Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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900 DIE3SELT No. 41 über die jüngste Tätigkeit des Parlaments. Am Ende appellierte der Redner an die Zuhörer, eine jüdische Mittelschule zu gründen, da eine solche unbedingt notwendig sei, und spendete sogleich zehn türkische Pfund hierfür. Sein Vorschlag wurde mit lautem Beifall angenommen. Ob das Institut auch ein echt jüdisches sein wird, wird allerdings erst die Zukunft sagen können. Zur Verbreitung der hebräischen Sprache wird besonders auch durch den Verein „Iwria" beigetragen, der unter den Smyrnaer Juden eifrig tätig ist. NOTIZEN Beobachtungen über den Importhandel der Türkei Im Importhandel der Türkei haben sich seit Jahresfrist manche Wandlungen vollzogen, die sich auf die politischen Veränderungen im Lande zurückführen lassen. Alte Handelsbeziehungen sind fallen gelassen, neue angeknüpft worden. Zahlreiche Unternehmungen sind unter der Wirkung größerer politischer Sicherheit begonnen worden. Im Einfuhrhandel sind neue Waren aufgetaucht, deren Import früher verboten war. So z. B. sind Schießwaffen und Munition als neuer Einfuhrartikel erschienen. Tausende von Revolvern und Millionen von Patronen sind eingeführt worden; die Zahl der während der letzten vier Monate eingeführten Revolver wird auf 20000 Stück geschätzt. An Patronen gelangten 3000000 Stück zur Einfuhr. Die meisten Revolver wurden aus Liege (Belgien) und Eibar (Spanien) eingeführt. Der Preis des einzelnen Revolvers stellt sich auf 5 bis 18 Fr.; Patronen, deren Originalpreis 40 M p. 1000 beträgt, werden zum Preise von 80 M per 1000 verkauft; das Kaliber beträgt 8 Millimeter. Zu den wichtigsten Einfuhrartikeln gehören: Streichhölzer, Papier aller Art, Lampen und sonstiges Hausgerät, Zucker, Alkohol zur Bereitung von Parfümerien, Glaswaren, Farben, Pflanzenöle, Nähmaschinen, Uhren, Woll- und Baumwollwaren, Drogen und Medikamente, Mineralwasser, Kaffee, Tee, Bier, Tinte, Federn und viele Arten billiger Artikel, die sich zum Absatz bei ärmeren Bevölkerungskreisen eignen. Das Geschäft wirft in diesen Artikeln trotz der Geringfügigkeit der einzelnen Waren einen hohen Gewinn ab, da ihrer Art nach weniger wertvolle Artikel der Neuheit wegen von der Bevölkerung oft hoch bezahlt werden. Wirtschaftliches aus dem Orient Wir lesen im „L'Orient": Für Jaffa ist die Gesellschaft „Anglo-Commercial-Levant Co. Ltd." in Bildung begriffen, die mit einem Kapital von 80 000 Pfund arbeiten und alle Arten Geschäfte betreiben soll. Die Gesellschaft wird ihre Tätigkeit mit der Errichtung einer Küstendampfschiffslinie zwischen Beirut und Port Said beginnen. Unter der Firma „Societe Generale de Tramways, de Transports et d'Electricite ä Smyrna" wird mit dem Sitz in Brüssel eine Gesellschaft begründet, die in Srnyrna einen elektrischen Straßenbahndienst einrichten will. Die Gesellschaft wird mit einem Kapital von Fcs. 1 700 000, eingeteilt in Aktien von Fcs. 500, arbeit en. Günstige Handelsverhältnisse in Beirut Die Kaufmannschaft in Beirut setzt sich nach einem der Deutschen Orient-Korrespondenz zugestellten Bericht zum größten Teil aus zuverlässigen Geschäftsleuten zusammen. Wenn auch die wie meistens im Orient — üblichen langfristigen Kredite eine gewisse Unsicherheit in das Geschäft bringen, so kann man doch sicher darauf rechnen, daß die Zahlung der fälligen Summen, wenn auch mit einiger Verzögerung, stets erfolgt. Verluste wegen Zahlungsverweigerung sind ganz selten. Immerhin empfiehlt es sich, bei Eingehung neuer Geschäftsverbindungen an zuverlässiger Stelle — beim Konsulat oder bei der Filiale der Banque Ottomane — Erkundigungen über die Kreditwürdigkeit des Kunden einzuholen. Der Handelsverkehr in Beirut wird dadurch erheblich gefördert, dal.5 die Banque Ottomane gegen niedrige Zinsen auf Waren Darlehn gewährt und dadurch manchem ohne Verschulden in gefährliche Lage gekommenen Kaufmann aufhilft. Für die günstigen Handelsverhältnisse in Beirut spricht u. a. der LJmstand, daß während der schweren finanziellen Krisis, die im vorigen Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Ägypten herrschte, der Geschäftsverkehr in Beirut keine außergewöhnlichen Störungen aufzuweisen hatte; nur zwei unbedeutende Bankerotte ereigneten sich im Jahre 1.908. Seit der Besserung der internationalen Geschäftslage hat auch der Handel in Beirut an Umfang wieder zugenommen. Mangel an Ärzten in den türkischen