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Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 40 D!E2^ELT 877 Sammlung hat prinzipiell die Notwendigkeit eines Emigrationskongresses anerkannt und ein Komitee gewählt, das ein Programm ausarbeiten soll, die Aufgaben des Kongresses und die an ihm teilnehmenden Elemente betreffend. Die Ausschreitungen in Kiew Wie dem Hilfsverein der Deutschen Juden mitgeteilt wird, gaben zu den Gerüchten über schwere Pogromausschreitungen in Kiew folgende Vorgänge Anlaß: Am 23. August, 10 Uhr abends, ertönten auf dem Wall der Vorstadt „Slobodka" Hilferufe. Es stellte sich heraus, daß eine Gruppe des Kiewer „Verbandes des russischen Volkes", 15 an der Zahl, mit dem berüchtigten Nicolai Pawlowsky (mit dem Beinamen Woron) an der Spitze, auf dem Wall erschienen waren und mehrere Juden aus der Slobodka zu prügeln anfingen. Unter anderen wurden David Blachmann und Moses Stellbaum durchgeprügelt. Indem die Hooligans sich mit Erbitterung auf das Publikum warfen, riefen sie: „Da habt ihr die Gleichberechtigung". In einer Drogenhandlung wurde drei Personen, die bei der Prügelei zu Schaden gekommen waren, die nötige Hilfe erwiesen. Als, durch die Rufe der Geschlagenen herbeigelockt, die Polizei erschien, beeilten sich die Hooligans zu verschwinden. Einige der Hooligans wurden von den Geprügelten nach einer in der „Kiewekaja Iskre" erschienenen photographischen Aufnahme als Mitglieder der Kiewer Kampforganisation erkannt. Irgendwelchen nennenswerten Umfang haben die Ausschreitungen nicht angenommen, jedoch entstand begreiflicherweise eine große Panik. D D tl SPRECHSAAL 10 Pl □ (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Der Kongreß und seine Arbeit Von B. Blitz, Dessau Die Eröffnung des Kongresses steht vor der Tür. Der bevorstehende Kongreß soll Beschlüsse fassen, er soll die Richtschnur für die künftige Arbeit im Zionismus geben und uns auf dem Wege zu unserm Ziele eine Etappe weiter bringen. Angesichts dieser Tatsachen ist es notwendig, daß sich jeder Delegierte über seine Stellungnahme zu den einzelnen Fragen im voraus klar wird; denn auf dem Kongresse selbst, wo die Arbeiten sich überstürzen, ist eine ruhige Prüfung der einzelnen zur Verhandlung kommenden Gegenstände kaum möglich. Aus diesen Erwägungen heraus möchte auch ich einige Fragen zur Sprache bringen. Die vornehmliche Aufgabe des Kongresses wird wohl sein müssen, den Punkt 1 zum Baseler Programm, welcher die Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern in Aussicht nimmt, zu realisieren. Hierin hat der Zionismus bis jetzt wenig oder garnichts getan. Soll ihm daraus ein Vorwurf gemacht werden? Durchaus nicht! Denn die Arbeiten, die der Zionismus bisher geleistet hat, haben ihn derart in Anspruch genommen, daß man staunen muß, wie er das zuwege gebracht hat. Der Zionismus hat eine neue Bewegung in die Welt gebracht, eine weltumspannende Organisation geschaffen, mit der übergroßen Zahl der Juden einen harten Kampf geführt; er hat seine Position sich schrittweise erkämpfen müssen und dabei noch Institutionen errichtet. Aber gerade darum, weil seine Arbeiten so überwältigend groß sind, läuft er Gefahr, sein Hauptziel, die Besiedebng Palästinas mit jüdischen Ackerbauern in den Hintergrund treten zu lassen. Wer in Palästina die Kolonien besucht und dieselben recht ernstlich studiert, der ist einerseits von Freude erfüllt, zu sehen, wie diese gedeihen und wie sich in denselben ein wirtschaftliches jüdisches Volksleben aufbaut. Er ist aber anderseits betrübt, daß in der Kolonisation ein Stillstand eingetreten ist und die Kolonien sich nicht vermehren. Der weitere Ausbau der Kolonien und die Ansiedelung von jüdischen Ackerbauern in Palästina ist aber so wichtig, daß sich alle Arbeit diesem einzigen Interesse zuwenden muß. Der Boden.