Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 41 (6.10.1909)
- Date
- 1909-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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886 DIE l^EELT No. 41 WO SIND WIR? Unser Gesinnungsgenosse, S. Franzie Berenstein, veröffentlicht im „Joodsche Wächter" nachfolgende interessante Ausfuhrungen: Der Neunte Kongreß naht heran. Er kann, und er wird sogar sehr wahrscheinlich, ein wichtiger Kongreß werden. Druckte nicht unser Blatt eine Reihe von Artikeln des Herrn Dr. Pasmanik ab, der eine ganze Umänderung des Baseler Programms vorschlägt? Vernahmen wir nicht auf dem Scheveninger Landtag von jenem vorzüglichen Redner und feurigen Mitkämpfer, Dr. Auerbach, Worte, die den Anschein erwecken, als ob dieser Nationaljude sein deutsches Staatsbürgertum für ein türkisches zu vertauschen bereit wäre, ohne irgendeine Garantie zu verlangen, daß er sich nationaljüdisch ausleben könnte? Dr. Auerbach hatte nicht die Absicht, diesen Eindruck zu erwecken; doch wissen wir, daß er entstanden ist. Und dabei erwähne ich nur Kundgebungen, welche in den zionistischen Kreisen unseres Landes bekannt geworden sind, aber diese stehen nicht vereinzelt da. Eine Abänderung des Baseler Programms wird von vielen erwogen, ja sogar als notwendig betrachtet. Man behauptet, daß künftighin das ganze politische Streben des Zionismus gestrichen werden soll, daß die Organisation sich nur zu verlegen habe auf die Besiedlung Palästinas mit Juden ohne weiteres, daß die türkische Konstitution.die notwendigen Garantien für eine freie jüdische Wohnstätte in Palästina gegeben habe, daß jede Forderung der Autonomie daneben unnötig, unerwünscht und sogar tatsächlich nicht zu verteidigen sei. Der Neunte Kongreß wird demgegenüber Stellung nehmen müssen. Er kann dies auch auf eine negative Weise tun, indem er das Baseler Programm unverändert läßt Lind indem er die gegenwärtig bestehende Auffassung: eine Synthese der praktischen Palästinaarbeit mit politischer Arbeit in Konstantinopel, bestätigt. Zweifelsohne wird auch dann noch hier und dort eine nähere Präzisierung notwendig erscheinen, aber ich erachte doch eine solche Stellungnahme keineswegs für unnötig. Es wird auch dann noch für den Kongreß genug der praktischen Arbeit übrig bleiben. Wird es aber an sich auch richtig sein, wenn der Kongreß sich weigern wird, eine Abänderung des Baseler Programms vorzunehmen? Wenn er also zeigen wird, daß er in den türkischen Vorgängen des letzten Jahres keine Veranlassung findet, die Taktik, das Prinzip und die Idee samt und sonders einer Revision zu unterziehen? Meines Erachtens: Ja! Ich möchte dieses Urteil motivieren, indem ich die Frage, welche über diesem Aufsatz steht, beantworte. Also wo sind wir? In welchem Stadium befindet sich die zionistische Bewegung? Sindwir unserm Zwecke, der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk, vom politischen Gesichtspunkte nähergekommen oder hat sich der Stand unserer Figuren auf dem politischen Schachbrett verschlechtert? Zweifellos hat die türkische Umwälzung und die Wiederherstellung der konstitutionellen Regierung nach der Konterrevolution einen großen Einfluß auf unsere Sache gehabt. Statt eines Selbstherrschers und seiner für allerlei Einflüsse nur allzu zugänglichen Umgebung haben wir es jetzt mit einer, wenn auch nicht ganz stabilen und ebensowenig ganz klaren, aber doch geordneten Lage zu tun. Es ist jetzt eine Konstitution da, welche sich auf den Begriffen von Freiheit und Gleichheit, auf den allgemeinen westeuropäischen staatsrechtlichen Prinzipien aufbaut. Die türkischen Untertanen haben öffentlich-rechtliche Garantien bekommen, — sind diese ja in und durch eine Konstitution gegeben. Das ist also die Lichtseite der türkischen Umwälzung für uns Zionisten. Zweifellos hat sie auch eine Schattenseite. Die Jungtürken, jetzt die allmächtigen Herrscher im türkischen Reiche, erstreben eine Ottomanisierung dieses Reiches. Die nationalen Bestrebungen der andern Nationalitäten in der Türkei sind ihnen offenbar nur sehr wenig sympathisch. Sie wollen das Reich nach innen und außen stärken, indem sie eine starke Konzentration anstreben. Es sind dies alles Momente, die allem Anscheine nach uns am Erreichen unseres Zieles hindern müssen. Doch ist das nur Schein. Man wird gewiß in der europäischen Türkei die Einheit in der Regierung und in der Verwaltung anstreben müssen, und die Türken können nichts anderes tun, als diese Einheit mit aller Kraft fördern und alle separatistischen Bestrebungen unterdrücken. Es braucht dies aber keineswegs zu einer Unterdrückung der nationalen Kultur bei den verschiedenen, in diesem Teile des türkischen Reiches wohnenden Völkern und Rassen zu führen. Es braucht — tatsächlich hat sich herausgestellt, daß auch in dieser Richtung Anstrengungen gemacht worden sind, deren Unrechtmäßigkeit und Unerwünschtheit die Jungtürken, wie man hoffen darf, schließlich selbst auch einsehen werden. Doch muß man zugeben: hierin der europäischen Türkei kann und wird die Zentralisation kommen. Was hier für die europäische Türkei gilt, könnte auch wohl wahr sein für diejenigen Teile der asiatischen Türkei, welche unter dem direkten Einfluß der Konstantinopeler Regierung stehen. Aber es trifft keineswegs zu für die Provinzen, die sich in größerer Entfernung vom türkischen Zentrum befinden und wo die weitaus größte Majorität der Bevölkerung sich durchaus nicht türkisch fühlt, wenn auch diese Majorität ein treuer Teil des ottomanischen Kaiserreichs bleiben will. Es ist gar nicht daran zu denken, daß man dieser Majorität eine gewisse Selbstverwaltung wird vorenthalten können, solange sie ja einem ganz verschiedenen Stamme angehören wird. Zwar nicht jetzt, aber doch in absehbarer Zukunft. Eine solche Selbstverwaltung führt keine einzige Gefahr für die türkische Reichseinheit herbei. In dieser Beziehung liefert ja die politische Weltkarte eine ganze Reihe schlagender Beispiele. Es versteht sich aber, daß es inzwischen wohl kaum in Frage kommt, wie der Schreiber dieser Zeilen oder sogar wie wir Zionisten alle zusammen hierüber denken. Aber ebensowenig kommt es darauf an, — dies sollte man sich ruhig einprägen, — wie irgendein Jungtürke oder sogar wie die heutigen türkischen Machthaber über die Frage der Selbstverwaltung für die verschiedenen Provinzen des türkischen Reichs urteilen. Die Frage wird nicht dadurch entschieden, was irgendjemand oder irgend eine Partei wünscht oder will, es ist die Macht und die Entwicklung der Tatsachen, welche hier entscheiden wird. Wenn in den in Frage stehenden Provinzen die Majorität der Bevölkerung