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Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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876 DIE S§EE LT No. 40 Konstantinopel. Herr Wolffsohn hat es gewiß nicht vermuten können, daß seine Worte gerade in Ungarn ein solches Echo finden würden, hatte er doch nur das wiederholt, was seit Jahren als selbstverständlich gelten mußte und was von jedem Zionisten bereits früher unzähligemal betont worden war. Nichtsdestoweniger glaubt Szabolcsi dem Allmächtigen danken zu müssen, daß er den Geist des Zionistenführers beleuchtet hat, und mutet hierbei der zionistischen Parteileitung zu, daß diese es nun offiziell zugegeben habe, daß die Konstruktion einer jüdischen Nationalität eine Verirrung war, die nunmehr der Vergangenheit angehöre. Der Zionismus sei nun in die einzig richtige Fahrbahn der Wohltätigkeit gelenkt worden, und es sei zu hoffen, daß demnächst auch Palästina aus dem zionistischen Programme verschwinden würde. Nachdem solcherart der Tod des Zionismus konstatiert wurde, bringt „Egyenlöseg" in der Neujahrfestnummer an leitender Stelle einen schwunghaften Nekrolog aus der Feder des bekannten Publizisten Mezei Ernö. Wie traurig, daß solche Lobreden nur an der Bahre gehalten werden! Wie aber, wenn der Totgemeinte doch leben sollte? Werden unsere Freunde aus dem „Egyenlöseg" uns ihr Lob und ihre Gewogenheit auch dann schenken? — Wir wollens hoffen. . . . Auch Mezei konstatiert vorerst den Tod des Zionismus. Nachdem Wolffsohn erklärt hat daß der Zionismus darnach strebt aus den palästinensischen Juden vollberechtigte türkische Untertanen zu schaffen, sei das zionistische Programm zu einer inhaltslosen Formel geworden, und der Liquidierungsprozeß des Zionismus, der mit der Ausscheidung der J. T. 0. begann, sei hiermit völlig beendet. Die große Verirrung der zionistischen Propaganda habe darin bestanden, daß sie die Juden, die inmitten der Kulturvölker wohnten, zu einer speziellen jüdischen Nationalität zusammenfassen wollte. Dies war der Todeskeim des Zionismus. Doch muß zugegeben werden, daß hierin die Züge eines koriolanischen Aufbäumens und Trotzes enthalten waren. Es war dies eine laute Anklage, ein entschlossener Protest Denn die Zionisten suchten in Zion nicht eine Zuflucht, sondern eine Wehre ihres a bürgerlichen Selbstbewußtseins. Nachdem Wolffsohn die Liquij dierung des Zionismus angezeigt hat, darf es ruhig ausgesprochen werden, daß selbst der radikale Zionismus seinem innern Wesen « und seinem Geiste nach nicht gegen den Patriotismus gerichtet war. Die Zukunft wird es würdigen, daß selbst der radikalste Zionismus r, nur ein Ausdruck des im Stolze der Emanzipation herange- I) wachsenen neuen jüdischen Geistes war. Und den englischen, l französischen, italienischen, und deutschen Juden, die sich unter die Zionsfahne scharten, wird niemand die Anerkennung versagen können, daß die Glut ihres Ideals durch zwei edle und männliche Gefühle angefacht wurde: die ehrenfeste Solidarität gegenüber den Verfolgungen seitens schändlicher Regierungen und wilder Völker, anderseits das wahre bürgerliche Selbstbewußtsein....... Streiflichter Ungarn steht jetzt ganz im Zeichen des Klerikalismus, hierfür ein Symptom, daß die Jesuiten, die seit Josef II. des Landes verwiesen waren und nur als geduldete Fremdlinge im Lande verweilen durften, nunmehr in Ungarn unter der Ägide der Behörden ihre Provinzialorganisation geschaffen haben. — Die katholischen Bischöfe, die ihre antisemitische Hetzarbeit im Stillen zu verrichten pflegten, halten bereits jede Reserve für überflüssig und eifern vor aller Öffentlichkeit in Hirtenbriefen und von der Kanzel herab gegen die allmächtigen Juden, vorerst ist es insbesondere auf die „jüdische" Presse abgesehen. Mit dem Klerikalismus geht natürlich ein scharfer Antisemitismus Hand in Hand. Die Grenzpolizei erachtet es als ihre alleinige Aufgabe, die Juden der nördlichen Grenzkomitate zu verfolgen; die Ausweisung ausländischer und insbesondere galizischer Juden steht auf der Tagesordnung, unter den Ausgewiesenen befinden sich viele, die seit Jahren in Ungarn wohnen und sich hier ihre Existenz begründet haben. — Die Komitatsbehörden erdenken fortwährend neue Mittel aus, um den Juden das Leben recht sauer, ja unmöglich zu machen. So hat z. B. der Chef des Boreger Komitates, wo bekanntlich die Anzahl der Juden eine besonders hohe ist, eine Verordnung erlassen, wonach den Schankwirten (lauter Juden) verboten wird, ihr Gewerbe an Sonn-, Feier- und Markttagen auszuüben, was gleichbedeutend ist mit dem Ruin