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Die Welt · 1909-10-06 · 41 (6.10.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
41 (6.10.1909)
Date
1909-10-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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8Q2 - DIE^ Diese Städte lagen offenbar im Süden oder Südosten des Meeres, zunächst schon deshalb, weil hier die einzige Stelle im ganzen Umkreis des Meeres ist, wo der Boden nicht versalzen, sondern von fünf Flüßchen gespeist und anbaufähig ist oder war. Aber die Lage der Städte ergibt sich auch daraus, daß eine der fünf Städte des Bezirks, Zoar, die der Vernichtung entging, sich durch eingehende Forschungen auf den Süden des Meeres hat lokalisieren lassen. Die Lage stimmt denn auch zu der Schilderung des Krieges, der zu Abrahams Zeiten zwischen den Königen des Südens geführt wurde. In der Ebene Siddim, wo dieser Kampf ausgefochten wurde, lag auch Sedom. Wenn es von dieser Ebene heißt: „das ist das Salzmeer", so folgt daraus, daß zur Zeit der Niederschrift der Genesis die ehemalige Ebene bereits vom Toten Meer okkupiert war. Es liegt nahe, anzunehmen, daß der ganze Bezirk mit Einschluß der zerstörten Städte, der bei dieser Katastrophe so stark erschüttert wurde, daß die Städte, wie es öfter heißt: „umgekehrt" oder durcheinander geworfen wurden, um ein gewisses Maß in die Tiefe sank, so daß sich das Meer über die Ebene Siddim ergoß; so entstand vielleicht das flache Südbecken des Meeres. Neuerdings neigt man mehr der Ansicht zu, daß die durch das Beben zerstörten Städte nicht vom Meere verschlungen wurden, sondern als grauenerregende Ruinen — worauf manche spätere Zitate hinweisen — erhalten blieben. Erst später wurde das Gebiet allmählich von dem vordringenden See versalzen und verschlungen, wie ja auch heute noch Schritt für Schritt das Land langsam' vom Salzmeer gefressen wird. Wo auch später im Pentateuch oder von Seiten der Propheten Sedoms und Gamorahs Erwähnung geschieht immer ist nur von dem Umsturz, der Umkehrung, niemals von der Überflutung die Rede. Gewiß, die Katastrophe war ein Erdbeben. Beben hat es von jeher bis auf die letzten Jahre an dieser Stelle wie an andern des syrischen Grabens stets gegeben, für sie ist dieses Gebiet geologisch prädestiniert; der Vulkanismus aber ist hier eine fremde Erscheinung. Die biblische Schilderung könnte freilich das Bild eines vulkanischen Ausbruchs vortäuschen. Blanckenhorn hat aber in trefflicher Weise gezeigt, daß sich alle in der Genesis erwähnten Erscheinungen durch ein tektonisches Beben erklären lassen. Zweifellos sind damals, wie das bei jedem tektonischen Beben vorkommen kann, hier aber durch die heutigen Überreste erwiesen ist, aus Bruchspalten eingeschlossene Gase, Thermen, petroleum- und asphalthaltige Massen emporgestiegen. Die hier ausgetretenen Kohlenwasserstoffe und Schwefelwasserstoff sind aber brennbar und hatten auch Gelegenheit, sich zu entzünden. Entsteht doch oft bei Beben — wie auch in Messina — ein Brand; auch sind ja die Beben oft von Gewitter begleitet. So gerieten die Gase, das aufschießende Petroleum, der Asphalt in Brand. Dabei muß sich ein gewaltiger Schwefelgeruch entwickelt haben, und ferner ein dicker Rauch, den Abraham vom Gebirge sah: „wie Rauch eines Backofens". Der ganze See ist von Norden nach Süden von einer Bruchlinie durchzogen, von der Blasen aufsteigen und über der sogar an einer flachen Stelle — an der Halbinsel Lisän — das Wasser wärmer ist als das übrige. Das ist der ungeschlossene