Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Die zweite Frage, das Tabakmonopol, bewegt die Gemüter kaum weniger leidenschaftlich. Eine belgische Gesellschaft mit einem Kapital von zwei Millionen Franken ist durch Vermittlung zweier ottomanischer Bürger um die Konzession eingekommen, den libanesischen Tabak durch Schaffung einer kointeressierten Regie zu monopolisieren. Das Gesuch liegt gegenwärtig dem großen Verwaltungsrat zum Studium vor. Wahrscheinlich wird es zurückgewiesen werden. Voraussichtlich wird sich der große Verwaltungsrat des Libanon auf den Standpunkt stellen, daß die libanesische Regierung unter Hinzuziehung von Spezialisten, die sie sogar der ottomanischen Regie entnehmen könnte, selbst die Rolle der Gesellschaft zu spielen in der Lage wäre. An Stelle der kointeressierten würde dann eine direkte Tabakregie geschaffen. So blieben die Erträgnisse im Lande und könnten hier viele Bedürfnisse decken. Dieses Projekt fände wohl auch günstige Aufnahme bei den Libanesen, die zugunsten der Gesamtheit wohl auch das neue Monopol hinnehmen würden. Ilaladjan Effendi über die Tätigkeit des fremden Kapitals in der Türkei Der neue Minister für Öffentliche Arbeiten und den Handel, Haladjan Effendi, hat sich kürzlich in Konstantinopel einem türkischen Journalisten gegenüber über die Bedeutung des auswärtigen, fremden Kapitals, für das Wirtschaftsleben der Türkei ausgesprochen und dabei Äußerungen getan, die erkennen lassen, daß die neuen Männer in Konstantinopel neben einem stark entwickelten Selbstgefühl auch ein klares Verständnis für die schwierigen Aufgaben besitzen, die in der Türkei auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens der Lösung harren. Haladjan Effendi erklärte, davon überzeugt zu sein, daß zur Bewältigung der großen Aufgaben gewaltige Kapitalien und technische Autoritäten nötig sein würden. Diese beiden in der Türkei zunächst noch schwer zu beschaffenden Hilfskräfte wollte man gern annehmen, sobald sie vom Auslande aus angeboten würden. Bei Einreichung der Konzessionsgesuche und finanziellen Projekte wird der Minister in erster Linie prüfen, ob die Antragsteller ernstlich die Absicht haben, die gewünschten Konzessionen auch wirklich auszunutzen, oder ob sie die Konzessionen nur zum Zwecke der Weiterveräußerung zu erwerben trachten. Der Minister ist davon überzeugt, daß das auswärtige Kapital in der Türkei ein reiches Arbeitsfeld finden wird; sollten die dem Ministerium zur Verfügung stehenden technischen Mittel nicht ausreichen, so würde er beim Parlament die Bewilligung der für die Ergänzung der technischen Hilfskräfte erforderlichen Geldmittel beantragen. Schließlich hielt es der Minister, wohl angesichts früherer Vorgänge bei Erteilung von Konzessionen, für erforderlich, noch besonders zu betonen, daß wohlerworbene Besitztitel und sonstige Rechte von der Regierung auch unbedingt anerkannt und geschützt werden müßten. Es wird nun abzuwarten sein, in welchem Umfange das fremde Kapital dem ministeriellen Lockrufe folgen wird. Zahlreich sind die Projekte, die sich zurzeit in der Schwebe befinden — Kanalisations- und Beleuchtungsanlagen für Städte, Lieferungen für den Armeebedarf, Bergbau- und Bahnkonzessionen, — im Hinblick auf das Vordringen der übrigen Geldmächte, zu denen in letzter Zeit auch die Vereinigten Staaten von Amerika hinzugetreten sind, wäre es erwünscht, wenn auch das deutsche Kapital sich seinen Anteil an diesen neuen Arbeiten rechtzeitig sichern wollte. Literatur Dr. Julius Boehmer: „Palästina im Lichte der gegenwärtigen Orientkrise", Stuttgart, Greiner & Pfeiffer, 1909 Eine kleine Broschüre, die auf Vermutungen gestellt ist, unbeständig wie Flugsand. Man kann politische und wirtschaftliche Orientkombinationen für vag und optimistisch halten, wenn sie mit dem neuen Regime und der Festigung des großtürkischen Reiches rechnen. Was soll man aber erst von Schlüssen sagen, die heute von der Prämisse ausgehen, daß die Türkei auf jeden Preis zerfallen muß, und daß die ganze Konstitutionsbewegung des letzten Jahres nur eine Etappe zu diesem Ende darstellt? Der Verfasser der Broschüre gehört zu jenen, die nicht umlernen können oder wollen, und die sich selbst durch historische Umwälzungen nicht von der einmal konzipierten Theorie abbringen lassen. Er hat freilich eine Entschuldigung für sich, nämlich, daß die Ereignisse des 13. und 24. April erst nach dem Abschluß seines Büchleins stattfanden und diese doppelte Lektion seinen Ansichten keinen Stoß nach vorn mehr geben konnte. Es bleibt aber ausgemacht: die Türkei hat nur noch kurze Zeit zu leben. Und das nicht bloß, weil andere Mächte von draußen dem Beispiel Bulgariens und Österreich-Ungarns folgen werden, sondern auch, weil die Nationen im Innern des Reichsringes nach außen brechen und ihn sprengen werden. Daß die Türkei sich