vieler hundert Familien! Die jüdischen Interessen in Schutz zu nehmen, daran denkt niemand. Die orthodoxe Landeskanzlei ist jetzt mit Ketzerriecherei beschäftigt, es wird jetzt unter den Rabbinern nach Zionisten gefahndet, und wehe dem, der sich vom Verdachte nicht rein waschen kann. Die Neologie scheint bereits jede Hoffnung aufgegeben zu haben, es greift hier eine erschreckende Massentaufe um sich; es wird behauptet daß speziell in Budapest in den sogenannten vornehmsten Kreisen die ganze Jugend dem Taufbecken zuströmt, allenfalls lassen sich diese Gerüchte auf ihre Glaubwürdigkeit nicht prüfen, da das Rabbinat die Veröffentlichung der Tauflisten verweigert. Der Kultusgemeinde in Budapest scheint übrigens selbst in bezug reiner Kultusangelegenheiten jedes Verständnis abgekommen zu sein, sonst ließe es sich nicht erklären, daß anläßlich der hohen Feiertage für die zweifelhaftesten Spelunken und verrufensten Kneiphäuser seitens der Kultusgemeinde (sowohl der orthodoxen als auch der neologen) Lizenzen für Bethauserrichtung gegeben werden. Die marktschreierische Reklame, die diese „Bethausunternehmer" in Szene setzen, spottet jeder Beschreibung und hat in ganz Europa nirgends ihresgleichen. Mit solchen Mitteln wird der Judenheit der jüdische „Kultus*4 gewiß nicht erhalten werden! Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Prozentnormfrage Endlich wurde die Frage der Aufnahme der Juden in die Mittel- und Hochschulen für das laufende Jahr gelöst. Minister Schwarz gab unter der Macht der öffentlichen Meinung nach und öffnete einer geringen Schar der jüdischen Jugend die Pforten der Universitäten. Am 4. September wurden durch den Ministerrat folgende Vorschriften über die Aufnahme der Juden in die mittleren Lehranstalten herausgegeben: 1. Die prozentuale Norm für die Juden in den Mittelschulen, die durch den Reichsschatz subventioniert sind, erstreckt sich in der Hauptstadt auf 5 % der allgemeinen Zahl der Schüler, außerhalb des Ansiedlungsrayons auf 10 °/o und in den innerhalb des Ansiedlungsrayons befindlichen Schulen auf 15 °o. 2. Die auf Grund des Artikels I bestimmten Lehranstalten, an denen keine Juden aufgenommen werden, wie z. B. das Nikolajewer Waiseninstitut in Gatschino, das von Alexander IL gestiftete Institut für den Adel, bleiben für die Juden unzugänglich. 3. Man soll in den auf Kosten der sozialen Institutionen, Vereine und Privatpersonen unterhaltenen Lehranstalten die auf Grund des Artikels I bestimmten Prozentnormen anwenden. 4. In den Mittelschulen, die keine Rechte besitzen und folglich die Aufnahme in die Hochschulen ausschließen, ist die Judennorm aufgehoben. 5. In den mittleren Kunstgewerbeschulen, technischen und Handwerkschulen, die dem Handels- und Gewerbeministerium unterstehen, wie auch in den technischen Schulen, die unter der Verwaltung des Aufklärungsministeriums verbleiben, werden die Juden ohne alle Beschränkungen aufgenommen. 6. Die Aufnahme der Juden in die Landmesserschulen und die mittleren Ackerbau- und Landwirtschaftsschulen unterliegt den auf Grund des Artikels I bestimmten Prozentnormen. Der Vorschlag von Purischkewitsch Auf der letzten Sitzung des Professorenrats des Ackermanschen Gymnasiums hat Purischkewitsch, als dessen Ehrenaufseher, den Vorschlag gemacht, daß man keine Juden mehr aufnehmen solle, da es dort viele Juden gebe, die über die Norm hinaus aufgenommen wurden. Der Vorschlag wurde angenommen. Getaufte Juden und die Prozentnorm In der letzten Zeit hat sich die Zahl der getauften Juden kolossal vergrößert. Als dessen Ursache kann die Prozentnorm und die letzten Zirkulare des Ministers Schwarz gelten. An den Moskauer und Petersburger Universitäten sind mehr als 25 Gesuche von getauften Juden eingelaufen. In den letzten Tagen hat sich in Petersburg ein Gerücht verbreitet, wonach im Aufklärungsministerium ein Zirkular ausgearbeitet wird, laut welchem nur diejenigen Juden in den Universitäten über die Norm hinaus aufgenommen werden, die sich vor dem 20. August 1909 getauft haben. Diejenigen aber, die sich später getauft haben, werden in diesem Jahre nicht aufgenommen werden. Aus der Emigrationsbewegung Aus Minsk wird in diesen Tagen eine Gruppe jüdischer Emigranten, die aus 23 Personen besteht, dank der Hilfe des dortigen Emigrab'onskomitees nach Amerika abgeschickt. Über den Emigrationskongreß In diesen Tagen fand in Kowno eine Versammlung der Vorsteher der dortigen Emigrationsgesellschaft unter Teilnahme von Personen statt, die sich für diese Frage interessieren. Die Ver-

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