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Die Welt · 1909-10-06 · 41 (6.10.1909) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
41 (6.10.1909)
Date
1909-10-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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898 DIE^ELT No. 41 die dort geboren sind, aus; Kinder, deren Eltern das Recht haben, dort zu bleiben usw. Die Leute werden unerwartet, auf Grund von Denunziationen ausgewiesen, ohne daß sie Zeit haben ihre Geschäfte zu liquidieren. Die Grausamkeit ist unerhört: unlängst hat man einen alten, kranken Juden ausgewiesen und kurz darauf erfuhr man, daß er unterwegs gestorben ist. In den Hochschulen Ungeachtet der Erleichterungen in der Aufnahme der Juden in die Hochschulen, die das Bildungsministerium eingeführt hat, fängt man wieder an neue Gesetze für die Juden, die in die Petersburger Universität aufgenommen sein wollen, zu entwerfen. Es sind dort 238 Gesuche eingelaufen, darunter befinden sich 30 Aspiranten mit goldenen und 34 mit silbernen Medaillen. Im ganzen sollen 45 Juden aufgenommen werden. Das Ministerium des Innern hat im Einklang mit dem Bildungsministerium ein Zirkular an alle Universitäten geschickt, laut welchem die Dokumente der jüdischen Studenten Einzelheiten über deren Stand und Geburtsort enthalten sollen. Das Zirkular wurde durch die Klagen einiger Gouverneurs hervorgerufen, welche behaupten, es sei ihnen unmöglich, Gesetze über das jüdische Wohnrecht festzusetzen, da sie bisher die darauf bezüglichen Einzelheiten nicht besitzen. Eine Petition der Sewastopoler Juden an den Kaiser Als der russische Kaiser unlängst in Sewastopol weilte, haben ihm die dortigen Juden folgende alleruntertänigste Petition eingereicht: „Indem die Sewastopoler jüdische Gemeinde den Neujahrstag, wie auch das 25. Jubiläum seit der Stiftung der jüdischen Hauptschule, der Euer seliger Großvater Kaiser Alexander Boden geschenkt hat, feiert, und indem sie für die Seele des „Kaisers-Befreiers" betet, drückt sie Eurer Majestät ihre alleruntertänigste Gefühle aus". Der Kaiser ließ sich bei den Sewastopoler Juden für diese Petition bedanken. Als einige Zeit darauf der Kaiser durch Jalta passierte, hat sich Seiner Majestät unter anderm eine jüdischen Deputation vorgestellt, nur ließ die „Petersburger Telegraphen-Agentur" diesen Fall aus unbekannten Gründen unerwähnt. Aus der Emigrationsbewegung Die jüdischen Emigranten an der Grenze Aus Mlawa meldet man dem „Jüd. Emigrant" folgendes über die jüdischen Emigranten: „In der letzten Zeit kommen bei uns sehr häufig traurige Vorfälle wegen falscher ausländischer Pässe vor. Es trifft sich z. B. daß ein Mann, eine Frau und einige Kinder auf einen Paß als eine Familie fahren. Werden sie aber in der Gendarmerieverwaltung ausgefragt, so ergibt es sich, daß es fremde, durch Zufall in Berührung gebrachte Menschen sind. Der Agent hat ihnen geraten, auf einen Paß zu fahren, da es billiger ist, doch hat er sich keine Mühe gegeben, ihnen irgendeine Unterweisung zu erteilen. Vor kurzem erst sind an der Grenze zwei Familien angekommen, die eine aus einer Mutter und fünf Töchtern und die andre aus einer Mutter mit drei Töchtern bestehend. Das äußerliche Aussehen der Töchter stimmte keineswegs mit dem im Paß erwähnten Alter, und keines von den Mädchen kannte weder den Namen ihres Vaters noch den Namen ihrer Schwestern. Und nun werden dergleichen fiktive Familien an der Grenze angehalten, und darauf werden sie zum Distriktaufseher verschickt, wo sie in der Haft verbleiben, bis zur nächsten Etappe. Die Reichen unter ihnen werden mit einem speziellen Begleiter nach Hause expediert und sind verpflichtet, dessen Reisekosten zu bezahlen. Die Wahlen in Petersburg Unlängst fand in Petersburg eine Versammlung der jüdischen Wähler statt, in welcher die drei aufgestellten Kandidaten Kutler (K-D), Kuzmin-Karawajew (unparteiisch) und Sokolow (S-D), Programmreden über die Judenfrage hielten. Alle drei Redner stimmten eifrig für die Aufhebung der Judenbeschränkungen; den größten Eindruck hat die Rede des Rechtsanwalts Sokolow gemacht, der versprach, daß die S-D-Partei bei der ersten Gelegenheit die Judenfrage in der