- erwerb in jenem Lande ist eine äußerst brennende Frage geworden, nicht allein für diejenigen, die in Palästina einwandern wollen, sondern noch mehr für die jungen heranwachsenden Bauernsöhne, die, mit dem Boden verwachsen, diesen lieben und doch keine Möglichkeit haben, Bodenerwerb für ihre Arbeit zu erreichen. Sie müssen das „Land ihrer Väter" verlassen und nach andern Weltteilen auswandern. Die Vermehrung der bereits bestehenden Kolonien um einige, wenn auch wenige Dörfer, wäre eine rettende Tat. Sie würde unserer ganzen Bewegung neue Schwungkraft verleihen. Dem Fachkenner und selbst dem Laien, wenn er sich ernstlich in Palästina umgesehen hat, ist überdies klar, daß die Schaffung von Existenzen in Palästina vorläufig nur auf agrarischer Grundlage möglich ist. Die Agrikultur in Palästina ist aber so gesund, mannigfaltig und gewinnbringend, daß man vorläufig nicht nötig hat, sich dort nach andern Berufstätigkeiten umzusehen. Es hat sich in Palästina gezeigt, daß auch da, wie in andern Ländern, der Ackerbau die wirkliche Grundlage für den Besitz des Landes ist. Mit der Wiederaufnahme der Kolonisation würde sich das Gefühl der palästinensischen Juden heben, eine Unmenge jüdischer Familien in Osteuropa zur Einwanderung in das Land veranlaßt und die Opferfähigkeit der jüdischen Massen gestärkt werden. Wir müssen daher danach trachten, die Kolonisation in Fluß zu bringen. Es müssen sich Terraingesellschaften bilden, die in Palästina Boden kaufen und verkaufen, parzellieren oder nach Art anderer Gesellschaften den Boden tüchtigen jüdischen Ackerbauern zur Bearbeitung überlassen. Nur so würde man unserm Ziele näher kommen. Man lasse sich aber hierbei von Bedenken über komplizierte Gesetzesverhältnisse nicht allzusehr leiten. Die bestehenden Kolonien sind auf Grund der bestehenden Gesetze entstanden und haben sich freiheitlich entwickelt. „Niemals", sagt Dr. Levi in Jerusalem, „haben die Besitzrechte in den palästinensischen Kolonien zu einem ernstlichen Streit Anlaß gegeben." — Man spreche auch nicht von „Kleinarbeit". Die Kleinarbeit ist groß, wenn es sich zeigt, daß sie Erfolge gezeiligt hat. Einer solchen Kolonisation wird sich auch die türkische Regierung ernstlich nicht widersetzen. Sie kann unmöglich übersehen, welchen Segen die jüdische Landwirtschaft in Palästina dem Lande gebracht hat. Wüste Striche sind durch jüdische Bauern in fruchtbare Ländereien verwandelt worden, von welchen die Regierung großen Nutzen zieht. Von der einzigen Weinkellerei in Rischon le Zion bezieht sie eine Steuer von über 100000 Franken. Zur Kolonisation gehört aber Geld, viel Geld. Und auch hierüber werden sich die Herren auf dem Kongresse klar werden müssen. Denn es ist erstaunlich, wie wenig Klarheit in diesem Punkte bei einer großen Zahl von Zionisten herrscht. Viele meinen, daß man ein ganzes Land durch große Reden und winzige Gaben wirtschaftlich erobern kann. Viele glauben wieder, die Errichtung einer Gewerbeschule oder dergl. genüge, um ein Land in die Hände zu bekommen. Wieder andere setzen ihre Hoffnung auf die Bank, und ich nehme hiermit keinen Anstand zu sagen, daß die Anglo- Palästina Bank — von dem jüdischen Kolonialtrust in London spreche ich nicht, da ich dessen Tätigkeit nicht kenne, man hört doch leider von ihm wenig — wohl eine ausgezeichnete Institution im Lande ist, die kleinere oder größere Summen zu billigen oder weniger billigen Zinsen verleiht, aber für unser Hauptziel, für die Neusiedlung Palästinas mit Juden nur wenig in Betracht kommt. Die Herren Zionisten stehen doch im öffentlichen Leben und müßten doch wissen, daß jedes einigermaßen nur nennenswerte Unternehmen in Europa Millionen von Aktienkapital hinter sich hat; daß eine Gesellschaft zum Ankauf von kleinen Terrains hierzulande auch große Summen erfordert; daß die preußische Regierung zum Ankauf von polnischen Gütern in Posen 400 Millionen flüssig gemacht hat. Wollen also die Zionisten ihr Ideal verwirklichen, ist es ihnen ernstlich darum zu tun, daß jüdische Volk zu retten, so werden sich die Wohlhabenden unter uns entschließen müssen, größere Summen in Bodenkauf in Palästina anzulegen. Und ich mache hiermit in aller Form den Vorschlag, daß jeder Zionist, der über 20000 Mark Vermögen besitzt, verpflichtet wäre, drei Prozent von seinem Vermögen für Bodenkauf in Palästina flüssig zu machen. Es ist ein Opfer, aber es ist der großen Sache wert, denn nur auf diese.Weise kann unsere Arbeit von Erfolg gekrönt sein. Im übrigen werden die Beteiligten ihr Geld nicht zu opfern brauchen, denn die Anlage von Kapitalien in Bodenkauf in Palästina auf geschäftlicher Grundlage verspricht 4 ■ n*fi V' 1 j, x \ . ■ j ' i. }( jl -Ui

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