Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316393--52411-3346110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 42 - --DIE3 f Der Chachambaschi und die Juden halten sich klug-apathisch oder verlegen im Hintergrund; sollten sie durch den Fortgang der Ereignisse zu klarer Stellungnahme von einer der beiden Seiten gedrängt werden, so bedarf es in der Tat einer nicht gewöhnlichen politischen Einsicht und eines ganz besonder n Taktes, um nicht in unreparierbare Fehler zu verfallen. Die öffentlich rechtliche Seite der Frage ist überaus verworren. Einerseits sagt der Wprtlaut der Privilegien, so heißt es, von einer Berechtigung zur Einmischung der Patriarchen in Zivilangelegenheiten ihrer Volksglieder nichts; auf der andern aber hat sich seit Jahrhunderten doch der Brauch dieser Einmischung herausgebildet und hat durch viele Herrscher bis auf die neueste Zeit Bestätigung erfahren. Auch die neue Konstitution spricht noch ausdrücklich von der Ausübung der Privilegien „comme par le pass6"; es ist also sehr zweifelhaft, ob ihre rechtliche Handhabe für .ein Einschreiten der Regierung gegeben ist, solange diese Privilegien „nicht anders in die Erscheinung treten als in der Vergangenheit". Wie dem auch sei, die Krisis besteht akut; die Regierung gibt nicht nacli, die armenische Nationalversammlung steht auf dem Punkte, in corpore zu demissionieren, um sich mit ihrem Patriarchen solidarisch zu erklären. Was dann wird, weiß niemand. Die Griechen grollen fortdauernd, die Bulgaren bilden wie in Hamidschen Zeiten unseligen Angedenkens ihre politischen Banden an der mazedonischen Grenze. Und die Armenier, die die Nichtbestrafung der Haupturheber der Greuel von Adana zur Verzweiflung treibt, drohen mit dem Massen übertritt zur allrussisch-orthodoxen Kirche. Damit aber wäre der moskowitische Einfluß auf die innern Verhältnisse des Landes durch die religiösen Kanäle hindurch im Osten wie im Westen des Reiches in gleicher Weise drohend. Wehe der Türkei, wenn es zur Einmischung führen sollte! Uns will scheinen, daß die jungtürkische Regierung diese Gefahr erkennen und die christlichen Nationalitäten nicht zum Äußersten treiben wird. Hebräer, Zigeuner usw. Wenn wir gestehen sollen, auf welcher Seite in diesem Kampf um die Privilegien unsere Sympathien sind, so muß gesagt sein, daß sie jedenfalls beim ökumenischen Patriarchat nicht weilen können. Diese Körperschaft hat von allem Anfang her es gründlich verstanden, das, was an ihrer Sache gerecht ist, durch Maß- und Taktlosigkeit, durch Fanatismus und Herrschsucht von ihrer Seite zu kompromittieren. So hat sie es auch jetzt wieder, just in einem Moment, wo ihr vielleicht daran gelegen sein könnte, sich die Bundesgenossenschaft der jüdischen Nationalvertretung zu sichern, für angezeigt gehalten, die Juden zu brüskieren. Das offizielle Organ des Patriarchen, die „Ekklisiastiki Alithia", erlaubt sich, in einer Polemik um das Kirchengesetz in Mazedonien, in wegwerfendem Tone von Hebräern, Zigeunern usw. zu sprechen. Einem „barbarischen" Türken oder einem muselmanischen „Heiden" würde eine solche Anmaßung den Juden gegenüber niemals beifallen; unter den frommen Glocken des Pharar dagegen gehört sie scheinbar zum guten Ton. Man fühlt sich wirklich bemüßigt, anzunehmen, daß man in der Gesellschaft und unter dem Schutze von Zigeunern immer noch besser aufgehoben sein würde, als unter dem des griechischen Klerikalismus. Der ottomanisch=jüdische Kongreß Wir hatten jüngst schon über die schöne Idee des jüdischen Kongresses berichtet, die von der Redaktion der Saloniker „Nation" ausgegangen war. Wir hatten dabei Gelegenheit genommen, bei aller Sympathie für das Ideelle an dem Plan, unsern Bedenken gegen ihn Ausdruck zu geben. Inzwischen ist nun auch die motivierte Ansicht des türkischen Großrabbiners über diese Frage in die Öffentlichkeit gelangt. Zuerst erhebt Rabbi Nahum Kompetenzbedenken. Da der Kongreß die Delegierten der türkischen Hauptgemeinden vereinigen solle, nähme er einen offiziellen Charakter an; so aber sei es nur an der offiziellen jüdischen Behörde, dem Konsistorium, ihn zusammenzurufen. Das Großrabbinat sehe sich aber einstweilen nicht in der Lage, das zu tun, da die Gemeinden noch keine gleichmäßige Organisation besäßen und ihre gegenwärtigen Vertreter infolgedessen nur in beschränktem Maße den Willen der Massen wiedergeben, d. h. nicht wirklich die Nation vertreten würden. Es gelte also zuerst die Gemeinden zu organisieren. Solle aber der Kongreß ein inoffizieller) von den Deputierten der Klubs und Vereine beschickter, werden, so käme ihm keine Bedeutung zu. Auch gäbe es deren noch viel zu wenige; zwar Salonik besäße den „Cercle des Intimes" und die „Association des anciens eleves de r Alliance Israelite", aber andere Städte könnten sich des nicht rühmen. Darum eben hege er, der Großrabbiner, den Plan, in allen Städten und Städtchen, JKELT - — 919 wo die Alliance