Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316393--52412-3346111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fragt nicht erst danach, ob seine jüdischen Volksbrüder daran denken wollen, die Sprache ihrer inquisitorischen Henker von neuem, ja unter Opfern und Anstrengungen, als ihre Herzenssprache zu adoptieren. Die jüdische Presse der Türkei bleibt die Antwort auf diese Zumutung nicht schuldig. Wir fürchten, der Urheber des bizarren Gedankens mit seinem Kampf wird sich in jener „splendid Isolation" befinden, die seinem altspanischen Windmühlenheros seine Unsterblichkeit in der Literatur verschaffte. Zwei Reden Am Sonntag den 3. Oktober veranstaltete der „Jüdische Turnverein Makkabi" eine große öffentliche Versammlung im Saale der Teutonia. Als Redner waren die Herren Nahum Sokolow und W. Jabotinsky gewonnen worden. Der Saal war überfüllt. Die Rede Nahum Sokolows war ein epochales Ereignis. Nicht nur, weil sie gedankenvoll und überzeugend war, sondern vor allem deshalb, weil sie hebräisch war. Mit ihr war der Einzug der hebräischen Sprache als des nationalen Ausdrucks unserer Zukunft in die Hauptstadt des ottomanischen Reichs vollzogen. Es wurde ihr mit einem tiefen Respekt, zum Teil mit überquellender Rührung und mit freudiger Begeisterung gelauscht. Für die Nichtwissenden, und das war der allergrößte Teil der Versammlung, war die Leichtigkeit, mit der der Redner das altneue Instrument handhabte, die Modulationsfähigkeit und der Wohlklang des biblischen Idioms eine Offenbarung. Der Eindruck war außerordentlich, und es ist kein Zweifel, daß es nachhaltig fortwirken und mehr, als alle theoretische Propaganda es könnte, zur Ausbreitung des Studiums des Hebräischen in Konstantinopel beitragen wird. Überall spricht man bereits von hebräischen Klubs und Kursen. Herr Sokolow benutzte die drei Begriffe Makkabi, Sukkoth und Konstantinopel als Kernpunkte seines Vortrags. Makkabi charakterisierte er als Geist der Kämpferschaft und der nationalen Einheit zugleich, der wieder zu erwecken wäre; die Sukkah erschien ihm als der Ausdruck der Flüchtigkeit und der Wanderschaft des jüdischen Volkes, die endlich festem Wohnsitz und ewiger Dauer Platz machen sollten; Konstantinopel bezeichnete er als den Kraftpunkt im neu erwachenden Orient, an dem die Etablierung einer gesunden jüdischen Volksexistenz Stütze und Vorkämpferschaft zu erwarten habe. Die beiden einseitigen Ideale der Völker im Kampfe um das Dasein, das Spirituelle und die physische Kraft, müßten im neuen Judentum zu solider Einheit verschmolzen werden. Diese Verschmelzung werde sich nur da vollziehen, wo die Juden bodenständig würden. Nirgend anders wäre so der Boden dazu vorhanden wie im türkischen Orient, zu dessen integrierenden Teilen Palästina, die Heimat und das Traumland der Juden, gehöre. An den ottomanischen Juden sei es, die Heilung und Einigung des Volkes zu beginnen und in sich als Gesamtheit den Typus des Makkabi wiederherzustellen. Einige Erläuterungen in deutscher Sprache aus dem Munde des Redners selbst halfen dem Verständnis derjenigen nach, die den hebräischen Erörterungen nicht hatten folgen können. Herr Jabotinsky sprach Italienisch, das dem an romanische Klänge gewöhnten Publikum vertrauter war. Er behandelte das Thema: „Was wir von euch verlangen" im nationalen Sinne. Er zog zuerst den Gegensatz zwischen der trägen Liebe zum ruhigen Leben des Orientalen und dem Geiste des Aufschwungs, der in der jungen Türkei wie im Judentum eingezogen ist. Sodann stellte er fest, daß es durchaus keine materiellen Opfer sind, die der nationale Gedanke von den ottomanischen Juden verlange. Auch Aufgabe ihres patriotischen Strebens verlange er durchaus nicht, irn Gegenteil: „Er verlangt euch stark und einflußreich zu sehen auf eurem Posten." Hierzu ist vor allem nötig, daß die ottomanischen Juden, die selbstverständlich wie die besten aller Bürger ihrer vaterländischen Pflicht zu genügen habeir sich vollkommen die türkische Staatssprache aneignen. Nur so werden sie dem Staate gut dienen und im öffentlichen Leben des Landes den Platz einnehmen könne;], der ihrer Intelligenz und ihrer Arbeitskraft zukommt und der ihnen nötig ist, um dem universellen Judentum wahrhaft wertvoll zu werden. Zugleich aber haben sie sich daran zu erinnern, daß sie stark und von Einfluß als Juden sein sollen. Sie haben bewußt und fest in der nationalen Einheit zu bleiben. Ohne diese Verbindung mit der großen Judenheit wird ihre kleine Zahl sich durch die Assimilation in den Millionen der ottomanischen Völkerschaften verlieren und, anstatt stark zu sein, vollkommen zunichte werden. Würden sie etwa dieses Verschwinden in perverser Auffassung als patriotische Pflicht betrachten, so würden sie damit schweren unverdienten Argwohn auf die andern nichttürkischen Ottomanen werfen, die alle anders denken und alle die Erhaltung ihrer nationalen Individualität als unverrückbares Ideal betrachten. Das müßte zu einem gefährlichen Gegensatz führen, der die Juden zwischen dem Hasse der christlichen Nationen und der Verachtung