Provinzen Wie sehr unter dem alten Regime die Pflege der sanitären' und hygienischen Einrichtungen in den Provinzen vernachlässigt worden ist, zeigt sich auf Schritt.und Tritt, wenn man die Verhältnisse draußen näher studiert. Ärzte, die sich in den Städten und kleinern Ortschaften der erkrankten muselmanischen Bevölkerung annehmen könnten, fehlen in vielen Gegenden vollständig. Gemeindeärzte sind vereinzelt in manchen Orten wohl vorhanden, aber sie versehen ihren Dienst nur lässig und besitzen oft nicht die genügende Vorbildung, um ihrer Pflicht zu genügen. Seit Jahresfrist versucht man nun von Konstantinopel aus, die Verhältnisse zu bessern; aber nur langsam kann hier Wandel geschaffen werden. Kommt es doch vor, daß manche Gemeinden, wie die „Deutsche Orient-Korrespondenz" berichtet, sich weigern, Gemeindeärzte anzustellen, weil die Ärzte angeblich doch nichts zu tun hätten. Bei solcher Gesinnung der Gemeindebehörden ist man schließlich auch nicht erstaunt darüber, daß die Ärzte selbst mitunter sich weigern, den Kranken Hilfe zu leisten. Folgender Vorfall ist charakteristisch für die schlimmen Zustände, die in den türkischen Provinzen auf diesem Gebiete heute noch herrschen. In einem Provinzialstädtchen brach kürzlich eine Pockenepidemie aus; die geängstigte Bevölkerung wandte sich an' den Gouverneur mit der Bitte um Beschaffung ärztlicher Hilfe. Der Gouverneur aber antwortete, daß ihm die Geldmittel fehlten, um einen Arzt kommen zu lassen. Unterdessen breitete sich die Pockenepidemie unter den Kindern des Ortes weiter aus; der Kaimakam sah schließlich ein, daß etwas geschehen müßte. Er requirierte aus der Nachbarschaft doch noch einen Arzt; dieser erschien eine Woche später, fand dann aber allerdings nichts mehr zu tun, denn alle Kinder des Ortes waren inzwischen von der Epidemie dahingerafft worden. Libanesisches In den libanesischen Bergen, wo ein intensives, politisches Leben in einem ganzen Gewimmel von Parteien die Rassenkämpfe der frühem Zeiten abgelöst hat, stehen gegenwärtig zwei Fragen im Vordergrunde des Interesses: die Handelsfreiheit zur See und das Tabakmonopol. Unlängst hat die Landung und Aufnahme von Passagieren durch einen belgischen Dampfer in der Hafenstadt Junieh einen Aufsehen erregenden Zwischenfall hervorgerufen. Das türkische Torpedoboot Marmaris hatte in aller Eile seine Ankerstelle in Beirut verlassen und sich nach Junieh begeben, um dort eine strenge Untersuchung über den unerlaubten Schiffahrtsvorgang einzuleiten. Dieser Vorfall erregte stürmischen Protest bei den Libanesen, die ihn als Verletzung libanesischen Territorialrechts gemäß dem Protokoll des Jahres 1864 ansahen. Der große Verwaltungsrat des Libanon legte scharfe Verwahrung bei der Hohen Pforte ein und erließ ein Manifest, das Junieh als Freihafen erklärte. Gleichzeitig übermittelte das libanesische Nationalkomitee den Vertretern der vier Schutzmächte in Beirut ein Memorandum, das folgendes geltend machte: Das Mutessarifat Libanon genieße Transportfreiheit zu Lande, und es läge kein Grund vor, es der zur See zu berauben. Die Freiheit der Schiffahrt sei in der Handelsfreiheit, einem Hauptprinzip der Konstitution, enthalten, und der Libanon hätte infolgedessen das gleiche Recht auf sie wie die übrigen Vilajets. Im Protokoll von 1864 sei ebenfalls keine hierauf bezügliche Einschränkungenthalten. Im übrigen sei die Öffnung eines libanesischen Hafens eine Lebensfrage für den Libanon. Schließlich sei ja bereits seit einigen Jahren in Anbetracht des wachsenden Verkehrslebens von Junieh ein Zollamt und ein Küstenwachdienst daselbst geschaffen worden. Es sei nun eine Inkonsequenz, wenn der regelmäßige Verkehr von Segelschiffen erlaubt, der von Dampfschiffen aber verboten wäre. Es werden also über diese Frage Unterhandlungen zwischen den Mächten und der souveränen türkischen Regierung stattfinden, und es ist kaum zu bezweifeln, daß sie zum Vorteil des Libanon ausfallen werden. Ist das der Fall, so wird naturnotwendigerweise Beirut einen großen wirtschaftlichen Schaden erleiden. Bisher ging aller Transitverkehr des libanesischen Handels durch diesen Hafen. Das wird nunmehr anders werden, da Junieh nur 15 Kilometer von Beirut entfernt ist. Eine Reihe mächtiger auswärtiger Gesellschaften, deren Aktionszentrum sich in Beirut befindet, wird das schmerzlich zu verspüren haben. Diese Tatsache allein läßt noch gelinde Zweifel an der Lösung des Problems bestehen. —