ihre Schulen unterhält, solche Vereinigungen ehemaliger Allianceschüler ins Leben zu rufen. Alle sollten ein homogenes Statut und eine zusammenschließende Organisation bekommen. In Konstantinopel werde er, im Oktober noch, mit dieser Gründungstätigkeit beginnen. Sei dieser Prozeß durchgeführt, dann, erst dann habe der Gedanke des Kongresses Berechtigung und Aussicht auf Beschickung aus dem ganzen Reiche. Mit Recht hält ein Artikel der „Aurore" dieser zum Teil begründenden, zum andern Teil aber nicht wenig befremdenden Auffassung des Großrabbiners folgendes Raisonnement entgegen: „S. Eminenz der Großrabbiner der Türkei würde es vorziehen, ein Netz von Vereinen ehemaliger Allianceschüler sich ausbreiten zu sehen und mit ihm die Basis des zukünftigen Kongresses zu gestalten. Die Idee, die Zahl solcher Alliancevereine zu vermehren, ist ja sehr schön, nur läßt sie sich nicht leicht mit der eines Kongresses kombinieren. Ein Nationalkongreß muß vor allem das Gepräge von etwas der Gesamtheit Gemeinschaftlichem, von etwas Universellem haben, das über alle innern Differenzen erhaben ist. Nun darf man aber, ohne zu vergessen, was alles die Allianceschulen für die Ausbreitung des Unterrichts unter den orientalischen Juden getan haben, doch anderseits auch das nicht außeracht lassen, daß es Zahl- und Einflußreiche genug unter ihnen gibt, die ihre Erziehung in andern Schulen empfangen haben. In Salonik selbst existiert eine Vereinigung ehemaliger Schüler der französischdeutschen Schule. Und die Schüler Palästinas? Und die zahlreichen, in der Türkei naturalisierten Aschkenasim? Und diejenigen unter euch, die ihre Studien in christlichen Anstalten absolviert haben und doch sehr gute Juden geblieben sind, verdienen sie vergessen zu werden, wenn man von einer Einigung spricht? Die Initiative zu einem Kongreß kann wohl von einer Gesellschaft ausgehen, aber diese muß alsdann einen allgemeinen Charakter annehmen und nicht einen auf die Bedingung des Besuches der oder der Schule beschränkten, was einem Geburtsprivileg ungefähr gleichkommen würde. Wäre es nicht vielleicht nützlicher, um der Einigung willen, im Gegenteil ein Netz von Klubs nach Art des „Cercle des Intimes" zu schaffen, die allen Ehrenhaften ohne Unterschied zugänglich wären?" Der Chachambaschi würde zweifellos diesem Raisonnement zustimmen müssen. Würde er sich wirklich, wie geplant, mit der Gründung von Alliancevereinen befassen, so würden mit genau dem gleichen Recht. die jüdischen Turnvereine, die Vereine zur Ausbreitung der hebräischen Sprache, die Geschichts- und Literaturvereine die Autorität des Großrabbinats, seine Initiative zur Gründung und seinen Beistand verlangen können. Eine Zurückweisung dieses Standpunktes würde die Auslegung provozieren, daß der Großrabbiner sich nicht als Vertreter aller ottomanischen Juden, sondern nur eines Teiles derselben fühle. — Aus diesen und andern Gründen wird sich die jetzige Stellungnahme Rabbi Nahums zu der Frage kaum aufrecht erhalten lassen. Im übrigen werden wahrscheinlich die Diskussionen über den Kongreß bald ein Ende nehmen. Der Gedanke in seiner ursprünglichen Form ist bereits aufgegeben. An seiner Stelle wurde die Idee kleiner regionaler Teilkongresse in die Erörterung gezogen. Ob und wie auch diese sich realisieren werden, bleibt aber abzuwarten. Die Voraussetzung zum Gelingen, nämlich eine Klarheit der Gedanken über die nationalen Grundprobleme, wie die nationale Sprache und Erziehung, fehlt noch völlig. . Eine Lanze für das Spaniolische Eine Aktion muß eine Reaktion erzeugen, das ist unerbittliches historisches Gesetz. Und so mußte die Aktion für die Ausbreitung des Türkischen unter den ottomanischen Juden als ihrer offiziellen Sprache und des Hebräischen als ihrer nationalen Sprache unvermeidlich eine Reaktion erzeugen. Und es ist eine wahrhaftige, fast komisch echte Reaktion geworden: für das alte pauvre Spaniolisch. Also gegen die Ziele der Alliance, gegen die der Einheitspätrioten und die der Neuhebräer allzumal! „La Epoca" hat den Feldzug eröffnet, der sicherlich keinen Gegenfeldzug auslösen wird. Das Spaniolische ist von seinen eignen Adepten, von der Intelligenz wie der Masse zugleich verdammt: von der Intelligenz, weil es keine Literatur hat, die ihr Genüge leisten könnte, von der Masse, weil es ihr für Handel und Wandel — Salonik nur zu einem Teile ausgenommen — einfach nicht ausreicht. Das Jüdisch-Deutsche und seine ephemere Blüte kann ihm nicht zum historischen Exempel dienen; in der freien Türkei gibt es kein Ghetto und keine jüdischen Millionenmassen, die dem Jargon seine Konservierung ermöglichen. Und das Echtspanische ist räumlich und kulturell den Spaniolen so fern, daß es eine Veredlung und Blüte des verlorengegangenen Sprachzweigs unmöglich würde befördern können. Das alles schreckt aber den Kämpfer für die totgeborene Sache nicht ab. Er ruft zum Studium des klassischen Spanisch auf und