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Die Welt · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 42 DIEl^ELT 917 liehen Landwirten zu einer Genossenschaft zu vereinigen. Nur sie können als selbständige Produzenten gedeihen. Solche Elemente finden wir aber unter der kolonisationsbedürftigen Masse Osteuropas nur sehr wenige, und von diesen dürfte auch nur noch ein kleiner Bruchteil sich bereitfinden lassen, einer Produzentengenossenschaft beizutreten, und zwar nur die vermögenslosen. Der Bauer, der Vermögen besitzt, will vorläufig noch unbeschränkter Eigentümer werden; dieser „individualistische Tick" wird ihn erst verlassen, wenn .er die überlegenen Erfolge der Genossenschaft sich gegenüber sieht. Für alle andern Elemente, also für die ungeheure Mehrzahl, kann^als Anfangsstadium nur der Großbetrieb in Frage kommen. Unsere Auswanderer müssen erst in doppelter Beziehung erzogen werden: zur nötigen physischen Kraft und zu der für die Selbständigkeit erforderlichen technischen Schulung. Man kann aus schwächlichen und bleichsüchtigen Handwerkern und Hausierern nicht ohne weiteres Bauern machen. Natura non facit saltum. Ja, man kann nicht einmal die Prpduktivgenossenschaft ohne Übergang einführen; auch sie setzt bereits bedeutendes technisches Verständnis voraus. Deshalb gibt es für die zionistische Kolonisation in ihren Anfängen durchaus nur eine einzige denkbare Methode: der gemeinnützige Großbetrieb mit Gewinnbeteiligung, mit dem Endziel auf die Produktivgenossenschaft hin. Die zionistischen Korporationen müssen Großbetriebe erwerben, einrichten und von den intelligentesten Technikern leiten lassen. Als Vorarbeiter sollten womöglich einzelne jüdische Bauern gewonnen werden; sollten diese nicht in genügender Zahl zu finden sein, so müssen unbedenklich auf einige Zeit ausgesuchte nichtjüdische Vorarbeiter eingestellt werden. Den Rest der Arbeiterschaft sollen ausgewählt kräftige junge Juden zusammensetzen. Irgendeine Verantwortung für den Erfolg des Betriebes kann man ihnen zunächst nicht auflegen. Sie müssen daher als festentlohnte Lohnarbeiter der gründenden Organisation angestellt werden. Aber in derjenigen Form der Entlohnung, die allein die volle Arbeitsleistung verbürgt, in einer aufs äußerste gespannten Gewinnbeteiligung! Sie müssen von vornherein wissen, daß die gründende Organisation nicht mehr erwartet als eine mäßige Verzinsung ihrer Einlagen. Der Überschuß soll zum größten Teil als Gewinnbeteiligung nach den dargelegten Prinzipien verteilt werden, und zwar schlage ich vor, eine gleitende Skala zu wählen, je nach der Bilanz des Jahres. Um ein Beispiel zu wählen, so würde es mir richtig und auch im sozusagen kapitalistischen Interesse des Gutsherrn klug erscheinen, die Gewinnbeteiligung schon in schwacher Weise beginnen zu lassen, sobald der Betrieb auch nur ein weniges über die Selbstkosten und Abschreibungen abgeworfen hat. Je mehr Zinsen auf das investierte Kapital gezahlt werden können, um so höher sollte auch die Gewinnbeteiligung sein. Man könnte etwa folgendermaßen einteilen: das Kapital erhält entweder keine Zinsen und drei Viertel des Oberschusses, oder l°/o Zinsen und zwei Drittel des Überschusses, oder 2°/o und die Hälfte, oder 3°/o und ein Drittel, oder schließlich 4% und ein Viertel des Überschusses. Das sollte das Maximum sein, und in jedem Falle sollte diejenige Berechnung gewählt werden, die den Arbeitern am günstigsten ist. Unter diesem Lohnsystem wären sie einerseits vor allen Schlägen der Konjunktur und des Wetters geschützt, da ihnen ihr Lohn garantiert ist, und auf der andern Seite wäre ihr Selbstinteresse reichlich angespannt, um sie zur höchsten Leistung zu bringen, die ihre Kraft und technische Schulung erlaubt. Sie werden in der Arbeit im Laufe weniger Jahre zu berufsmäßigen Landwirten von genügender Intelligenz, technischer Ausbildung und Körperkraft erzogen werden, so daß man sie darin ohne Gefahr zur Selbständigkeit zulassen kann. Nach einiger Zeit wird man ihnen bindend zusichern, daß die das Gut für ihre Genossenschaft zur gesamten Hand für den Selbstkostenpreis, unter Leistung einer angemessenen Anzahlung, übernehmen dürfen. Sie werden dann die Verantwortung tragen können, weil sie die Rentabilität des Betriebes kennen, und gern tragen wollen, weil ihnen von da an auch das letzte Viertel des Reinertrags zufließt. Neben der technischen und physischen Erziehung muß von Anfang an, um das Endziel vorzubereiten, die genossenschaftliche Erziehung eingeleitet und Schritt für Schritt gefördert werden; man wird den Arbeitern in kleinen Untergenossenschaften, wie Konsumverein, Absatzgenossenschaft, Zuchtgenossenschaft, Versicherungs¬ und Kreditgenossenschaft usw. usw., eine wachsende und im allgemeinen recht ungefährliche Selbständigkeit einräumen dürfen; hier können niemals große Beträge verlorengehen, und es sollte eigentlich jeder erwachsene Arbeiter und womöglich jede erwachsene Arbeiterin in einem dieser zahlreichen Verbände ein Vorstandsamt bekleiden. Nichts kann für die moralische Hebung des einzelnen und für den sozialen Zusammenhalt des Ganzen wichtiger sein als ein solches Vorgehen. Denn jeder lernt mit Dingen und Menschen umzugehen, und keiner wird ohne wichtigen Grund in der Generalversammlung einer Genossenschaft stänkern, weil er damit riskiert, daß der Angegriffene in der Generalversammlung derjenigen Genossenschaft sich revanchiert, in der der Angreifer Vorstand ist. Gleichzeitig soll man vorsichtig, aber ohne Aufenthalt, das System des aufgeklärten Despotismus von Stufe zu Stufe überführen bis zu dem gewünschten Zustande der Demokratie. Man wird einen Arbeiterausschuß wählen lassen, der zuerst nur beratende Stimme hat, dann aber Stück für Stück in allen denjenigen Dingen, in denen nicht ein verantwortlicher Einzelner die Entscheidung behalten muß, immer mehr beschließende Stimme erhält. Dies Verfahren hat sich überall ausgezeichnet bewährt; im übrigen ist es niemals in solchen genossenschaftlichen Betrieben der Landwirtschaft zu Disziplinarschwierigkeiten oder zu Streitigkeiten zwischen Leiter und Genossenschaft gekommen. Überall kamen the brains to the top, die besten Köpfe an die Spitze, und hielten sich in unangefochtener Autorität. Daß man alle auf Hebung der geistigen Kultur bezüglichen Einrichtungen pflegt und entwickelt, versteht sich von selbst: ein Kasino mit Lesezimmer und Bühne, Gesang- und Musikvereine, Diskutierklubs und Theatervereine müssen angeregt und gefördert werden. Die Gewinnanteile sollen ohne Bedingung ausgezahlt werden. Indessen wird es nicht schwer sein, die Genossenschaft dahin zu bringen, daß sie selbst aus freiem Entschluß ihre Mitglieder dazu verpflichtet, diese Kapi-

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