Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 41 DIE^KELT 890 Juden vor sich, die selbst altangesessene und in Sibirien geborene Personen trifft. Der grausame Akt erfährt noch dadurch eine Verschärfung, daß die Registrierung der frühern jüdischen Geburten infolge des kurzen Bestandes eines Rabbinats in Sibirien fehlerhaft und unvollständig ist. Rücksichtslos will darum die Behörde % viele nicht verzeichnete jüdische Ehen nicht anerkennen, erklärt die Kinder aus solchen Ehen als illegitim und weist alle jene Juden aus, die durch das Geburtsregister ihr Wohnrecht nicht nachzuweisen imstande sind. Auf Grund von Denunziationen müssen viele das Land verlassen, ohne daß man ihnen auch nur die Möglichkeit gewährte, ihre geschäftlichen Angelegenheiten irgendwie in Ordnung zu bringen, So gestalten sich die Verhältnisse für die Juden im fernen Sibirien noch trostloser als in den sonstigen Teilen Rußlands. Deutscher Judentag Zu der Sonntag den 17. Oktober 1909 zu Breslau im großen Saale des Konzerthauses stattfindenden dritten Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden werden unentgeltlich Zuhörerkarten auf mündliches oder schriftliches Gesuch im Bureau der Synagogengemeinde in Breslau, Wallstraße 14, sowie bis zum 12. Oktober er. im Bureau des Verbandes deutscher Juden in Breslau W, Potsdamer Straße 45II, ausgegeben. Jüdische Gemeinden in der Türkei (Von unserm Berichterstatter) Aleppo Ein angesehener jüdischer Kaufmann aus Aleppo erzählte mir folgende Einzelheiten über die jüdische Gemeinde daselbst: Die jüdische Gemeinde Aleppo zählt ungefähr 15000 Angehörige, die sich leider in einem bedauernswerten moralischen Zustande befinden. Der Fanatismus beherrscht hier das ganze Leben und unterdrückt jeden Fortschritt, den zu befördern auch der hiesige Chachambaschi nichts unternimmt. In der Talmud-Toraschule erhalten 6—700 Schüler sogenannten Unterricht, der sich nur auf Übersetzung der Gebete und der Bibel in die arabische Sprache beschränkt. Die Schule behält die Schüler, die ihrer Armut wegen in Lumpen gekleidet daherkommen, 12—13 Jahre. Haben sie sie endlich verlassen, so sind sie unwissend im wahrsten Sinne des Wortes, so daß sie gezwungen sind, Lastträger und Schuhputzer zu werden, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch die arabische Sprache beherrschen sie nicht vollkommen. So werden die Juden Aleppos von Geschlecht zu Geschlecht unwissender, ja sogar die Hachomim sind von der Bildung weit entfernt. Es existieren wohl eine Knaben- und Mädchenschule, die von der Alliance gegründet sind, aber auch diese beiden Anstalten tun zu wenig, um die Bildung der dortigen Juden zu heben. Die Hauptsprache dieser beiden Schulen ist das Französische; Gebete und etwas Arabisch werden nebenbei unterrichtet. Nach fünfjähriger Schulzeit werden die Kinder ohne jegliche Kenntnis entlassen, und sie begeben sich nach Ägypten oder andern Ländern, um ihr Brot zu suchen. So ist unsere arme Gemeinde, schloß mein Gewährsmann. Ich habe über nichts mehr zu berichten, da dort nichts mehr existiert. Mersina Die hiesige jüdische Gemeinde besteht nur aus dreißig Familien, die meistens aus Saloniki stammen. Ihre materielle Lage ist befriedigend. Alle haben Beschäftigung und verdienen ihren Lebensunterhalt, ja manche unter ihnen sind sehr wohlhabend. So sind die Direktoren der Banque Ottomane und Banque d'Orient Juden. Bis jetzt besitzt diese kleine Gemeinde noch keine eigne Synagoge. Die Gemeinde hält ihren Gottesdienst in einem gemieteten Räume ab, hat aber jetzt einen Bauplatz erworben, um in Kürze eine Synagoge darauf zu errichten. Der dortige Chasan und Schochet unterrichet zugleich fünfzehn Kinder im Lesen der hebräischen und der spaniolischen Sprache. Die übrigen besuchen teils die dortigen fremden Schulen, teils erhalten sie ihre Erziehung in Saloniki. Die hiesigen Juden wünschen sehr, daß sich hier Glaubensgenossen aus Rußland niederlassen mögen, da Mersina in Kürze einen guten Hafen besitzen wird. Der Handel der Stadt wird sich hierdurch bedeutend heben und ein fruchtbares Arbeitsfeld für Unternehmer bilden. Smyrna Auch die Smyrnaer jüdische Gemeinde, die ungefähr 40 000 Seelen zählt, ist auf dem Wege des Fortschritts angelangt, und zwar sowohl in sozialer wie moralischer Hinsicht. Ein großer Teil des Handels dieser Stadt ist in Händen der Juden, die die weit zahlreichern Griechen bereits überflügelt haben. Erfreulich ist die Tatsache, daß trotzdem ein gutes Einvernehmen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen herrscht, das entschieden