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Die Welt · 1909-10-06 · 41 (6.10.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
41 (6.10.1909)
Date
1909-10-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Es ist wahrscheinlich, daß der Brauch der Araber, ihre Häuschen flach zu bauen, in solchen Erfahrungen ihren, wenn selbstredend auch nicht alleinigen Grund hat. An allerlei alten und neuen Gebäuden sieht man noch heute die Spuren der Verdrehungen des Bodens. Bekannt sind die um 30 Grad gedrehten Kapitale der Säulen von Baalbek. Mit Recht schreibt auch Kann bei der Schilderung seines Aufenthalts in Samaria: „Welche Zerstörung! Überall sieht man ungeheure, zu Boden gestürzte Säulen, zehn, zwanzig und mehr beisammen; manche erheben sich schräg aus dem Boden, einige stehen noch aufrecht, aber alles ist durcheinander gewürfelt: solch eine Zerstörung kann nur ein Erdbeben angerichtet haben." Um den Umfang der größern Katastrophen, der, wie oben ausgeführt, nicht der Intensität der Erdstöße zu entsprechen braucht, ermessen zu können, sei noch einiges über die Zahl der Opfer bei einigen größern Beben des vorigen Jahrhunderts mitgeteilt. Das Beben von Aleppo (1822) kostete 20000 Menschen das Leben. Die Stadt, vor dem Erdbeben die drittgrößte der ganzen Türkei, wurde damals zu zwei Dritteln völlig zerstört. Von trauriger Berühmtheit ist auch das Beben vom 1. Januar 1837, dem die galiläischen Städte Safed und Tiberias zum Opfer fielen. Ich möchte dem Leser hier ins Gedächtnis zurückrufen, was wir bei der Besprechung des Vulkanismus über diese Gegend ausgeführt haben. In einer an Brüchen und Spalten reichen Gegend, nahe den Vulkanen, nahe dem großen Erdbruch des syrischen Grabens ist dieses Gebiet, wie die zahlreichen Lavaspuren und die "als Heilquellen mit Recht gepriesenen Thermen von Tiberias zeigen, schon in ältesten Zeiten von allerlei Katastrophen heimgesucht worden. Ich erinnere mich, daß ein Blick, den ich in der märzlichen Abenddämmerung von der Höhe von Safed auf das Gebirge hinaus tat, mir die Vorstellung von einem hochwogenden und plötzlich erstarrten Meere vorzauberte. So muten die wogenden Konturen dieser Gebirgslandschaft an. Dieses Bild ist aber nahezu wörtlich zu nehmen, — nur handelt es sich hier nicht um Wasserwellen, sondern um Bodenwellen. Solch eine Woge ging an dem erwähnten Tage wieder einmal über das Gebirgsland hin und vernichtete die beiden Städte. Was die Zahl der Opfer anlangt, so gibt Theobald Fischer an, daß 5000 Menschen in beiden Städten umgekommen seien; das kirchliche Handlexikon von Menzel berichtet von dem Untergang von 2000 Juden in Safed und ein Viertel der ganzen jüdischen Gemeinde von Tiberias, die „Jewish Encyclopedia" spricht von 4000 getöteten Safeder Juden. Jedenfalls war die Verheerung gewaltig, und um so tragischer, als 20 Jahre vorher die Pest im Orte gewütet hatte und nur 4 Jahre vorher das Judenviertel von den Drusen ausgeplündert worden war! So verstehen wir, wie die noch um 1600 hochberühmte blühende Gemeinde von Safed auf jenes Niveau herabsinken konnte, auf dem sie der heutige Reisende vorfindet. Noch heute wird zur Erinnerung an das Beben ein Fasttag gehalten. Von Interesse ist der Aberglauben der Bevölkerung, daß ein Ungetüm — natürlich der Leviathan — unter der Erde ruhe, das alle 70 Jahre seine Lage ändere, wodurch dann jedesmal ein Erdbeben entstehe. Clair erinnert an eine ähnliche ägyptische Sage, nach der sich der unterirdische Riese Typhon alle 72 Jahre bewege. So entstand 1907 — 70 Jahre nach 1837 — unter den Juden Safeds eine große Panik, von der auch Muselmanen und Christen angesteckt wurden. Masterman schildert, wie die Bevölkerung die Flucht ergriff, zum Teil im Freien kampierte und allerlei wilde Phantasien verbreitete: es sei ein Stern in den See von Tiberias gefallen, dabei sei das Wasser rot geworden u. dgl. Erst am 14. Januar kehrte man, von Erkältungen geplagt, in die Stadt