zirka hundert Studenten zur Verfügung stehen gegen eine sehr geringe Taxe, von der die ganz mittellosen befreit werden. - Doch hat die allpolnisch-antisemitische Hetzpresse auch auf dieses Werk der edlen Wohlttätigkeit ihre vergifteten Pfeile gerichtet. Weil das Werk der Arbeit der zionistischen Studenten sein Entstehen verdankt, sollen es die polnischen Juden boykottieren, denn das Haus wird einen Herd der zionistischen Agitation bilden. Eine Antwort auf die Hetze war die glänzende Eröffnungsfeier. Um 9 Uhr fand ein Gottesdienst im Tempel statt, um 11 Ulr begann die Feier im festlich geschmückten Saale des Studentenheims, auf dessen Fassade eine hebräische Inschrift angebracht ist. Der Vizepräsident der Stadt Lemberg, der bekannte Assimilant, wagte trotz der Angriffe des „Slowo Polskie", die Feier zu eröffnen, als Protektor des Vereins der Rigorosanten, dem das Heim gehört. Der verdienstvolle Initiator Herr Dr. Sommerstein sprach schlichte Worte, in welchen er die Geschichte der Entstehung schilderte. Jubelnd begrüßt, hielt der Abgeordnete Stand eine Rede, die darin gipfelte, daß das jüdische Studentenheim die Stätte des jüdischen Geistes sein sollte. Der Vertreter der polnischen, fortschrittlichen Jugend, Herr Dr Oilowski, verdammte die feindselige Haltung seiner chauvinistischen Konnationalen und brachte ein Hoch auf das Heim und die jüdische Jugend. Im weitem Verlaufe der Feier verlas man die eingelaufenen Telegramme, darunter von der Kabinettskanzlei des Kaisers, in dein von dem Jubiläumsbau Kenntnis genommen und gedankt wird, vom Statthalter Dr. Bobrzynski und Landmarschall Grafen Badeni, die ihr Fernbleiben entschuldigten, vom Präsidenten des Obern Landesgerichts, Exzellenz Tchörznicki, der dem Studentenheim wünscht, es möge den Brennpunkt der Kultur der jüdischen Nation und seiner wackern Jugend bilden. Um 1 Uhr schloß die stimmungsvolle Feier. Bezalelausstellung in Lemberg Die rührige Palästinakommission unter Leitung des Herrn Dr. Alexander Hausmann gedenkt Ende dieses Jahres eine größere Bezalelausstellung in Lemberg zu arrangieren. Es werden Arbeiten des Bezalel um zirka 4000 Kronen bestellt, die hier verkauft werden sollen. An die Ausstellung werden sich Vorträge über Bezalel und sonstige Palästinafragen anschließen. Das galizische Zentralkomitee hat auf Anregung der Palästinakommission beschlossen, einen Vertrag mit dem österreichischen Lloyd abzuschließen, betreffs Erleichterung der Fahrt für die Auswanderer nach Palästina; ferner befaßt es sich mit der Realisierung des Gedankens der Stanislauer Zionisten, eine galizische Kolonie in Palästina zu begründen. Kleine Chronik Das ostgalizische Distriktskomitee hat für den 17. d. M. die Vertrauensmänner seines Distriktes eingeladen. Am 10. d. M. fand eine Konferenz der Studenten statt, auf der man sich mit der Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität auf den galizischen Universitäten und der Polytechnik und der Frage der Einberufung eines jüdischen Studententages in Lemberg beschäftigt hat. Rußland (Von unserrn Berichterstatter) „Russ koje Znamja" über die Konferenz der Vorsteher der jüdischen Intelligenz Wie bekannt, hat das Ministerium des Innern erlaubt, eine Konferenz der Vertreter der jüdischen Intelligenz in Grodno zu organisieren. Die Zeitung „Russ koje Znamja" ist über diesen Fall empört und überredet die echt-russischen Leute, die energischsten Maßregeln zu ergreifen. Also, schreibt diese antisemitische Zeitung, sollen die Juden als gleichberechtigte Bürger anerkannt werden! Die freiheitliche Bewegung und ihren Anteil an der Revolution hat man schon vergessen, — nicht das Volk, natürlich, sondern die Regierung. Die Rabbinerkonferenz, deren Zweck die Aufklärung über Religionsfragen gewesen, hat vielleicht noch einen Sinn gehabt, aber eine Konferenz der Vertreter der jüdischen Intelligenz? Jeder Russe weiß, was ein jüdischer Intellektueller ist. Der loyalste von ihnen ist ein Kadett, der gemäßigste — ein S-D oder ein S-R und der radikalste — ein Anarchist. Die bureaukratischen Kreise, schreibt die Zeitung weiter, haben plötzlich ein großes