Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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sein und dem gesamten Kolonisationswerke zugute kommen. Auch gegen die Anlage von Pflanzungen ist, sofern der Körnerbau die Grundlage der Wirtschaft bleibt und die Pflanzungen nur eine Ergänzung bilden, nichts zu sagen. Es besteht aber die Gefahr, daß der Hypothekenkredit die in Palästina an sich schon vorhandene Tendenz, den Körnerbau zugunsten des Pflanzungsbaues ganz hintanzusetzen, noch verstärken wird. Das ist bedenklich, denn es bedeutet mehr oder weniger die Umbildung des Kolonisten aus einem selbst mitarbeitenden bäuerlichen Getreideproduzenten zu einem mit Lohnarbeitern arbeitenden kapitalistischen Plantagenbesitzer. Man könnte vielleicht sagen, daß das Agrarkreditinstitut den Hypothekenkredit nur in solchen Fällen geben darf, in denen das Darlehen wirklich in produktiver und rationeller Weise verwendet wird. Das ist theoretisch sehr schön, praktisch aber fast undurchführbar. Würde das Kreditinstitut tatsächlich nach dem Zwecke des Kredits fragen, so müßte es einen umfangreichen Kontrollapparat einrichten, um festzustellen, daß das Darlehen wirklich nur für die vorgegebenen Zwecke in sachgemäßer Weise verwendet wird. Eine solche Kontrolle würde das Kreditinstitut zwingen, sich mit allen Einzelheiten der Wirtschaft des Kreditnehmers zu befassen, würde dadurch dem Kreditinstitut wie dem Kreditnehmer in gleicher Weise lästig sein und würde außerdem durch die notwendige Anstellung von landwirtschaftlichen Sachverständigen bei den immerhin kleinen palästinensischen Verhältnissen den Kredit erheblich verteuern. Meines Erachtens muß auch in Palästina ein Agrarkreditinstitut bei dem Geschäftsprinzip aller privaten Hypothekenbanken in Europa bleiben: sich bei Hypothekendarlehen nur von der gebotenen Sicherheit leiten zu lassen, die Verwendung des Darlehens aber vollständig dem Darlehnsnehmer anheimzugeben. Als Resultat der bisherigen Ausführungen ergibt sich: 1. Augenblicklich hat ein Agrarkreditinstitut unter den in Palästina ansässigen Kolonisten keinen Wirkungskreis, da nur ganz wenige Kolonisten im staatlichen Grundbuch eingetragen sind. 2. Nach der in einigen Jahren möglichen Eintragung der unabhängigen Kolonisten in das staatliche Grundbuch wird das Agrarkreditinstitut einen gewissen Kundenkreis haben; mit der Mehrheit der Kolonisten, den sogen, abhängigen Kolonisten, wird es aber auch dann keine Geschäfte machen können. 3. Der gewährte Hypothekenkredit wird aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu einem Teile in einer für das Kolonisationswerk nützlichen Weise verwendet werden. III. Nutzen für neue Kolonisten Ließ sich im vorhergehenden der Nutzen einer Hypothekenbank für die in Palästina vorhandenen Kolonien nicht sehr hoch bemessen, so ist damit nicht gesagt, daß das Hypothekengeschäft in Palästina überhaupt keine große Bedeutung erlangen wird. Die Gewährung von Hypothekendarlehen kann eine sehr große Rolle spielen, aber erst dann, wenn eine große Parzellierungs- und Besiedlungstätigkeit vorangegangen ist. Das Agrarkreditinstitut muß sich die Kunden für den Hypothekenkredit durch eine groß angelegte Parzellierungs- und Besiedlungstätigkeit erst schaffen; es muß den kleinen Kapitalisten, die sich in Palästina ansiedeln wollen, die Ansiedlung technisch nach Möglichkeit erleichtern und kann ihnen dann zur Ergänzung ihrer etwa nicht zureichenden Mittel im Wege des Hypothekenkredits verhelfen. Die Frage, wie man den kleinen und mittlem Kapitalisten, die sich in Palästina ansiedeln wollen, die Ansiedlung ermöglicht, ist nicht nur eine Frage des Kredits, sie ist in vielleicht noch höherm Maße eine landwirtschaftlich-technische Frage. Es sind Leute mit völlig zureichendem Kapital zwecks Ansiedlung nach Palästina gekommen, und sie haben das Land unverrichteter Sache wieder verlassen, weil die technischen Voraussetzungen für ihre Ansiedlung nicht vorhanden waren. Die Leute wollten 200—300 Dunam Land kaufen, und sie konnten, wenn nicht zufällig einmal in einer jüdischen Kolonie ein Stückchen Land zu verkaufen war, aus den Händen der Araber nur große Flächen von mehrern tausend Dunam erwerben. Sie wollten das Land sofort in Besitz nehmen, und sie hätten Kaufverhandlungen einleiten müssen, die Monate oder Jahre in Anspruch nahmen. Sie wollten einen Boden, der sofort bewirtschaftet werden konnte, und man zeigte ihnen Boden, der noch nie von einem europäischen Pfluge berührt worden war und wo sich weder ein Weg, noch ein Brunnen, noch ein Haus, wohl aber häufig dichtes Gestrüpp und große Steine fanden. Sie wollten in Sicherheit leben, und niemand konnte ihnen in Aussicht stellen, daß sie vor Diebstahl oder Überfall seitens der umwohnenden Araber sicher sein würden. Sie wollten eine jüdische Gemeinschaft bilden, und man mutete einer oder einigen Familien zu, allein mitten unter Arabern zu leben. Sie wollten einige der notwendigsten Voraussetzungen für ein jüdisches Gemeinschaftsleben, eine Schule, eine Apotheke, einen Schochet, und es erwies sich, daß diese Einrichtungen für eine kleine Zahl von Familien unerschwingliche Kosten verursachten. Kurz und gut, man bot den Leuten etwas ganz anderes, als was sie haben wollten. Sie wurden etwa so behandelt wie jemand, der ein Paar Schuhe kaufen will und dem man statt dessen eine Rindshaut anbietet mit dem Anheimstellen, sich dieselbe gefälligst zu gerben und sich dann daraus ein Paar Schuhe selbst zu verfertigen. Es ist nicht zu verwundern, daß unter diesen Umständen kein Mensch mit Kapital sich in Palästina außerhalb der jüdischen Kolonien ansiedelte. Der Mann, der ein kleines oder mittleres Kapital besitzt, will nicht als Pionier in die Wildnis ziehen, sondern will sich, selbst wenn er einen viel höhern Preis zahlen muß, in geordneten und sichern Verhältnissen niederlassen. Daraus ergibt sich, daß man nur dann Leute mit Kapital wird ins Land ziehen, und damit eine nichtphilanthropische, sondern privatkapitalistische Kolonisation wird inaugurieren können, wenn es gelingt, die vorerwähnten technischen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen und dem Ansiedler die Möglichkeit zu geben, sich alsbald nach seiner Ankunft in Palästina auf vorbereitetem Boden in sicherer Umgebung ansässig zu machen. Was kann geschehen, um zu diesem Ziele zu kommen? Eigentlich müßte ich, um diese Frage zu beantworten, Wort für Wort das wiederholen, was die Palestine Land Development Company in ihrem 2