Duma berühren werde. Der bekannte Rechtsanwalt Sliosberg unterstützte in einer flammenden Rede die Kandidatur von Kutler; die Herren Landau und Wolkenstein verteidigten die Kandidatur Sokolows. Eine „reformierte" jüdische Gemeinde in Petersburg In Petersburg soll eine „reformierte" jüdische Gemeinde gegründet werden. Sobald man 100 Personen für dieses Projekt gewonnen hat, wird eine konstituierende Versammlung stattfinden. Als sich neulich ein Mitarbeiter des „Frajnd" an Dr. Pereferkowitsch, der sich mit der Propaganda dieser Idee befaßt, mit der Bitte, ihm Näheres darüber mitzuteilen, gewandt hat, erklärte ihm dieser, daß sich die projektierte jüdische Gemeinde von den in Deutschland, Frankreich und Amerika existierenden Gemeinden durch ihren konservativen Charakter und durch ihre kulturellen und philanthrophischen Ziele unterscheiden werde. Über die Rabbinerkommission Im Departement der geistlichen Angelegenheiten beabsichtigt man eine Rabbinerkommission zusammenzurufen. Bis jetzt sind über 100 diesbezügliche Denkschriften von Privatpersonen und Rabbinerversammlungen eingelaufen. Die Wahlen in die Rabbinerkommission sollen im November stattfinden. Da man außer den Religionsfragen auch die Judenfrage im allgemeinen behandeln wird, soll die Zahl der Kommissionsmitglieder vergrößert werden. Außer den 7 Rabbinern ex officio sollen noch Vorsteher größerer jüdischer Gemeinden daran teilnehmen. Im ganzen sollen 50 Personen in Petersburg zusammenkommen. Unter andern soll auch die Frage der Eintragung derjenigen jüdischen Knaben in die Matrikeibücher behandelt werden, an denen der Beschneidungsakt nicht ausgeübt wurde. Der Antisemitismus in Finnland Der russische Schriftsteller A. Kipen (ein Jude), der unlängst schwer erkrankt ist, begab sich dem Rate seines Arztes folgend nach Finnland, und mußte als russischer Jude nach einem zweiwöchentlichen Aufenthalt auf Befehl der finnländischen Polizei das Land verlassen. Kipen wandte sich zwar an den Wyborger Gouverneur mit der Bitte, ihm einen halbjährigen Aufenthalt in Finnland gestatten zu wollen, doch der Gouverneur hat seine Bitte abgeschlagen und ihm befohlen, Finnland binnen zwei Tagen zu verlassen. Die progressive russische Zeitung, die diesen Fall zitiert, weist darauf hin, daß die finnländische Polizei bis jetzt noch nicht gewagt hat, die jüdisch-russischen Schriftsteller derart zu behandeln. Eine Versammlung der Vorsteher der jüdischen Intelligenz Das Ministerium des Innern hat erlaubt, eine Versammlung der Vorsteher der jüdischen Intelligenz in Grodno zu organisieren. An der Zusammenkunft sollen sich die Vertreter von Gemeinden und von großen jüdischen Vereinen beteiligen. Hauptzweck dieser Zusammenkunft ist die Notwendigkeit der Uebersicht der Lage der Juden und der Konzentration der jüdischen sozialen Kräfte. Gutschkows Bekenntnis Wie die Zeitungen melden, soll Gutschkow erklärt haben, die Oktobristen seien nicht gegen die Prozentnorm für die Juden in den Schulen und würden daher den Minister Schwarz unterstützen, wenn man ihn in der Duma wegen seiner Zirkulare interpellieren werde. Das Bildungsministerium hat an alle Universitäten ein Zirkular geschickt, laut welchem man diejenigen Juden, die sich getauft haben, um in die Universität aufgenommen zu werden, und später wieder zum Judentum zurückkehren, als Juden betrachten soll, und sie im prozentualen Verhältnis zu den neu eintretenden jüdischen Studenten aufnehmen. Petersburg, 5. Okt. Der Kaiser hat den Beschluß des Ministerrats sanktioniert, wonach bei der Aufnahme von Juden in die Mittelschulen der Krone ein erhöhter Prozentsatz zuzulassen ist. In den Residenzen sollen fünf, in den übrigen Reichsteilen zehn, und in den Ansässigkeitsgebieten der Juden fünfzehn Prozent der Gesamtzahl der Schüler Israeliten sein dürfen. Zur Judenfrage in Sibirien Aus Petersburg wird uns geschrieben: Der Dumaabgeordnete für Irkutsk, Bjelonssow, der soeben aus Sibirien zurückgekehrt ist, hat an Ort und Stelle ein reichhaltiges Material über die Lage der dortigen Juden gesammelt. In vielen sibirischen Städten geht jetzt nämlich eine Massenausweisung von

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