Interesse für die Judenfrage verspürt. Um es zu konstatieren, genügt es, das „oktobristische- Barometer zu betrachten. Es zirkulieren Gerüchte, daß die Oktobristen in der nächsten Session die Judenfrage berühren werden und daß sie beschlossen haben, viele Begrenzungen aufzuheben und den Juden Rechte zu erteilen. Eine jüdische Deputation bei Tolniatschow Der Generalgouverneur von Odessa, Tolmatschow, hat in diesen Tagen eine jüdische Deputation empfangen, die ihn um die BestätigungderWabl eines neuenStaatsrabbiners anstatt des „berühmten" Awinowitzki ersuchte. Tolmatschow hat es ihnen zugesagt, doch unter der Bedingung, daß der neue Kandidat nicht yon angesehener Familie stammen und sich nicht mit Politik befassen soll. Tolmatschow hat weiter erzählt, daß man eine Malversation, von Awinowitzki entdeckt hat, die er mit der für die Familie des verstorbenen Schriftstellers Jehuda Steinberg bestimmten Geldsumme begangen habe. Das jüdische Glück Wie bekannt, wurde in diesen Tagen ein kaiserlicher Erlaß veröffentlicht, wonach die Resolution des Ministerrats über die Prozentnorm für die Juden in den Mittelschulen bestätigt wird. Leider aber werden die Juden in diesem Jahre keinen Nutzen davon haben, daß die Norm etwas vergrößert wurde. Als dessen Ursache kann folgendes betrachtet werden: Bevor die obenerwähnte Resolution gefaßt wurde, hat der Ministerrat einen langen Kampf mit Schwarz geführt, welcher behauptet hat, daß die Norm von 10°/o und 15 %• zu groß sei. Die meisten Minister aber sind den Juden gegenüber freundlicher gestimmt und haben beschlossen, die Meinung des Ministerrats und die des Ministers Schwarz dem Zaren vorzulegen. Der Zar hat den Beschluß des Ministerrats zwar sanktioniert, doch hat inzwischen das Schuljahr begonnen, und die jüdischen Schüler werden in diesem Jahre von diesen Erleichterungen nicht mehr profitieren. Die verhafteten Rabbiner In ganz Litauen hat die Verhaftung der Rabbiner Ratner aus Dwinsk, Polak aus Reschitza und Kahn aus Mohylow einen starken Eindruck gemacht. Alle verhafteten Rabbiner hat man nach Jekaterinoslaw verschickt, wo sie in der Haft verbleiben, zusammen mit 16 Arrestanten. Dank vielen Bemühungen wurden sie in eine andere Zelle gesperrt in der Nachbarschaft der zum Tode Verurteilten. Nach der Untersuchung wurden die Rabbiner Ratner und Polak freigelassen. Man beschuldigt die Rabbiner, einer Organisation angehört zu haben, die jüdische Jünglinge vom Militärdienst befreit haben soll. Die Nachklänge des Bialystoker Pogroms Vorigen Mittwoch fand beim Petersburger Kreisgericht der Prozeß des Redakteurs der russisch-jüdischen Wochenschrift „Woschod", Rechtsanwalts M. Syrkin, statt Man beschuldigte Herrn Syrkin, er habe in seinen Artikeln Anspielungen auf die Teilnahme der Behörden am Pogrom gemacht. Der Verteidiger des Herrn Syrkin, Rechtsanwalt Goldstein, forderte, daß man als Zeugen den gewesenen Grodnoer Gouverneur Kister und auch die gewesenen Dumadeputierten Prof. Schtsehepkin und Rechtsanwälte Jakobsohn und Arakanzew, berufen soll, welche delegiert wurden, um den Pogrom an Ort und Stelle zu erforschen. Diese Forderung wurde abgelehnt. In seiner Rede erklärte der Angeklagte, daß alles, was er geschrieben hat, wahr ist und daß er seine Worte nicht zurücknehmen werde, wenn, ihm auch die strengste Strafe drohen sollte. Das Gericht verurteilte den Rechtsanwalt Syrkin zu einer Geldstrafe von 100 Rubel oder im Nichtzahlungsfalle zu einer einmonatigen Haft. Die Prozentnorm In Petersburg ist eine Deputation jüdischer Studenten angekommen, die ein Konkursexamen bestanden haben und doch in das Warschauer Polytechnikum nicht aufgenommen wurden. Die Deputation hat sich an den Handelsminister gewendet, unter dessen Aufsicht sich dieses Institut befindet. Im ganzen wurden 17 Studenten angenommen von 180, die ihr Examen bestanden haben. Ein Jude in die Duma gewählt Odessa, 11. Oktober. Bei der Ersatzwahl zur Reichsduma für den Abgeordneten Pergament (Kadettenpartei) wurde Rechtsanwalt Brodsky, der gleichfalls der Kadettenpartei angehört, gewählt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.