Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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talien ganz oder zum größten Teil einer Sparkasse zuzuführen, um für den Ankauf des Gutes aufgesammelt zu werden. Wenn die Genossenschaft dahin gelangt, die stipulierte Anzahlung leisten zu können, so soll man ihr keine andere Bedingung stellen als diejenige, das genossenschaftliche Eigentum nicht zu zerschlagen. Das läßt sich durch Rückkaufsrecht oder Kautionshypotheken usw. erreichen. Im übrigen mögen sie dann mit ihrem Eigentum mächen, was sie wollen. Wollen sie sich-in eine Produzentengenossenschaft selbständiger Erbpächter verwandeln, so mögen sie es in Gottes Namen tun. * * * Das ist der einzige Weg zu unserm Ziel. Es gibt keinen andern und wird nie einen andern geben. Die zionistische Bewegung wird diesen Weg beschreiten, oder sie wird aufhören, das zu sein, was sie sein will, eine große Volksbewegung, und wird ein Wohltätigkeitsverein werden, der sich mit andern hinschleppt. Weil es der einzige Weg ist, den die objektiv prüfende, von utopistischen Phantasmen politischer Hoffnungen nicht umnebelte Wissenschaft zu erblicken vermag, deswegen hat der Zionismus nicht nur das Recht, sondern die heilige Pflicht, das „heilige Kapital" des Nationalfonds für dieses Ziel einzusetzen, selbst auf die Gefahr hin, daß eins oder das andere der Experimente mißglücken sollte. Besser, das Geld geht verloren aneinem Werke, das wenigstens große Aussichten eröffnet, als es wird „sicher angelegt", aber dadurch für das große Werk unwirksam, in kleinen, an sich sehr erfreulichen, aber vom großen Standpunkt aus gleichgültigen Wohlfahrtsunternehmungen. * * * Ich betone noch einmal: im großen. Was ich empfehle ist zunächst allerdings nichts als „Kleinkolonisation". Aber sie führt, wenn sie glückt, mit Sicherheit zu der Großkolonisation, die die Bewegung erstrebt. Ich wiederhole noch einmal, und ich denke, zum letztenmal, was ich in dem verflossenen Jahrfünft unermüdlich und leider mit geringem Echo in unsere Reihen hineingerufen habe: Es gilt, eine Kreditbasis zu schaffen, tragfähig genug, um uns die Hunderte von Millionen des Kapitals zuzuführen, dessen wir nicht entraten können, wenn wir die Millionen unseliger Opfer des Zarismus retten und ihrem Volkstum erhalten wollen. Dies Geld können wir nicht schnorren, sondern man muß es uns leihen; und man leiht es uns nur zum Betriebe hochrentabler und sicherer Unternehmungen, dann aber gern und reichlich. Wenn unsere ersten Versuche, woran ich nicht einen Augenblick zweifle, die hohe Rentabilität und unerschütterliche materielle Sicherheit unserer ländlichen Genossenschaft ergeben, dann haben wir so viel Kapital, wie wir wollen, dann haben wir die Großkolonisation, dann haben wir Palästina und das jüdische Volkstum. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Interregnum Die parlamentslose Zeit ist noch nicht verstrichen. Das neue Heim für die Volksvertretung, der kaiserliche Palast von Tschiragan, dieses wahrhafte Märchenwunder aus Tausend und eine Nacht an den tiefblauen Wellen des Bosporus, wird erst noch hergerichtet. Inzwischen hat die Exekutive freie Hand; sie hat Zeit, sich zu konsolidieren, neue Gesetze vorzubereiten, den bereits geschaffenen Wirkung zu verleihen, den Staat in seiner ganzen Ausdehnung mit den konstitutionellen Errungenschaften zu durchdringen und vor allen Dingen absolute Ruhe allenthalben herzustellen. Einen großen Erfolg hat die Regierung auf dem Gebiete der Finanzen errungen. Die Siebenmillionen-Anleihe ist glücklich abgeschlossen unter Bedingungen, von denen das alte Regime nicht träumen konnte: vier Prozent bei einem Kurs von 86 und ohne die demütigende Vermittelung der Dette publique. Einen sicherem Maßstab für die Festigung der neuen Zustände als diesen Krediterfolg gibt es nicht. Der Geldgeber ist die Kaiserliche Ottomanbank, also in erster Linie Frankreich. Kein Zweifel, daß diese Tatsache auf die internationalen Beziehungen der Türkei ihren Einfluß übt. Wer mir Geld leiht, der ist mein Freund, gilt