zurück. Blanckenhorn, der Geologe, der sich wie kein zweiter um die geologische Erforschung Palästinas verdient gemacht hat, hat in jüngster Zeit das wissenschaftliche Studium der so häufigen Erdbeben Palästinas begonnen. Freilich fehlt es ihm hierbei ebenso an geschulten Mitarbeitern, deren er bei solchen Beobachtungen nicht entraten kann, wie an den nötigen Mitteln zur Schaffung seismologischer Stationen. Die Zeit des Eintritts an verschiedenen Plätzen, Verbreitung, Dauer, Art, Richtung und Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Bebens, Verteilung der Bebenstärke, Lage des Mittelpunkts oder der Schütterlinie, Tiefe des Herdes usw. sind noch nie einwandfrei ermittelt worden. Immerhin liegen aus letzter. Zeit (1903, 1905) von kleinern Beben schon einige Notizen und Schilderungen vor; es handelt sich — Messungen und nähere Angaben interessieren hier nicht — meist um kleinere Stöße oder Rollen, Schwanken, Zittern, verbunden mit rollenden oder knallenden Geräuschen und über eine gewisse Oberfläche hin sich ausbreitend. Dabei wurden Gegenstände umgeworfen, größere Häuser beschädigt, Mauerrisse verursacht, kleinere Häuser zum Einsturz gebracht. Es liegen Beobachtungen vor von kleinern Beben in Jerusalem, vom Ölberg, in Jaffa, Gaza, Betlehem, Jericho, Nablus, Haifa, Taanak (in der Ebene Jesreel), Nazareth, Beirut usw. Die Zukunft wird auch diese Vorgänge im einzelnen in das vollste Licht wissenschaftlicher Klarheit rücken. Die vorstehende populäre Darstellung erhebt nicht den Anspruch darauf, als wissenschaftliche Arbeit zu gelten. Sie soll nur die wenig verbreitete Kenntnis dieser Vorgänge, deren Literatur weit zersplittert ist und die bisher noch nicht in zusammenfassender, noch weniger in populärer Form dargestellt worden sind, vermitteln und durch Erklärungen dem Verständnis des Laien näher rücken. Es wurden auch nur die wichtigsten, die jüngsten und die jüdischen Leser am meisten interessierenden Tatsachen berücksichtigt, während wichtige geologische Feststellungen von rein wissenschaftlicher Bedeutung fortgelassen wurden. Aus dem gleichen Grunde unterbleibt auch ein Literaturverzeichnis. Da die Ausführungen scharf disponiert sind, so dürfte sich eine Zusammenfassung erübrigen. (□□□□□□ FEUILLETON □ □□□□rj| o ORIENTBILDER v Haidar-Pascha Die anatolische Eisenbahn hat diese Stadt, wie überhaupt ganz Anatolien in eine neue Stadt, in ein neues Land umgewandelt. Die Bedeutung dieser Eisenbahn für die Neubelebung dieses Teils des Orients ist unermeßlich. Da hat es sich wieder gezeigt, wie lebensfähig der Orient ist, wenn ihm die Segnungen der abendländischen Kultur zuteil werden, — „die Schönheit Japhets in den Zelten Sems". Unwiderstehlich ^erobernde Kraft liegt in den Mitteln der Wissenschaft und der Technik. Ihnen weicht sowohl der religiöse Fanatismus wie die hartnäckige Verschlossenheit, sowohl der starreste Herrscherwille wie die rückständigste Volkssitte. Die anatolische Eisenbahn ist auch eins jener Wunder, an das die klugen Leutchen des Alltags so lange nicht glauben, bis sie es sehen. Im Jahre 1892 lief der erste Zug der anatolischen Eisenbahn, mit Blumen und ottomanischen Fahnen geschmückt, in den Bahnhof von Angora ein und eröffnete das so lange verschlossene Innere Anatoliens dem Weltverkehr. „Der Vali Abeddin- Pascha empfing dann den einlaufenden Zug, umgeben von seinen Beamten und einer zahlreichen Menschenmenge. Ein „Padischahim Tschok Jascha!" „Lang lebetneinPadiscbah!" begrüßte den ersten „Karavapor" („Landdampfer"), den die meisten Umstehenden zum erstenmal in ihrem Leben erblickt. Hammel wurden geopfert, Reden gehalten und am Ende ein Gebet für den Herrscher der Gläubigen gesprochen." Der Herrscher der Gläubigen glaubte durch die Eisenbahn seine Kurden schneller nach Konstantinopel bringen zu können und förderte kräftig den Bau. In der Wirklichkeit wurde diese Eisenbahn nicht zu einem

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