besser ist, als das Verhältnis zwischen Juden und Griechen in Saloniki. Leider ist bis jetzt die jüdische Gemeinde nicht recht organisiert, wodurch ihre Zersplitterung und Unordnung erklärlich wird. Das größte Hindernis der Einigkeit war die Chachambaschifrage. Der gegenwärtige Rabbiner, Rabbi Jossef ben Sinior, war von der Regierung nicht anerkannt worden, und seitens der Gemeinde war nichts geschehen, einen staatlich anerkannten Chachambaschi in Smyrna anzustellen. Vor zwei Wochen nun versammelte sich der hiesige Mischlisch Umumi und beschloß, die Demission des jetzigen Oberrabbiners seines Alters und seiner Schwäche wegen anzunehmen. Als Kandidaten für die Neuwahl wurden vorgeschlagen: Rabbi Chiskia Schabtai, Chachambaschi aus Aleppo, Rabbi Reuwen ben Israel aus Krajowa und der Oberrabbiner von Brussa. Die Wahl des letztgenannten soll, der Stimmung der Gemeinde nach zu schließen, sicher sein. Ist diese Frage einmal in befriedigender Weise für die Gemeinde gelöst, so wird ihr Fortschritt und ihre Einigkeit sicher sein. Hauptsächlich macht sich das Fehlen eines geeigneten Gemeindeoberhauptes an den Erziehungsanstalten bemerkbar. Insbesondere wäre manches über die Talmud-Toraschule zu sagen. In der Talmud-Toraschule werden 600 arme Kinder und Waisen in der hebräischen, französischen und türkischen Sprache unterrichtet. Das Hebräische wird noch nach der alten Methode gelehrt. Unter den acht Lehrern des Hebräischen, bei denen die Kinder nur Gebete ,und Übersetzungen lernen, sollen nur zwei ihr Fach genügend verstehen. Die Anstalt entspricht demnach in Hinsicht auf echte jüdische Erziehung nur wenig den Wünschen der Gemeinde. Sie möchte sehr gerne, daß ihre Kinder das Hebräische als lebende Sprache erlernten, ein Wunsch, der vorläufig noch unerfüllt bleiben wird. Die Kasse dieser Anstalt leidet bedauerlicherweise an Geldmangel, wodurch das Schulkomitee auch nicht in der Lage ist, gut geschulte hebräische Lehrer anzustellen. Auch wird die genannte Anstalt nur von einem provisorischen Direktor geleitet, was gleichfalls für ihre Entwicklung nicht förderlich ist. Falls der Hilfsverein geneigt wäre, sein Interesse auch der Smyrnaer Talmud-Toraschule zuzuwenden, so hätte er hier ein weites Feld für seine segenbringende Tätigkeit gefunden. Ein hebräischer Kindergarten nach der' Art der jüngsten Saloniker Anstalt würde hier von großem Nutzen sein und von der Gemeinde freudig begrüßt werden. Die hiesige Knabenschule der Alliance besteht aus 400 Schülern. Der größte Teil des Unterrichts wird für die Erlernung der französischen Sprache verwandt. Außerdem wird die türkische und die hebräische Sprache gelehrt. In letzter Zeit wurde der Erlernung des Hebräischen, dank den Bemühungen des Direktors^ Herrn D. Nabon, mehr Beachtung als früher geschenkt, und die Sprache als lebende Sprache gelehrt. Auch in der Mädchenschule der Alliance, die 200 Schülerinnen zählt, ist die Direktorin, Frau Nabon, bemüht das Hebräische nach neuer Methode zu unterrichten. Der Zionismus fängt an, hier Wurzel zu fassen und sich zu verbreiten. Der vor drei Monaten durch Herrn Selim Misrachi, Redakteur der Smyrnaer türkischen Zeitung „Keyla", gegründete Zionistische Verein entwickelt unter der Leitung des Gründers eine rege Tätigkeit und bemüht sich, die Öffentlichkeit in den jüdischen Zeitungen über die zionistische Idee aufzuklären. Als Organ dient ihm die Wochenschrift „El Novelista", deren Redakteur, Herr Algranati, einer der tüchtigsten Mitarbeiter des genannten Vereins ist. Sie verstanden unter dem Zionismus die Förderung der jüdischen Emigration nach Palästina und begannen sogleich, Schekolim zu verkaufen und Geld für den Nationalfonds zu sammeln. Sie hofften hier den größten Teil der Bevölkerung für die Sache zu gewinnen, die von vornherein für eine jüdische Emigration nach Palästina war. Nun aber herrschten hier manche Mißverständnisse in beziig auf den Sinn des Zionismus, und demzufolge verlangten manche angesehene Gemeindemitglieder, unter ihnen der bekannte Advokat Herr Albert Tarika, man solle der Bewegung einen andern Namen geben, worauf sie alle dann an der Arbeit teilnehmen würden. Infolgedessen wurde der Verein ein wenig in der Arbeit gehindert, konnte sie aber trotzdem fortsetzen. Jetzt aber mußte sie infolge des neuen türkischen Vereinsgesetzes ganz eingestellt werden, und die Mitglieder erwarten nun mit Ungeduld die Entscheidung des Zionistenkongresses. Vorige Woche sprach Herr Nissim Effendi Mazliach, Deputierter aus Smyrna, vor einer großen Versammlung in spaniolischer Sprache