für die armen Staaten. Und wenn" man die augenblicklich in Livadia weilende türkische Sondergesandtschaft an den Zaren neben den finanziellen Vorgang setzen darf, so ergibt sich ziemlich unzweideutig eine stärkere Anlehnung der Türkei an die Triple-Entente Engtand, Frankreich und Rußland als bisher. Freilich ist das Herannahen einer gewissen Spannung zwischen der Türkei und England nicht ausgeschlossen. Ägypten wäre die Ursache. Bekanntlich hat der jüngst abgehaltene jungägyptische Kongreß in Genf eine Resolution gegen die englische Okkupation auch an die türkische Regierung eingereicht. Der Großwesir Hilrni Pascha glaubte allerdings, momentan die Freundschaft Englands der Betonung der alten türkischen Souveränitätsrechte über Ägypten voraussetzen zu müssen, und hat in einem Interview mit dem Vertreter des „Temps" die Jungägypter hart und kalt zurückgewiesen. Gerade das aber kann die Krise heraufbeschwören. Die Jungägypter haben große Sympathien bei den Jungtürken; vor allem aber denken diese Radikalpatrioten nicht entfernt daran, einen Verzicht auf Ägypten, wie er aus der Äußerung Hilmi Paschas herzuleiten ist, zuzugeben. Die öffentliche Meinung der Jungtürkei ist deshalb aufs höchste gegen Hilmi erbittert; ein großer Artikel Hussein Dschahids im Tanin hat bereits den Angriff auf den Sadrazam eröffnet, und nach frühern Erfahrungen zu schließen, wäre das mit dem früher oder später zu gewärtigenden Sturze Hilmi Paschas ungefähr gleichbedeutend, — wenn nicht England wäre. Im Anfang zwar hatte Albion den Aufstieg Hilmis nur mit Widerstreben mitangesehen, weil es an Kiamil Pascha, seinem speziellen Freunde, gerne festgehalten hätte; jetzt aber, da sich Hilmi Pascha für England gegen ein freies (oder türkisches!) Ägypten so ins Zeug gelegt hat, kann seine Beseitigung als diplomatische Kriegserklärung gegen es angesehen werden. England muß glauben, daß wirklich jene Information rechtbehält, derzufolge die Jungtürken nur die Machtstärkung der Türkei abwarten wollen, um dann mit Energie Ägypten wieder als integrierenden Teil des ottomanisehen Reiches zu reklamieren und den vollständigen Rückzug Britanniens aus dem Nillande zu heischen. Man darf auf die Entwirrung dieses gefährlichsten aller orientalischen Probleme oder auf die Art seiner Umgehung durch die Diplomatie beider Länder gespannt sein, wir insbesondere, deren Blicke auf einen Streifen Landes gerichtet sind, dessen Zukunft in erster Linie vielleicht von den Beziehungen der beiden Reiche zueinander und von der Entwicklung des ägyptischottomanischen Handels abhängt. Muß Hilmi Pascha gehen, so geht das Großwesirat wahrscheinlich an Talaat Bej, den jetzigen Minister des Innern, oder an den Finanzminister Dschawid Bej, über. In beiden Fällen wäre für uns aller Anlaß zu Genugtuung gegeben. Religiöse oder nationale Privilegien? Es mußte so kommen. Die zahllosen Geplänkel zwischen der jungtürkischen Regierung und den Patriarchaten über Kleinlichkeiten und Einzelfälle mußten schließlich in einen Kampf um das Große und Prinzipielle hinüberführen. Alles andere, worum bisher heiß gestritten wurde, ist zur Nebensache geworden und versinkt vor der Bedeutung der Hauptfrage, ob die Oberhäupter der drei Millets, der ökumenische und der armenische Patriarch und der jüdische Großrabbiner, nationale oder lediglich religiöse Privilegien besitzen, ob sie infolgedessen das Recht zur Einmischung in andere als religiöse Dinge, z. B. in die Beziehungen zwischen der Regierung und den nichtmohammedanischen Untertanen, besitzen. Die Nationalitäten und ihre Häupter sagen ja, die Regierung erwidert mit lautem Nein. Auf der ganzen Linie schlagen jetzt die Flammen dieses Zwiespalts empor. Es ist nun nicht mehr das griechische Patriarchat allein, sondern auch das armenische, das auf den Plan tritt. Dieser Tage sind sogar von Seiten des armenischen Prälaten, der sich immer noch im Zustande der Demission befindet, nicht mißzuverstehende Drohungen eines energischen Zusammenschlusses der beiden mächtigen christlichen Nationen in dieser Frage gefallen