der türkisch' n zerreiben würde. Darum müssen die ottomanischen Juden nationale Juden bleiben. Als erstes Hilfsmittel, sich als solche zu erhalten, und zugleich als einziges reales Bindemittel mit der universellen Judenheit müssen sie das Hebräische kultivieren. So ausgerüstet, werden die ottornanischen Juden die Avantgarde für unser Volk und für den Fortschritt ihres Landes zugleich werden können. Viele Hindernisse und Schwierigkeiten werden sich ergeben, aber der Weg ist voll Ehren und glücklich, wer ihn vollendete. Beide Reden wurden mit begeistertem Beifall von der Zuhörerschaft aufgenommen. Faraggi Effendi, der Deputierte für Saloniki, der den Vorträgen beiwohnte, drückte seine rückhaltlose Zustimmung zu den in ihnen entwickelten Ideen aus. Die gesamte Presse Konstantinopels in französischer Sprache machte sich zu ihrem Widerhall. Der „Jüdische Turnverein Makkabbi" hat mit der Arrangierung der Versammlung seinen vielen Verdiensten ein neues hinzugefügt, das ihm nicht vergessen werden wird. Rabbaniteil und Karäer — eine Verbrüderung Ich sprach von einem epochalen Ereignis; es ist nicht das einzige der vergangenen Woche geblieben. Am Donnerstag fand das zweite statt, "und wiederum ist der Name Sokolow damit verbunden. Er war einer Einladung der Konstantinopeler Karäergemeinde in Haskiöi gefolgt und hatte sich in ihre Synagoge zur Feier ihres Simchat-Torarestes begeben. Es wurden den Gästen, Herrn Sokolow insbesondere, außerordentliche Ehrungen zuteil, dargebracht in den unsagbar anmutigen und vornehmen Formen der orientalischen Höflichkeit. Nach Abschluß der Toravorlesung hielt Herr Sokolow auf Bitten der Gemeinde eine Ansprache, natürlich hebräisch. Er ging von einem Gebetvers aus, der Gott preist für die Verleihung von Macht und Frieden. Er identifizierte für das jüdische Volk diese beiden Begriffe als einen, um sodann von der Notwendigkeit und Schönheit des nationalen Friedens, der zugleich nationale Gesundheit bedeute, und von der segnenden Kraft der Einigkeit zu sprechen. Alle Glieder des jüdischen Stammes müssen dem Ganzen dienen, wenn sie nicht selber verdorren wollen. Die Karäer seien ein durch die Geschichte vom Gesamtorganismus abgetrenntes Glied. Früher, wo nur religiöse und rituale Momente die bewegenden und ausschlaggebenden Faktoren im Leben der Völker bildeten, klaffte der Spalt zwischen Kararten und Rabbaniten weit auseinander. Heute schafft das Nationale einen Einigungsboden über die Differenzen der Riten hinweg. Beide Hälften hätten ja auch im Grunde identischen geistigen Inhalt: die Mutter Bibel, der sich die Kinder des Talmud nicht für immer entfremden könnten. Die Brücke zur Verständigung sei das gemeinsame Streben nach dem jüdischen Wissen, das Studium der nationalen Wissenschaften, die Erziehung, die hebräische Sprache, das Ideal der Volkserlösung in der Zukunft. So, hoffe er, wäre der Anfang gemaciit worden zur historischen Versöhnung. Die Gemeinde lauschte bewegt, und ihr Präsident, Herr Abraham Cohen, ein jüdischer Gelehrter, gab ihren Empfindungen in einer formvollendeten hebräischen Erwiderungsansprache adäquaten Ausdruck. Nach dem Gottesdienst fand ein allgemeiner Empfang im Hause des „Chashan Tora" statt. Seit wieviel Jahrhunderten mögen wohl solche Worte der Brüderlichkeit zwischen Karäern und Talmudjuden ausgetauscht worden sein? Es ist ein neues Kapitel in der jüdischen Geschichte, das an diesem Tage begonnen hat. Und mögen es auch nur wenige Tausend Seelen sein, die in den Gemeinden der Karäer über die Länder verstreut sind: die Einigungstat des jüdisch-nationalen Gedankens bleibt darum nicht weniger ehren- und bedeutungsvoll. Kleine Notizen Die jüdischen Lehrer, die ein Seminar in der Türkei absolviert haben, sollen vom Militärdienste befreit werden. Die Maßregel soll auch nach Möglichkeit auf die in ausländischen Schulen ausgebildeten jüdischen Lehrer ausgedehnt werden. Dem „Ternps" zufolge hat sich in Jerusalem ein Komitee zur Unterstützung militärpflichtiger bedürftiger Leute und ihrer Familien gebildet. Die erste Sammlung des Komitees hat6000 Frs. ergeben.— Der „Ottomanische Lloyd" will wissen, daß in Jaffa und Jerusalem eine Anzahl jüdischer Militärpflichtiger, die im Rausche der ersten Konstitutionszeit ihre russischen Heimatspässe zerrissen und so die ottomanische Untertanenschaft erworben hatten, nun bei der Heranziehung zum Dienste flüchtig geworden sein sollen. Wir können dieser Nachricht keinen Glauben schenken, die die Ehre der ottomanischen Judenheit in schmerzlicher Weise tangiert. In Salonik fand dieser Tage eine Ausstellung jüdischer Handwerker statt, die rühmlich von sich reden macht. Das Kultusministerium hat sich bereit erklärt, den jüdischen Schulen nach Bedarf und nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel Subventionen zu gewähren. In Janina sind einige jüdische Notabein von Räubern entführt worden und sollen erst nach Zahlung eines großen Lösegeldes in Freiheit gesetzt werden. Die Regierung versprach, einzugreifen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.