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Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Individuum, Landesbürger oder Landesfremder, darf Geschäftsod^r Vergnügungsreisen im Innern des ottomanischen Reiches unternehmen. Allein diese Regel weist eine Ausnahme auf, die wahrhaftig der ottomanischen Bureaukratie keine Ehre macht. Diese Ausnahme schlägt dem Prinzipder Gleichheit ins Gesicht, die gleichwohl auf unserer nationalen Devise figuriert. Sind Sie Mohammedaner oder Christ, so haben Sie ungeachtet Ihres Glaubens das Recht, sich nach Syrien und Palästina zu begeben, sich dort aufzuhalten, sogar sich in diesen Gegenden dauernd niederzulassen. Sind Sie aber nicht Christ oder Mohammedaner und außerdem kein Landeskind, alsdann ist Ihr elementares Recht auf Bewegungsfreiheit hinfällig geworden. Will ein ausländischer Jude sich nach Syrien oder Palästina begeben, so händigt man ihm jeder Gerechtigkeit und Billigkeit zuwider einen „roten" Zettel ein, der ihn befähigt, sich in das Land zu verfügen, aber sich nur — drei Monate dort aufzuhalten. Anscheinend waren es einige Bureaukraten der Hamidischen Wirtschaft, einige Beamten, bei denen die Angeberei System war, die gewissen Unterdrückervölkern haben nachahmen wollen, indem sie diesen Brauch in unsern Verwaltungskomplex einführten. Im übrigen erfolgt die Anwendung dieses roten Passes, der uns wahrhaft erröten macht, ohne Vollmacht irgendeines Gesetzes oder Reglements. Diese willkürliche Zwangsmaßregel legt dem Aufschwünge jener Gegenden Fesseln an. Man weiß ja, die unterdrückten Juden Rußlands und Rumäniens ziehen es vor, sich in der Türkei niederzulassen, ehe sie in entlegene Länder wandern. Und das ist leicht erklärlich. Erstlich liegt die Türkei ihrem Ursprungsland näher als beispielsweise Argentinien-, dann aber enthält unser Reich die heiligen Stätten, die die Juden verehren wie Mohammedaner und Christen, die die Wiege ihres Volktums darstellen. Könnten also diese unterdrückten russischen und rumänischen Juden sich frei in Syrien und Palästina ansiedeln — natürlich unter Aufgabe ihrer ursprünglichen Staatszugehörigkeit —, so würde die fruchtbare Verwertung weiter Territorien sicherlich nicht auf sich warten lassen. Wir wünschten zu erfahren, warum diese Maßregel aus Hamidisehen Zeiten mit der Einführung der Verfassung, mit der radikalen Änderung unserer Politik gegenüber den Nationalitäten nicht der Abschaffung verfiel. Wir vermuten, daß der Minister des Innern, der die Anwendung seines Reformprogramms noch nicht zum Abschluß bringen konnte, nur letzthin erst mit dieser Angelegenheit befaßt worden ist. Die ottomanische Regierung ist nicht antisemitisch, ja, weist diese Lehre weit von sich, die aus mehr oder weniger verschleiertem Fanatismus stammt; sie kann also auf keine Art und Weise immer dieses System der roten Zettel fortdauern lassen, das keinen andern Nutzen bringt, als einen loyalen Teil des ottomanischen Volkes zu beleidigen. Die hervorragenden Juden unseres Landes, wie Senator Behor Effendi, der Deputierte Nessim Mazliah, wie der junge und ausgezeichnete Chef des Kabinetts des Finanzministers, N. Effendi Russo, alle rühmlich bekannt für ihren Loyalismus und ihre Ergebenheit für das Ottomanentum, sollten ihren Einfluß bei den Regierenden gebrauchen, damit ein für allemal mit diesem Rotenpaßsystem aufgeräumt wird, das, wir wiederholen, zu nichts anderm dient, als uns erröten zu machen." Man darf darauf gespannt sein, wie dieser mannhafte Ruf in der türkischen Presse und an den leitenden Staatsstellen aufgenommen werden wird. Es war Zeit, daß er erfolgte. Die Angelegenheit will nicht recht vorwärts rücken. Warum, liegt nicht klar zutage. Nach dem ersten Haupthindernis, dem frühern Minister Ferid Pascha, ist ja auch das zweite, Exarbeitsminister Noradunghian, gefallen, der, gleich Ferid in den Traditionen des alten Regimes groß geworden, gleich ihm die alte Unterdrückungsmaßregel verteidigte. Liegt wirklich nur, wie behauptet wird, Zeitmangel beim Conseil der Minister vor, die Beschäftigung mit dringendem Staatsgeschäften? Oder haben jene recht, die behaupten, man habe dem intervenierenden Chachambaschi die Kompetenz zu seinem Einschreiten abgesprochen, da es sich nicht um ottomanische, sondern ausländische Juden handle, und darauf hingewiesen, daß ja auch ottomanischen Juden Rußland verschlossen sei? Wir können nicht glauben, daß die freie Türkei sich auf gleichen Fuß mit dem autokratischen Moskowiterreiche stellen und in trautem Verein mit ihm die Devise realisieren sollte: „Sperrst du meine Juden aus, sperr* ich deine Juden aus." Wir zweifeln nicht, daß die ganze türkische Judenheit wie ein Mann gegen solche der ganzen Nation angetane Schmach protestieren würde. Man darf überhaupt im besondern darauf gespannt sein, wie die jüdische Presse in der Türkei und wie vor allem die von Djebal Noury apostrophierten Juden von Einfluß sich der Ehrensache ihrer Nation annehmen werden. Es