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Die Welt · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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914 DIE^ELT No. 42 und Zwecken der Siedlungspolitik im allgemeinen, um dann erst auf die speziell palästinensisch-jüdischen Dinge einzugehen. 1. Die agrarische Grundlage Als Grundlage jeder Kolonisation im großen kann nur die Ansiedlung von Landwirten in Betracht kommen aus allgemeinen ökonomischen und aus nationalpolitischen Gründen. Aus ökonomischen Gründen: Am Anfang der Wirt-* schaftstheorie, schon in den Schriften Quesnays, steht der fundamentale Satz, daß die Landwirtschalt die Wurzeln und den Stamm des Baumes darstellt, während Industrie, Handel und Verkehr und alle höhern freiem Berufe nur seine Zweige sind. Er gibt für ein schon voll ausgebildetes Wirtschaftssystem den Rat: „Laßt uns die Wurzeln und den Stamm pflegen; wenn sie kräftig und gesund sind, brauchen wir uns um das Wachstum der Zweige und Blätter nicht zu sorgen." Dieses Grundaxiom aller Ökonomik kann überhaupt nicht in Zweifel gezogen werden, es ist beweisfrei. Alle nicht ländlichen Berufstreibenden können nur existieren von den Überschüssen an Nahrung, die der Bauer zu Markte bringt; sie können sich nur entfalten in dem Maße, wie diese Oberschüsse wachsen, sie müssen zurückgehen in dem Maße, wie diese Überschüsse sich vermindern. Um wie viel mehr gilt das für ein neues Land und ein neues Volk! Hier hat der Satz Geltung: wer Städte schaffen will, muß Bauern schaffen. Je dichter die agrarische Grundlage, in je kleinern Teilen das Land unter freie Bauern sich verteilt, um so intensiver ist die Landeskultur, um so höher die Überschüsse des Landbaues, um so kaufkräftiger der Markt für städtische Erzeugnisse und Dienste, um so dichter daher die nicht ländliche Bevölkerung und um so höher die materielle und geistige Kultur. Nun könnte man ja daran denken, massenhaft Ansiedler in Städten zusammenzudrängen, um' sie mit industriellen Arbeiten zu beschäftigen, deren Erzeugnisse auf den Weltmarkt gelangen und dort die notwendigen Nahrungsmittel aus irgendwelchen agrarischen Produktionsländern eintauschen. Gewiß ist dieser Weg in kleinem Maßstabe auch für die zionistische Kolonisation anwendbar. Einige gehörig organisierte Exportindustrien ließen sich schaffen, und es wäre sogar wahrscheinlich möglich, durch genossenschaftliche Organisation des Betriebes und des Absatzes die schlimmsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung, das sweating System usw., zu verhüten. Aber solche Industrien sind von den Weltmarktskonjunkturen immer schwer bedroht und sind doch auch nur in beschränktem Maße anwendbar. Alle Gewerbe finden ihren Hauptmarkt im eigenen Lande. Selbst ein so überkräftiges Exportland wie Deutschland setzt nach den meisten Schätzungen nicht weniger als 90°/o seines Gesamterzeugnisses im Inlande ab. Vor allem aber verbietet sich dieser Weg aus nationalpolitischen Gründen. Die Absicht der zionistischen Organisation ist doch die, die noch jetzt bestehende, nach Abstammung, Religion, Kulturzustand und eigener Empfindung einheitliche jüdische Nation, die in Osteuropa noch lebendig ist, zu erhalten und durch Ansiedlung im eigenen Lande wieder zum Volk zu vollenden. Das aber ist nur möglich, wenn es das Land, das es „von seinen Vätern ererbt hat, erwirbt, um es zu besitzen". Überall in der Welt entscheidet die Nationalität desjenigen Volksbestandteiles, der die Erde, selbst bebaut, über Volkstum, Sprache und Sitte. Sehen Sie nach Böhmen, dort sind die altdeutschen Herreiv geschlechter Tschechen geworden. Wer die Absicht hat, die angesiedelten Juden in Palästina als Juden zu erhalten, sie nicht zu iraelitischen Arabern oder Türken werden lassen will, der darf kein anderes Hauptziel ins Auge fassen, als das Volk ins Land zu verwurzeln. Ohne jüdische Bauern kein jüdisches Palästina! 2. Die Form der Ansiedlung Wir kennen eine Anzahl agrarischer Hauptsiedlungsformen, die kurz charakterisiert und* kritisiert werden mögen. a) Der kommunistische Besitz und Betrieb Er ist eine Urform des primitiven Ackerbaues unter freien Völkern. Die Form ist technisch unheilbar rückständig. Wo „jedem nach seinen Bedürfnissen" ohne Rücksicht auf seine Arbeitsleistung zugeteilt wird, stehen Fleiß und Sorgfalt dem Nullpunkt nahe. Deshalb ist die kommunistische Siedlung trotz mancher großer sozialer Vorteile aus Gründen der Rentabilität zu verwerfen. b) Einzelbesitz auf genossenschaftlichem Eigentum und mit Obereigentumsrecht der Gemeinschaft Diese Form ist die Hauptform aller primitiven Ansiedlung in irgend fortgeschritteneren Stadien der freien Völker. Sie hat in ihrer historischen Ausgestaltung schwere Schäden aufgewiesen, die mitbewirkt haben (nicht etwa es allein bewirkt haben), daß das individuelle Eigentum der einzelnen sich durchsetzte. Diese Schäden hängen lediglich davon ab, daß die Obereigentumsrechte der Gesamtheit lähmend und störend in die Einzelwirtschaften eingreifen. Solch störendes Recht war überall der Flurzwang, das ist die Verpflichtung jedes einzelnen Genossen, sein Einzelgrundstück nach einem allgemeinen Plan zu bewirtschaften, d. h. zu gleicher Zeit zu brachen, die gleichen Früchte zu pflanzen und zu gleicher Zeit zu ernten. Der Grund dieser Maßregel war der Wunsch der Gesamtheit, zu bestimmten Zeiten ihr Vieh über die gesamte Dorfflur auf die Stoppelweide schicken zu können. Natürlich lähmte dieser Flurzwang die wirtschaftliche Initiative des einzelnen, machte ihm jede Reform der hergebrachten Bestellungsweise unmöglich und wurde daher für energische nnd intelligente Landwirte zu einer unerträglichen Fessel. Noch viel schlimmer waren und sind die Verhältnisse, wie sie in der russischen Dorfgenossenschaft bis heutigen Tages vielfach bestehen. Hier wurde bekanntlich die der Dorfschaft als Gemeinschaft, dem Mir, gehörige Flur in bestimmten Epochen immer wieder neu aufgeteilt. Unter diesen Umständen hatte natürlich niemand ein Interesse daran, seinen Acker zu pflegen und namentlich ausreichend zu düngen. Hier erzwingt das wirtschaftliche Interesse des einzelnen mit derselben Kraft den schmählichsten Raubbau am Boden, wie im System der kurzfristigen Pachten. c) Das individuelle Eigentum So ist es denn kein Wunder, daß überall mit steigender Kultur und wachsender Intelligenz sich das Einzel-

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