soweit kräftigen könne, um die Angriffe der Nachbarn zurückzuweisen und in sich selber mit den Nationalitäten zu einem friedlichen Arrangement gelangen könnte, der Gedanke taucht in der Broschüre nicht auf. Nach Dr. Boehmer ist gerade Palästina der Loslösung von der Türkei am nächsten. Die Araber erscheinen ihm nicht nur als die mächtigsten, sondern auch als die bewußtesten und entschlossensten Feinde des Jungtürkentums und dank ihrer Intelligenz demnächst schon reif, den arabisch-separatistischen Traum in die Tat umzusetzen. Sie hätten die europäischen Kräfte, die in Palästina am Werke sind, sich zum Muster genommen und seien durch die stark vordringende friedliche Eroberung des Landes durch die Juden zu Haß und Eifersucht aufgestachelt Sie werden also zu geeigneter Zeit losschlagen und — die Mächte werden dazwischen treten. Natürlich um ihre „berechtigten Interessen zu wahren", von denen der Verfasser ein ganz liebliches Bukett zusammenstellt. Die Engländer, gestützt auf ihre Judenmission, die wie ein Netz auf dem ganzen Lande liegt; die Russen, von ihrem „Russenbau", „Russenturm", ihrer „Russenkirche" in Jerusalem und ihren zahllosen Klöstern und Ruinen aus den Stürmen trotzend, in denen auch ihre 10—12OO0 Osterpilger eine Rolle zu spielen haben werden; die Deutschen endlich, bewaffnet mit ihrem Namen, der in hohen Ehren im Lande steht, und der Freundschaft zwischen Kaiser Wilhelm und Abdul Hamid. „Gesetzt, man ließe heute den Landesbewohnern die Wahl, unter der Verwaltung welcher fremden Nation sie am liebsten stehen möchte, dann würde ganz gewiß eine bedeutende Mehrheit die deutsche erwählen." (P. 42/43.) Dr. Boehmer schreibt Deutschland solche Aspirationen nicht zu, aber er rechnet mit dem Falle —. Was an jenem jüngsten Tage schließlich werden soll, enthüllt er nicht. Aber er spricht träumerisch von einer „wirtschaftlichen und geistigen Union Palästina-Deutschland" und ruft nach den „rechten Männern, weisheitsvollen Beratern, energischen Draufgängern, gewandten Diplomaten, tapferen Verteidigern für deutsche Ehre, deutschen Besitz, deutschen Geist". „Vielleicht", so fügt er ebenso vorsichtig als prophetisch hinzu, „zieht es sich noch lange hin; vielleicht hat sich's schon erfüllt, wenn diese Zeilen ihre Leser erreichen." Freiherr Marschall v. Bieberstein wird sich über diese phantasievolle Unterstützung seiner Politik bestens bedanken! Und uns Juden wird darob nicht bange werden. Die jüdische Kolonisation befestigt die Position der türkischen Regierung im Lande, da sie sich aus loyalen Bürgern des ottomanischen Staates rekrutieren wird. Sie denkt aber anderseits gar nicht daran, dem arabischen Element Abbruch zu tun, das, wie Dr. Boehmer ja selbst sagt, sich an ihr durch Kapital- und Arbeitsgewinn bereichert und emporhebt. Und die Araber selbst, deren Gegensatz zum Türkentum gar nicht geleugnet zu werden braucht, sind doch viel zu vernünftig und aufgeklärt, um nicht die durch die Verfassung sich mildernde Herrschaft der glaubensverwandten Türken einer auswärtigen, ihre nationale Individualität sicher erstickenden, auf alle Fälle vorzuziehen. Konstantin opoli tan us Eine medizinische Palästina=Bibliographie Aus der fleißigen und sachkundigen Feder unseres Freundes Dr. Aron Sandler ist soeben der zweite Teil einer Bibliographie der medizinischen Palästinaliteratur*) erschienen, die allen Freunden des Landes hochwillkommen sein wird. Über den Wert und die Absichten des Büchleins unterrichten am besten die Nachworte, die der Verfasser seinem Werkchen mit auf den Weg gibt und denen wir folgendes entnehmen: Zunächst sei auf die für jeden bibliographischen Versuch äußerst hinderliche Zersplitterung der in Betracht kommenden medizinischen Arbeiten und Notizen hingewiesen. Die Publikationen auf andern Gebieten der Palästinawissenschaft sind meist monographischer Natur und daher in der entsprechenden Fachpresse oder in der allgemeinen Palästinaliteratur auffindbar. Bei den Publikationen nosologischen und hygienischen Inhalts liegen die Verhältnisse von vornherein viel ungünstiger. Bei dem Mangel an umfassenden systematischen Facharbeiten müssen heute — anders wie in den Kulturländern — auch Mitteilungen, selbst gelegentliche Bemerkungen von Laien über Beobachtungen medizinischer Natur zur Beurteilung der nosologischen und hygienischen Landesverhältnisse herangezogen werden. Diese Mitteilungen sind aber in der Reiseliteratur, in Zeitungsartikeln, Jahresberichten, Broschüren, allerlei wissenschaftlichen Arbeiten usw., und zwar nicht nur in der speziellen *) Medizinische Bibliographie für Syrien. Paliistina und Cypern, IL Teil. Mit einem Anhang: "Über die medizinische Literatur Palästinas und ihre bibliographische Bearbeitung, von Dr. med.Aron Sandler in Breslau. Sonderabdruck ans der Zeitschrift des Deutschen Paliistinavereins