Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 41 DIE3§KELT 887 dafür Sorge trägt, daß sie die ökonomische und intellektuelle Macht behält, wenn sie ihrem Charakter unentwegt treu bleibt, so wird die historische Notwendigkeit durchaus zu einer mehr oder weniger ausgedehnten Selbstverwaltung dieser Provinzen führen. Und zwar keineswegs zum Schaden der türkischen Oberherrschaft. Nun gehört auch Palästina zu diesen Provinzen. Diejenigen, die im Lande wohnen und die Majorität der Bevölkerung ausmachen werden, diejenigen, die imstande sein werden, das Land ökonomisch zu beherrschen, — sie werden die Kraft haben, um mit der Zustimmung und sogar mit vollkommener Billigung der türkischen Zentralregierung ein Zentrum ihrer Kultur im Lande zu befestigen, eine eigne sichere Heimstätte dort zu erlangen. Es kommt also nur darauf an, daß wir Juden im Lande ein bedeutender ökonomischer und intellektueller Faktor werden. Nicht, um dann später zum Schaden der türkischen Interessen eine separatistische Politik zu führen, sondern um eine sichere Heimstätte für ein freies, sich selbst verwaltendes, aber reichstreues jüdisches Volk zu erlangen. Auf diesem Wege wird man nun selbstverständlich zur Politik der praktischen Arbeit in und für Palästina kommen: wir müssen jüdische Intelligenz, jüdisches Kapital, jüdisches Menschenmaterial dort hinschaffen, wenn wir einmal unsern Zweck realisieren und die Idee unserer Bewegung dem Siege zuführen wollen. Jetzt — und es ist dies wohl ein großer Gegensatz zu früher — dürfen wir innerhalb des Rahmens unseres Programms ohne jeden Zweifel alle unsere Kräfte der praktischen Arbeit widmen, denn man vergesse das eine nicht: die Juden, welche nach Palästina auswandern, gehen — sogar jetzt schon, aber erst recht, wenn die berüchtigte Einrichtung des roten Zettels nicht nur faktisch, sondern auch rechtlich beseitigt sein wird — in ein Land, das ihnen öffentlich-rechtliche Garantien bietet, — die Garantien der türkischen Konstitution. Zweifellos: sie werden türkische Untertanen, aber sie werden das und wir stellen sie in den Stand, es zu werden, eingedenk der nationalen Bestrebungen, welche wir für unser jüdisches Volk hegen: in Palästina, seinem Lande, seine eigne Wohnstätte zu schaffen. Nicht die Tat an sich soll man nur betrachten, — eine Tat kann verschiedentlich ausgelegt werden, es ist der Gedanke, welcher die Tat charakterisiert und welcher allem, was getan wird, seinen national-jüdischen Wert gibt. Es ist dies nicht der alte Charter, das mag wohl richtig sein. Der Charter war ein Mittel, das Mittel, um in einem Reiche, wie das alttürkische es war, den zionistischen Zweck zu erreichen. Jetzt aber, da die Zustände sich geändert haben, sollte man auch die Mittel ändern. Unser Ziel bleibt umgeändert, unverrückbar bestehen. Und unsere Aussichten sind günstigere geworden, denn während die alten engen Wege naturgemäß nur für einzelne zugänglich waren, können wir auf den neuen Wegen alle zusammen wandeln. Auch die türkischen Juden selbst, und sie in erster Linie, welche jetzt unter der neuen Ordnung ihre nationaljüdischen Bestrebungen fördern können und sogar auch unter den Bestimmungen des neuen Vereinsgesetzes fördern dürfen, so lange sie nur keinen Separatismus treiben. Und letzteres ist ganz und gar unnötig, da wir ja keine Abtrennung wünschen und überhaupt nichts anstreben, was der natürliche Verlauf der Dinge im ganzen türkischen Reiche nicht schon zum Besten dieses Reiches und seiner Einheit ergeben wird. So steht es jetzt mit uns, wie ich glaube. In unserm Programm brauchen wir kein Wort und keinen Buchstaben zu ändern. Unsere Idee bleibt uns heilig. Der jüdisch-nationale Gedanke ist bei uns sicher. Das Land ist und bleibt das historische Land des jüdischen Volkes. Nur die augenblickliche politische Lage gibt uns das Recht und die Pflicht, in diesem Lande unsern, den jüdischen Einfluß qualitativ und quantitativ zu stärken und zu vergrößern, immer präziser, genauer, richtiger unser Kolonisationssystem zu umgrenzen, zu bestimmen und zu entwickeln, nicht als das Endziel unserer Arbeit, sondern als deren Anfang, als Mittel, um mit den besten Resultaten und auf den sichersten Wegen unser Ziel zu erreichen. Dieses Endziel, wie wir es in unserm Programm niedergelegt haben: die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, — es bleibe unverändert. Ich habe begründete Hoffnung, daß auch der IX. Kongreß die Notwendigkeit davon einsehen wird, — vielleicht sogar sans phrase! Zur Frage des Agrarkredits Von Dr. A. Ruppin, Jaffa I. Voraussetzungen für die Errichtung eines Agrarkreditinstituts In den Verhandlungen des bevorstehenden Kongresses wird aller Voraussicht nach die Frage im Vordergrunde des Interesses stehen, inwiefern durch Schaffung eines Instituts für Agrarkredit die landwirtschaftlichen Kolonisationsbestrebungen der Juden in Palästina wirksam gefördert werden können. Die Redaktion der „Welt" hat mich ersucht, mich zu dieser Frage zu äußern. Ich komme diesem Ersuchen hierdurch nach. Es ist selbstverständlich, daß meine Ausführungen nicht den Anspruch erheben, das ganze Problem autoritativ zu beantworten. Ich werde befriedigt sein, wenn sie die Grundlage für eine sachliche Diskussion schaffen, in der hoffentlich von andern fruchtbare Gedanken entwickelt werden. Aus zwei Hoffnungen heraus ist, wenn ich mich nicht täusche, der Plan eines Agrarkreditinstituts geboren: erstens aus der Hoffnung, daß die neue freie Türkei die Gesetze, welche bisher Immobiliengeschäfte sehr schwierig oder unmöglich machten, in kurzer Zeit beseitigen werde, und zweitens aus der Hoffnung, daß für ein Agrarkreditinstitut, welches nach dem Vorbilde europäischer Parzellierungs- und Hypothekenbanken arbeiten und dessen Aktien und Obligationen damit eine sichere Kapitalsanlage bieten würden, mit Leichtigkeit größere Kapitalien aufzutreiben wären. Ich unterlasse es an dieser Stelle, diese Hoffnungen auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Ich will annehmen, daß sie sich erfüllen werden und daß ottomanischen Aktiengesellschaften dasselbe erlaubt sein wird, was in Europa zum Geschäftskreis der Parzellierungs- und Hypothekenbanken gehört: 1. Land zu kaufen und zu verkaufen; 2. über die gekauften Terrains nach freiem Belieben zu verfügen, sie zu ameliorieren, zu parzellieren, zu verpachten, zu bepflanzen und zu bebauen; 1*