Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316391--52364-3346061
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

874 DIE3aEELT No. 40 5 reichern. Den Landlosen unter ihnen wird Gelegenheit zur Arbeit und zu, Verdienst bei den Kolonisten1 und so die Hoffnung auf spätere Möglichkeit eigenen Bodenerwerbs geboten. Der Boden selbst wird wissenschaftlich untersucht und behandelt und kann um das Hundertfache in seiner Ertragsfähigkeit gesteigert werden. Ein solches segenbringendes Immigrationselement wären beispielsweise die Juden, und nur die Juden. Von diesem Standpunkte geht, wenn auch unbewußt, der „Osmanische Lloyd" jedenfalls aus, wenn er in einem Leitartikel, der sich mit den Anregungen des „Sabah",,beschäftigt, zu dem Schlüsse kommt, daß die jüdische Einwanderung eine positive große Wohltat für den türkischen Staat sein würde, und daß die Regierung diesen Ansiedlungstendenzen in liberaler Weise entgegenkommen würde. „Sie würde", so schließt er, „keine bessern, nützlichem und auf die Dauer auch steuerkräftigern Untertanen finden können als die Israeliten." Es besteht kein Zweifel, daß das große Einwanderungsproblem, nachdem es nun einmal aufgeworfen wurde, in der ottomanischen Presse noch vielfachen Nachhall und jene Klärung finden wird, die in unserm Sinne liegt; nicht weiL wir so möchten, sondern weil alle Logik zu ihr drängt. Die Nationalitäten Noch ist die armenische Krise nicht beigelegt, noch die griechische nicht abgeflaut, als schon eine dritte, bulgarische, am innerpolitischen Horizonte erscheint. Die Bulgaren, vielleicht das stärkste Element des turbulenten Mazedoniens, hatten seit Einführung der Verfassung als diedurchaus Konstitutions.frornmen gegolten. Sie hatten zuerst die Bandenpolitik eingestellt und auch im Parlament den Jungtürken fast immer getreulich die Stange gehalten. Plötzlich ist ein schreiender Mißton in diese Harmonie gekommen: der Kongreß der sog. „konstitutionellen Bulgaren". Er war in seinen Resolutionen kaum etwas anderes als eine Kriegserklärung an das Komitee und die jungtürkische Regierung. Nicht nur, daß das von der Kammer in Angriff genommene Kirchen- und Schulengesetz, obwohl es ihnen auf Kosten der Griechen sehr viel gibt, ihnen völlig ungenügend erscheint, treten sie auch mit den gleichen Forderungen wie die Griechen mit Bezug auf ihren Heeresdienst auf. Sie wollen eigene Kompagnien und Regionaldienst, d. h. Ableistung der Militärpflicht nur in den von ihnen bewohnten Wilajets. Daß diese Forderungen den Vertretern der „Einheit" unangenehm separatistisch in die Ohren klingen müssen, liegt klar zutage. Die Türken können nicht gut ein bulgarischnationales Waffenkontingent an der Grenze des bulgarischen Zarenreiches dulden, so wenig als ein griechisch-nationales an der Grenze von Thessalien. Eine Spannung auch mit dieser Nation also ist die Folge. Kann sein, daß sie sogar noch eine Verschärferung erfahren wird durch die neu auftauchende Frage der Verlegung des Exarchats nach Sofia. Jedenfalls ist die Situation alles andere als erfreulich. In Albanien, wenigstens im nördlichen Teil, gibt es regulären Krieg. Die Stämme derLuma, die niemals eine Autorität außer ihren Dorfgroßen kannten, widersetzen sich hartnäckig der Unterwerfung. Dagegen hat der Kongreß der Südalbaner in Elbassan diesen Teil des interessanten Volkes auf der vollkommenen Höhe der Zeit gezeigt Seine Resolutionen haben den zielbewußtesten und vernünftigsten Inhalt aller bisher auf türkischem Gebiet abgehaltenen Nationalkongresse. Sie bewegen sich ausschließlich auf kultureller Domäne und werden, wenn durchgeführt, Albanien zu einer so starken Kultureinheit machen, daß die nationale Individualität des begabten Volkes für alle Zukunft garantiert sein wird. Von diesen Albanesen sollten die ottomanischen Juden lernen. Und wenn der geplante Kongreß der türkischen Juden denn in der Tat zustande kommen sollte, so könnten wir ihm keine passendere Tagesordnung und keine glücklichern Resultate wünschen. Wie verlautet, sollen die Albariesen gewillt sein, für ihre Schulen, die das ganze Land in dichtem Netz überziehen sollen, die der Alliance Israelite zum Muster zu nehmen. Wie wäre es, wenn ihrerseits die Alliance von den Albanesen lernen wollte, daß ein jüdisches Schulwerk vor allem andern die nationale Sprache, die hebräische, erheben muß, wie die Söhne der Berge das in opfervollem Patriotismus für ihr Albanesisch