wäre jetzt der Moment gegeben, den Chachambaschi kräftigst zu unterstützen. Wenn dieser in der Tat die ernste Absicht kundgibt, seine Demission zu geben, falls nicht seinen wiederholten Reklamationen Genüge geschieht, und die ganze jüdische Öffentlichkeit jene einmütige Entschlossenheit des Willens zeigt, die die armenische Nation im Kampfe um ihr Recht bewies, so kann es an dem baldigen Erfolg nicht fehlen, — trotz der dringlichsten Abhaltungen der Minister. Diskussion der Einwanderungsfrage Auch diese Frage beschäftigt jetzt die öffentliche Meinung der Hauptstadt. Es liegt in der Natur der Sache, daß eine Klarheit der Ansichten über ein so heikles und schwieriges Problem noch nicht vorhanden sein kann. Immerhin sind die beginnenden Erörterungen hier wie in andern Fällen eine Gewähr dafür, daß der Horizont der politischen Geister sich erweitert und die Bahnen für vernünftige Reformen gezogen werden. Es ist der „Sabah", eines der hervorragendsten jungtürkischen Blätter, das einen Artikel der Immigrantenfrage widmet. Wir finden in den Prämissen desselben genau die gleichen Gedanken, die den Zionismus von allem Anfange an bei der Betonung der Möglichkeit und Notwendigkeit eines Menschenzuflusses in die Türkei geleitet haben. „Das ottomanische Vaterland ist groß," beginnt der „Sabah". „Es hat eine Ausdehnung von drei Millionen Quadratkilometer; aber auf jedes Quadratkilometer kommen nur fünf Bewohner. Diese Bevölkerungsverteilung ist nicht überall die gleiche. Während es in der europäischen Türkei 36 Einwohner pro Kilometer gibt, sind es nur neun in 'den asiatischen Wilajets, ein einziger in Tripolis und ein einziger ebenso in Arabien. Daraus ergibt sich, daß das Land der Menschen bedarf. Denn. tatsächlich beträgt die Bevölkerungsziffer beispielsweise in Ägypten 16, in Algier 6, in Tunis 11. In Europa gar finden wir 36 in Bulgarien, 45 in Rumänien, 57 in Serbien, obwohl das Länder sind, deren ökonomische Entwicklung begrenzt ist wie bei uns. Von Belgien zu schweigen, das 227 Seelen auf einem Quadratkilometer ernährt.*4 Nach Feststellung dieser Statistik betont der „Sabah" die Notwendigkeit, die Territorien der Türkei für die Immigration weit zu öffnen, um so mehr als sich der Wunsch, sich im Reiche niederzulassen, im Kaukasus, in Bosnien, in Bulgarien lebhaft äußert. Diese Aufzählungen bereits beweisen, daß der „Sabah" keine andern als mohammedanische Einwanderer ins Auge faßt, die schon vor der absolutistischen Regierung aus politischen Gründen, freilich mit sträflicher Sorglosigkeit ins Land gezogen worden waren. Kein Wunder, wenn der „Sabah" im Hinblick auf diese Mohadschirs, die ohne Mittel in ihr Mutterland kamen, von der Regierung Boden, Häuser, Geräte, Saatgut und Geldunterstützung beanspruchten und darum bald vom Jildis vernachlässigt wurden und oft verkamen, trotz der richtigen Voraussetzung zu dem Schlüsse kommt, daß diese Einwanderung, so wünschenswert sie auch sein mag, noch nicht realisierbar sei. Verkehrterweise hält er aber den Boden für den Schuldigen, indem er behauptet, er sei noch nicht fähig, eine dichtere Bevölkerung zu ernähren. Die Vermehrung der Zahl der Einwohner würde nur das Elend der Einheimischen steigern, die ohnedies bereits vor Hunger stürben, und die Neuankömmlinge selbst dem Elend überliefern. Es ist klar, diese Folgerungen gehen viel zu weit. Alle Autoritäten sind darüber einig, daß auf gewaltigen Strecken türkischen Territoriums der Boden genügende Schätze enthält, um neue und zahllose Millionen von Menschen zu ernähren. Es sind die Arbeitsmethoden, die zur Bebauung mangeln, die bessern Geräte, die bessern Verkehrsmittel, eine vernünftigere Steuerlastenverteilung. Ein Teil dieser Mängel ist durch die Maßnahmen der Regierung]abzustellen, der Rest wird gerade durch eine Neueinwanderung behoben werden. Freilich darf diese nicht eine Einwanderung von Paupers sein, auch keine von solchen Elementen, die auf demselben tiefen Niveau der Bebauungsmethoden stehen wie die unglücklichen einheimischen Ackersleute. Es ist kein Wunder, wenn schon jetzt, so kurze Zeit nach der Verfassung, die Zehntausende von Mohammedanern in die türkische Heimat lockt, die Regierung abwinken und erklären muß, die Bedürfnisse der Neuankömmlinge wüchsen ihr über den Kopf, sie sei nicht mehr in der Lage, sie zu decken. Eine Menschenvermehrung in der Türkei ohne gleichzeitige Kapitalsvermehrung kann heute noch nicht reüssieren. Ganz anders, wenn das einwandernde Element mit den Arbeitskräften auch Mittel zugleich auf die Scholle bringt, wenn jeder Flecken Bodens, den es besetzt, in barem Gelde bezahlt wird, wenn Intelligenz und Stütze von außen die Einwandernden begleiten. Dann werden der Regierung statt neuer Lasten neue Einnahmen zugeführt, die einheimische Bevölkerung zu fruchtbringendem Arbeitsmethoden durch das Beispiel der Neuen herangezogen und fähig, den Boden und sich zugleich zu be-

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