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Die Welt · 1909-10-06 · 41 (6.10.1909) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
41 (6.10.1909)
Date
1909-10-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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894 DIEl^ELT No. 41 Beförderungsmittel für Kurden und nicht nur zu einer ergiebigen Bakschischquelle, sondern auch zu einem Ktilturfaktor ersten Ranges. Die anatolische Eisenbahn hat einen Teil der asiatischen Türkei binnen kurzer Zeit der Kultur erschlossen. Es war dies auch so etwas wie Altneuland, — die Stätten klassischer griechischer Kultur, wo die Heroen einer schönen Legendenwelt wandelten, und die nachher einer furchtbaren Verwahrlosung anheimgefallen waren, sind ganz wie neu erstanden. Dabei stellte es sich auch heraus, daß die Türken im Gründe gar nicht so rückständig sind. Der türkische Bauer ist den Neuerungen gar nicht so abhold, wie man es im Abendlande annimmt; er hat das mit seinen Standesgenossen im Westen durchaus gemein, daß er den praktischen Nutzen der Dinge, die an ihn herantreten, sehr bald begreift. Es ist eine landläufige Phrase: „Der Orientale kann nur durch Vorteile, die man ihm bietet, gewonnen werden." Ja, ist denn der Abendländer anders? — Wenn vor Eröffnung der Bahn die Tonne Weizen in Stambul doppelt so viel kostete als in Angora, so rechnet der türkische Bauer schnell heraus, daß, wo man die Bodenerzeugnisse rasch und billig nach der Hauptstadt schaffen kann, für ihn ein bedeutender Gewinn abfallen müsse, und er vermehrt seine Tätigkeit. Da sind die großen Speicher und Lager von Haidar- Pascha, wo eine ungeheure Masse von Produktenvorräten aufgespeichert liegt. Es ist klar, daß durch die Verkehrsmittel die Produktion zugenommen hat. Wo sich früher Karawanen über die jungfräulichen Ebenen schleppten, hat heute der Pflug den Boden geritzt, und Saatfelder sperren den Weg. Neue Dörfer sind erstanden, zumeist auf den weiten Flächen von Bozüyik und Inonü. Den Städtchen haben sich frisch erbaute Viertel angegliedert. Das war auch so etwas wie Palästina für . . . verfolgte Muselmänner aus andern Ländern, die hierher wie nach einer alten Heimat zuströmten. Es ist eine fortwährend anhaltende Bewegung. Jeder Zug von Haidar-Pascha bringt kleinere oder größere Partien von Emigranten nach dem Innern Anatoliens. Früher waren es die aus Bulgarien undOstrumelien Angekommenen. Sie haben ein Stückchen Kultur mitgebracht. In jahrhundertelanger Berührung mit einem ernsten arbeitsamen Volke, das sie zwar früher beherrscht hatten, aber von dem sie doch auch lernten, haben sie an Intelligenz und Tätigkeit sehr gewonnen. Die Konkurrenz mit Tüchtigern ist eine gute Schule. Um von den fleißigen Bulgaren nicht in Grund und Boden gearbeitet zu werden, mußten sie selbst alle Kräfte zusammennehmen und wurden so ein weit rührigeres Geschlecht als die seit Jahrtausenden im alten Gleise gebliebenen anatolischen Bauern. Diesen sind sie nicht nur an Kenntnis des Ackerbaues weit überlegen, sondern sie bringen auch meist neues, hier bisher noch unbekanntes Gerät und Kapital mit. Deutlich tragen sie auch das Bewußtsein ihrer Überlegenheit zur Schau; sie fühlen sich der abendländischen Kultur näher und reden gern mit dem Fremden, der von dort kommt. Ihr Beispiel findet mehr und mehr Nachahmung, schon beginnt der rohe Holzpflug, der noch ganz so beschaffen war, wie Reliefs auf Grabsteinen des Altertums ihn darstellen, nach und nach zu verschwinden. Es ist ganz wie in Palästina: die Einwanderer haben eine höhere Kultur und Kapital mitgebracht. Natürlich ist das all nur ein kleiner Anfang. Die Länderstrecken der Hochflächen des Innern, wie die ganze Umgegend von Konstantinopel machen noch jetzt auf den aus dem Abendlande kommenden Reisenden einen toten Eindruck. Der einheimischen Bevölkerung fehlt der Sinn für einen umfassenden Landbau: sie drängt sich in Städten und Flecken zusammen. Das wird wohl so etwas Orientalisch-Rückständiges sein: der Mangel an freiem Natursinn, das scheue Zusammenhalten. Das ist aber auch keine angeborene Anlage. Es fehlte das Sicherheitsgefühl, — und derselbe Mangel hat wahrscheinlich auch in unsern jüdischen Massen das Zusammengepferchtseinwollen gefördert. Deshalb fehlen in der Türkei die einzelnen Gutshöfe und Weiher, die sich bei uns in allen Tieflandgebieten zerstreuen und mit ihren Gärten und Häusern dem Auge eine wohltuende Abwechslung darbieten. Aber die Eisenbahn hat auch nach dieser Richtung schon manches geleistet. Sie hat einen breiten Streifen durch die von ihr durchzogenen Gebiete gelegt, von dem aus Ordnung und Ruhe nach beiden Seiten hin vordringen. Wennman auchnurkurzeStreckenmit der anatolischen Bahn durchstreift, erkennt man schon hie und da die Spuren früherer Waldungen, in denen zunächst große Lichtungen geöffnet und die dann ganz verschwunden sind. Die Fieberherde der dicht verwachsenen sumpfigen Wälder an niedern Stellen sind gesunden und nutzbringenden Feldern gewichen. In der Umgegend von Haidar-Pascha gedeihen schon üppige Maisfelder, die einen guten Ertrag liefern. Damit hebt sich nicht nur der Wohlstand des Landes, sondern auch die Sicherheit wächst. Die unruhige Bevölkerung lernt es mehr und mehr, sich durch friedlichen Erwerb zu ernähren: das ist wirksamer als alle Militärposten und Polizeimittel. Kleine Städtchen mit schmucken Häusern bauen sich neben den Stationen an. Die naheliegenden Städtchen beginnen ihre Wanderung zur Eisenbahn, d. h. die Bautendenz nimmt ihre Richtung nach diesem Punkt. Haidar- Pascha ist auch seither riesig angewachsen. Natürlich werden die bis jetzt fertiggestellten Linien erst ihre Bedeutung durch ihren Zusammenhang mit dem Plane erhalten, das gesamte türkische Reich in Asien längs seiner Rückgratlinie von einem Schienenwege durchziehen zu lassen. Das ist nur eine Frage der -Zeit. Mit dieser Bahn und mit Zweiglinien, die gebaut werden müssen, steigt der Wert der asiatischen Türkei als Einwanderungsgebiet für unsere jüdischen Massen. Wenn die Bahn fertig wird, muß sie eine große politische undkommerzielle Wichtigkeit gewinnen, denn sie wird den nächsten und schnellsten Weg vom Abendlande nach Indien bilden und sich mit der Hedjasbahn nach Palästina erstrecken, um von dort aus mit Ägypten und vielleicht noch weiterhin einen Landesverkehr herzustellen. In Haidar-Pascha wird einmal am Schalter eine Fahrkarte nach Jerusalem gelöst werden.

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