Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 40 (28.9.1909)
- Date
- 1909-09-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 40 DIE3§KELT 875 gierter des Turnvereins „Makkabi", eröffnete die Versammlung und hielt das Referat. Der Turnverein wurde alsdann unter einem provisorischen Bureau begründet, zu dessen Präsidenten Herr Blum gewählt wurde. Eine Ehrung für Nahum Sokolow Herr Nahum Sokolow wohnte am ersten Roschhaschonohtage dem Gottesdienste in der großen sephardischen Synagoge zu Galata bei. Dem Gaste wurden viele synagogale Ehrungen zuteil. Während des Mussaphgebetes trug ein Vorstandsmitglied der Synagoge ein Gebetstück dem zionistischen Schriftsteller zu Ehren in der Melodie unseres „Od lo ab da" vor. Brief aus Paris •;: (Von unserm Berichterstatter) Das Pariser Judentum besteht aus zwei durch Sitte, Herkunft, Sprache und — Vermögen voneinander verschiedenen Gruppen, nämlich: aus den bis zur Unkenntlichkeit assimilierten Glaubens- und Unglaubensgenossen und aus der etwas trägen, in jüdischen Dingen recht zaghaften Masse französelnder oder französisch-werdenwollender osteuropäischer Juden. Mit den erstem, den eingeborenen französischen Juden, haben wir uns, soweit es sich um positive Leistungen für unsere Bewegung handelt, gar nicht zu beschäftigen. Anders, wenn wir die Anstrengungen, die Mühen und Kosten aufzählen, wollten, die von der Pariser Judenheit aufgewendet werden, um die Renaissance unseres Volkes und unseres Geisteslebens aufzuhalten. Wir hegen nicht die Absicht, auf diese „Großtaten" jetzt des, nähern einzugehen. Wir wollen nur das Fiasko der neuesten Reform erwähnen, die sich die Ultraliberalen, die „hohlköpfigen" Juden, in der nach dem Berliner Muster zugerichteten Sonntagsgemeinde leisteten. Am Rosch-Haschonoh stationierten zwar einige schicke Automobils vor ihrer Synagoge, aber die Forderung „Hut ab!" war vollständig überflüssig,, denn keine „männliche Seele" ließ sich blicken. Der Rabbiner, ein paar Chorjungen und einige neugierige Fremde: das war das Minjan, das in diesem Falle nicht identisch mit der Zahl zehn ist. Die Frauen und Backfische, die den Saal füllten, hatten wie zum Hohne die allerletzten Schlager der französischen Modistinnen aufgesetzt: Undinge von 1,50 m Durchmesser, die schon für die zweite Reihe die Aussicht auf Seine gescheitelte Ehrwürden vollständig verstellten. Eine neue Reform nach ,dem Prinzip der Menschengleichheit und Gerechtigkeit, dem Leitgedanken der Rosch-Haschonoh-Predigt, ist meiner Ansicht nach unabweislich. Die zweite Gruppe, unsere osteuropäischen Brüder, bilden zwei Drittel .der hiesigen jüdischen Gemeinde. Ihre Zahl läßt sich nicht genau feststellen, da eine Statistik „nach Konfession" bislang nicht vorhanden ist. Jedoch hört man oft von Leuten, die es wissen müssen,' daß die französische Metropole mehr als ein halbes Hunderttausend ausländisch-jüdischer Familien in ihren Mauern birgt. Der überwiegend größte Teil dieser Volksmassen ist religiös indifferent und sehr assimilationssüchtig. Der nationale Gedanke hat bis jetzt nur sehr schwache Wurzel bei ihnen geschlagen. Der Ansturm der überreifen französischen Kultur auf diese minder kultivierten Gemüter war eben zu gewaltsam und von zersetzender Wirkung. Es hat sich auch hier das historische Gesetz bewahrheitet, daß beim Zusammentreffen zweier ungleichartiger oder verschiedener Kulturen stets ein Minus entsteht. Unsere osteuropäischen Stammesgenossen nahmen zuerst die Laster der Franzosen an: die leichtlebige, genußsüchtige Art, das Sichhinwegsetzen über jede Tradition, die sozialistischen Phrasen, die. Extravaganzen, häufig auch eine andere vielgeschmähte „Tugendw; die hier nicht näher charakterisiert zu werden braucht. Es entstand somit ein degenerierter Golustypus mit einem Doppel-Ich, der bald den alten Ghettojuden, bald den modernisierten Franzosen hervorkehrt, stets im Widerspruch mit sich selber ist, ohne klares Streben, ohne sicheres Ideal, nur das eine wollend: gut leben und sich amüsieren. Wir wollen bei dieser traurigen Ooluserscheinung nicht länger verweilen. Sie ist eine natürliche Folge der gegenwärtigen anormalen Existenz unseres Volkes. Von zionistischer Seite ist so gut wie gar nichts geschehen, um den fremd umhertaumelnden jüdischen Einwanderer unserer nationalen Sache zuzuführen. Mit Vereinen, Versammlungen und den sogenannten jüdischen Volkshochschulen, an denen die über ganz Paris und die Vororte zerstreute jüdische Volksmasse — schon .aus Gründen der Entfernung — keinen Anteil nimmt, ist dem Übel nicht abzuhelfen. Um die einzelnen zu gewinnen, — und jeder Jude ist hier einzeln, losgetrennt vom Gros des Judentums, — bedarf es vor allem einer nationaljüdischen Presse. Nursie allein könnte den armen lesehungrigen jüdischen Arbeiter — und die überwiegende Mehrzahlderlmmigrierten bildet die Arbeiterschaft—über dieGefahren, die ihm von seiten der Assimilation drohen, aufklären; nur sie allein könnte Licht über unsere Bestrebungen verbreiten und uns die jüdischen Herzen erobern. Eine Agitation, die gleichsam privatim in jedes jüdische Haus eindringt, eine individuelle Propaganda würde hier von Erfolg gekrönt sein, während Massenversammlungen — und selbst wenn Nordau oder Marmorek als Redner fungierten — sich unwirksam gezeigt haben. Eine nationaljüdische Presse (die Föderation beginnt jetzt mit der Schaffung eines monatlichen Bulletins) würde auch die Verheerungen verhüten, die die Londoner bundistisch-sozialistischen Jargonzeitungen in der jüdischen Volksseele anrichten — und die in Ermangelung eines hiesigen Organs von Seiten der jüdischen Arbeitermassen sich eifrigen Zuspruchs erfreuten. So viel über das, was für unsere Bewegung geschaffen werden sollte. Was wirklich für sie geschaffen wurde, ist sehr wenig, und die Früchte, die die nationale Idee in Paris gezeitigt, sind trotz der persönlichen Opfer einzelner geringfügig. Die Schekel- und Nationalfondssammlung ist im Verhältnis zur ganzen Zahl der jüdischen Einwohner minimal. Die Vereine führen ein Schattendasein. Die bestorganisierte und zahlreichste Vereinigung ist die des „Misrachi". Die „allgemeinen" Zionisten werden es nach beiläufiger Schätzung auf zwei Delegierte bringen, die Misrachisten und Poale-Zionisten auf je einen. Noch ist es Zeit, die Kräfte anzuspannen und die Schekelsammlungen zu vermehren, damit die französische Judenheit im jüdischen Parlamente würdig vertreten ist. fy NACHRICHTEN~^?] Österreich (Von unserm Berichterstatter) Die bosnische Landesverfassung Der bosnische Verfassungsentwurf hat die Zustimmung der österreichischen und der ungarischen Regierung sowie des gemeinsamen Ministerrats erhalten. Am 8. Oktober wird die beschlossene Verfassung dem Kaiser zur Sanktion unterbreitet werden. Die Wahlordnung des Landtages sieht eine sogenannte Interessenvertretung vor, d. h. Wahlkurien des Großgrundbesitzes, der Landgemeinden und der Städte. Innerhalb der Kurien bestehen konfessionelle Wahlkörper, die teilweise auch der nationalen Schichtung der Bevölkerung entsprechen, da die griechisch-orthodoxen Serben die Katholiken- Kroaten sind. Die Bemühungen, den bosnischen Juden, die keiner der drei konfessionellen Wahlkurien zugezählt werden können, einen Landtagsvertreter zu sichern, blieben nicht erfolglos. Den Juden Bosniens und der Herzegowina wurde ein Mandat zuerkannt. Außerdem besitzt der Oberrabbiner von Sarajewo eine Virilstimme. Bekanntlich beabsichtigte Baron Burian, der gemeinsame Finänzminister, oder seine Vertreter in der Landesregierung eine jüdische Wahlkurie auszuschalten. Wie wir bereits mehreremal dargelegt haben, würde dies eine Entrechtung der bosnischen Juden bedeuten, die des aktiven und passiven Wahlrechts zum Landesparlament beraubt wären. Da alle Nationen Bosniens das gute Recht ihrer jüdischen Mitbürger rückhaltslos anerkannten, war der Widerstand der Regierung um so aufreizender. Den gemeinsamen Bemühungen des Jüdischen Klubs des österreichischen Reichsrates, des österreichischen Gemeindebundes und der jüdischen Abgeordneten des ungarischen Reichstages, vor allem aber der.energischen Aktion der bosnischen Juden selbst, ist es gelungen, die Schmach der Degradierung von 12 000 Juden zu wahlrechtlosen Bürgern abzuwehren. ri;.; Wenn der Kampf um das Wahlrecht der .Judenheit Bosniens und der Herzegowina den zwei Millionen Juden, Österreich-Ungarns die Erkenntnis beibringen sollte, daß sie keine politisch widerstandslose und wehrlose quantite negligable sind, — wenn sie ernstlich wollen, — dann könnte man die Juden der gesamten Monarchie zu diesem Erfolge ebenso beglückwünschen, wie die jüdische Bevölkerung Bosniens, der eine Demütigung erspart geblieben ist. Ungarn (Von unserm Berichterstatter) Mezei Erno — und der Zionismus Budapest, den 19. September. Der Zionismus ist gestorben! Seit Wochen wird dies in den Leitartikeln des „Egyenlöseg" hinausposaunt. Anlaß zu dieser Trauerkunde gab das bekannte Interview unseres Präsidenten in