tun? Ein neues Privileg Der „Aurore" zufolge wird dem Großrabbinat demnächst vom Ministerium des öffentlichen Unterrichts die offizielle Mitteilung zugehen, daß fortab alle Abiturienten jüdischer Schulen der Türkei, sobald ihr Zeugnis vorn Chachambaschi bestätigt ist, ohne Prüfung zu den jeweilig höhern türkischen Staatsschulen zugelassen werden söllen. - Es werden demnach die Absolventen der jüdischen Primarschulen in die türkischen „Rüschdtes", die der höhern Anstalten in die „Idadies" und die der jüdischen Institute von Gymnasialrang ohne weiteres in die Universitäten Zugang haben. Wenn diese Bewilligung ein neues wichtiges Privileg für das Großrabbinat bedeutet, das damit die wirkungsvollste Aufsicht über alle jüdischen Sc^ :ien des Reiches erhält, so ist sie zu gleicher Zeit ein eminent wichtiger Schritt zur Hebung dieser Anstalten selber. Mehr noch: solange keine neuen, einschneidenden Programmvorschriften von der Regierung ergehen, die auch die Privatschulen treffen würden, bildet dies Privileg in sich die Gewähr der absoluten Unterrichtsfreiheit und damit des nationalen Charakters der jüdischen Schulen, — vorausgesetzt, daß ein solcher vorhanden ist. Darum können wir nur von Herzen wünschen, daß die Nachricht sich in vollem Umfange bestätigen möge. Unser Hebräisches Gymnasium in Jaffa und alle unsere Schulanstalten Palästinas überhaupt würden außerordentlichen Gewinn und innere Kräftigung erhalten. Daß der Großrabbiner nicht anstehen wird, diesen Schulen, deren pädagogische Höhe ja außer Frage steht, in jedem Falle die nötige Bestätigung der Zeugnisse zu verleihen, ist ja doch . wohl nicht zu bezweifeln. Eine landwirtschaftliche Lehranstalt in Wilhelma Dem „Osmanischen Lloyd" wird von seinem Berichterstatter aus Jerusalem gemeldet, daß in der deutschen Kolonie „Wilhelma" bei Jaffa am 1. November eine landwirtschaftliche Lehranstalt eröffnet werden wird. Die Leitung des Instituts wird der ruhmlich bekannte bisherige Direktor der Anstalt in Popelan in Oberschlesien, Friedrich Keller, übernehmen. „In Palästina", sagt der Lloyd-, „ist Friedrich Keller kein Unbekannter." So wird allenthalben gehofft, daß die neue Landwirtschaftsschule zu Wilhelma nicht nur dem Betriebe der deutschen landwirtschaftlichen Kolonien, sondern weitern Kreisen aus dem Lande überhaupt zugute kommen werde. Antisemitismus in Haifa Der Großrabbiner hat beim Ministerium des Jnnern Vorstellungen erhoben gegen die antijüdischen Publikationen des arabischen Blattes „Carmel" in Haifa. Der Ton dieser Zeitung ist so hinterhältig, daß er Feindseligkeiten zwischen Arabern und Juden hervorrufen könnte. „Cannel" verlangt nichts weniger als das Verbot der Ansiedlung von Juden nicht nur in Palästina, sondern in der ganzen Türkei überhaupt. Im Grunde sind die Gefahren, die er seinen Lesern an die Wand malt, im höchsten Grade kindlich; aber man muß an die geistige Verfassung der Gemüter denken, an die er sich wendet und .die sich aus der ländlichen Bevölkerung rekrutieren. Einmal bereits war das Erscheinen des Blattes wegen ^gleicher Handlungen verboten worden. Der Minister des Innern- -wird es zweifellos an der nötigen Energie nicht fehlen lassen. Ottomanische Juden in der Schweiz Die in der Schweiz lebenden türkischen Juden hatten sich an den Großrabbiner gewandt mit der Mitteilung, daß ihnen das Hausiergewerbe verboten worden sei. Haim Nahum Effendi leitete sofort die nötigen Schritte beim Minister des Auswärtigen ein und hatte die Genugtuung, daß dieser sofort bei der Schweizer Regierung intervenierte. Der Erfolg war die Aufhebung der freiheitswidrigen Bestimmung. 1 Ernennung von Juden Der junge und begabte frühere Sekretär des Finariebeirats Laurent, Nessim Effendi Russo, ist zum Kabinettschef des Finanzministers ernannt worden. Vitalis Effendi Strumsa aus Salonik wurde zum Mitglied der neuen Finanzkommission im Finanzministerium ernannt. Ein jüdischer Botschafter ,r~per neue Botschafter der Vereinigten Staaten, Herr Oscar Strauß, ist rdieser Tage in Konstantinopel eingetroffen und hat seinen Posten angetreten. Neuer jüdischer Turnverein in Konstantinö^jel Am 4. September fand im Lokale des „Cercle international" (d. i. der Name eines jüdischen Klubs) in Ha'idar Pascha, dem asiatischen Vororte Konstantinopels, eine Versammlung zwecks Gründung eines jüdischen Turnvereins statt. Herr M. Blum, Dele-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.