Spalt... Wenden wir uns nun den spätem Beben auch im übrigen Palästina zu! In der Bibel ist das „Zittern", das „Schwanken", das „Hüpfen" der Berge eine oft erwähnte Erscheinung; der Psalmist dichtet: „Gottes Stimme zerschmettert Zedern, Gott zerschmettert die Zedern des Libanon, er läßt sie hüpfen wie ein Kalb, Libanon und Sirjon wie junge Büffel." Klassisch aber ist die Schilderung im Psalm 114: „Das Meer floh, der Jordan wandte sich rückwärts, die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie junge Schafe ... Vor dem Herrn erzittere, Erde... der wandelt Felsen in Wasserteiche, den Kiesel in Wasserquellen." Ein „Fliehen" des Meeres ist bei Beben an der Küste nicht selten (das Beben von Lissabon), und was das Rückwärtsfliehen des Jordans anlangt, so kommen Fälle, in denen durch Absturz von Mergelmassen am Ufer dem Jordan der Weg versperrt wird, so daß er sich ein neues Bett bahnen muß, häufig vor. Guthe (Realenzyklopädie für prot. Theologie) führt zwei Fälle an, in denen der Jordan genötigt war, sich ein neues Bett zu suchen. In einem Falle ist das heutige Flußbett 38 m von dem frühern entfernt, wo noch eine alte Brücke steht. Ähnliche Schauspiele schildern oft die Propheten, Erscheinungen, bei denen die Berge schmelzen und die Täler sich spalten (Micha), wo die Himmel zittern und die Erde bebt (Jesajas), oder wo die Erde und die Lebewesen erbeben, wo die Berge einstürzen und die Mauern zu Boden fallen (Ezechiel). Zur Zeit des Königs Utsijah von Juda fand ein großes Erdbeben statt. Das Buch Arnos beginnt mit der Zeitbestimmung, daß diese Reden gehalten wurden: „in den Tagen der Regierung des..., zwei Jahre vor dem Erdbeben". Einen wie furchtbaren Eindruck dieses Beben hinterlassen haben muß, zeigt sich darin, daß Secharjah 250 Jahre später an die Massenflucht bei jenem Beben erinnert. Wer dächte nicht auch an jene Stelle in der „Awodah" — der Schilderung des Gpferkultus [ELT - — No. 41 am Versöhnungstage —, an der es heißt, der Hohepriester habe ein besonderes Gebet für die „ansehe Scharon", die Bewohner der Ebene Saron, gesprochen, daß nicht ihre Häuser zu ihren Gräbern werden mögen. In der Tat ist diese Ebene, wie überhaupt die Westküste, sehr häufig von Beben heimgesucht worden; sie ist auch für das weit ruhiger gelegene eigentliche Judäa das nächste Schüttergebiet. Übrigens vollzieht sich hier nicht etwa jede Landhebung in Katastrophen, sondern eine allmähliche Hebung des Landes mit westwärts gerichteter Hinausschiebung der Küste ist unwiderlegbar erwiesen. Noch 60 m über dem heutigen Meeresspiegel sind „Stationen" des zurückgetretenen Meeres nachweisbar. Aus den letzten 2000 Jahren wissen wir wesentlich mehr von großen Erdbebenkatastrophen in Palästina. Obwohl sicherlich nur von den größten die Kunde auf uns gekommen ist, ist ihre Zahl beträchtlich. Sie nimmt im Laufe der Jahrhunderte zu und erreicht in den letzten Jahrzehnten eine respektable Höhe. Selbstredend wird nicht die Zahl der Katastrophen gewachsen sein, sondern die Berichte sind im Laufe der Zeiten immer lückenloser geworden. Nicht zu übersehen ist, daß die Mächtigkeit des Bebens nicht nach der Zahl der Menschenopfer bemessen werden kann; denn die letztere hängt nur davon ab, ob der Erdstoß eine mehr oder eine weniger dicht bewohnte Erdscholle trifft. Josephus erwähnt ein Beben aus der Zeit Herodes des Großen (31 v. Chr.), das vom Libanontal durch das Jordantal bis nach Judäa drang und angeblich 10000 Menschen durch Einstürzen der Häuser tötete. Das neue Testament (Matth.) berichtet über ein Erdbeben in Jerusalem zur Zeit des Todes Christi, bei dem sich der Himmel verfinstert habe. Groß waren die Verheerungen, die ein Erdbeben zur Zeit des Kaisers Justinian (um 550) in Syrien und Palästina anrichtete. Das Erdbeben von 1202 zerstörte nicht nur beinahe alle Küstenorte, sondern erstreckte sich, auch über den Hauran und Galiläa, und drang angeblich bis nach Ägypten. Das Erdbeben von 1759 soll nach Volney 20000 Menschen getötet haben. Blanckenhorn (Z.D.P.V. 1905) hat für Syrien und Palästina nicht weniger als 50 Erdbeben zusammengestellt, worunter natürlich nicht einzelne Erdstöße verstanden sind, sondern Erdbebenperioden, in denen sich die Stöße wiederholten, zuweilen Monate, ja 11h Jahr anhielten. Es dürfte interessieren, die Liste des vorigen Jahrhunderts kennen zu lernen: 1822 (Aleppo, Antiochia), 1823 (Antiochia), 1830 (Aleppo), 1834 (Totes Meer), 1837 (Tiberias, Jordantal, Jericho, Totes Meer), 1854, 1859, 1872/73 (Antiochia, Aleppo, Diarbekr, Beirut, Jaffa). Selbstredend sind das nur die größern Katastrophen. Die kleinern Beben sind viel zu häufig, als daß ihre Zählung einen Wert hätte. Solche kleinern Erdbewegungen fanden z.B. Juni 1896, Januar 1900, März 1903, Dezember 1903, ferner 1905, das letzte erst vor wenigen Monaten bei Tiberias, statt. Man findet in mancherlei Reisebeschreibungen Schilderungen solch kleiner Erlebnisse. In diesen Wirrwarr von Einzelangaben hat Diener Ordnung gebracht, indem er für unser Gebiet zwei Schütterzonen feststellte. Die beiden Linien sind folgende: die eine verläuft von Diarbekr am obern Tigris über Aleppo und Antiochia die ganze syrisch-paläsinische Küste entlang bis herab nach Gaza, die zweite von Aintab über Aleppo durch den syrischen Graben, also zwischen Libanon und Antilibanon hindurch, das Jordantal entlang. Die beiden nahezu parallelen Linien schneiden sich also im Norden. Auf diesen beiden Gleisen laufen die Beben, gewöhnlich in der Richtung von Norden nach Süden, ab, zuweilen auch umgekehrt, manchmal auch hin- und zurücklaufend. Auf der ersten Linie sollen etwa dreimal so viel große Erdbeben als auf der zweiten vorgekommen sein, was mir aber nur für den Fall zuzutreffen scheint, daß man Syrien mit berücksichtigt. Für Palästina dürfte die zweite Linie größere Bedeutung haben. Nach dem ganzen Aufbau des Landes kann es sich hier meist nur um tektonische Beben handeln. Es war bereits erwähnt, daß das von Brüchen und Spalten fast freie judäische Hochland, das ja zwischen den beiden angegebenen Schütterlinien liegt, auch fast frei von Beben ist. Nicht übel ist der Gedanke Münks, der an den Psalm 46 erinnert, wo es von Jerusalem heißt: „Der Herr ist in seiner Mitte, es wanket nicht." Natürlich hat das nur relative Geltung, denn ganz frei von Beben ist auch dieses Hochland nicht. Wir erwähnten ja schon die Beben von 31 und von 1834, die auch dieses Gebiet betrafen. Kleinere Beben treten auch hier häufig ein. Noch bei den letzten Beben von 1903 und 1905 wurden in Jerusalem Gegenstände umgeworfen, und entstand Schaden an Mauern. Man darf eben nicht übersehen, daß sich in der Nähe Jerusalems Erdbebenherde befinden und daß Jerusalem selbst nicht etwa auf kristallinischem Gestein, sondern auf geschichtetem Kalk ruht, in dem sich die Erschütterungswellen leicht und weithin fortpflanzen. Daß das Vorkommen kleinerer Einsturzbeben von mehr lokaler Bedeutung in diesem Gebiet nicht auszuschließen ist, war bereits erwähnt.

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