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Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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868 DIE 2 jedem Worte, der „Alijot" werden möglichst viele gemacht, um recht vielen das Glück und die Ehre der Toranähe zu gewähren, und derselbe Abschnitt wird zuweilen aus diesem Gründe unzählige Male wiederholt zum Vortrag gebracht. So vieles uns bei den Sephardim fremd anmutet, die lebhafteste Sensation wird doch in uns wachgerufen durch das, was wir bei ihnen Gemeinsames finden. Da ist zum Beispiel der Priestersegen, der sich in nichts, kaum merklich selbst in der Melodie nur von dem der Aschkenasim unterscheidet. Niemals wie dann ergreift uns das Gefühl von dem endlosen Alter und der Ehrwürdigkeit unserer Überlieferungen. Nie wird so klar als dann, daß diese beiden vor einem Jahrtausend und früher räumlich und geistig getrennten Bruderschaften LT —--= No. 40 unseres Volkes aus einer Mutterquelle schöpften, die noch diese und diese Erbreste bei ihnen beiden hinterließen. Wann werden sie sich wiederfinden und durchdringen? Tiefe und Schönheit, Seele und Form, Kraft und Würde miteinander verschmelzen? Aus ihren beiden Erlebnissen eines machen und sich eine Zukunft bereiten? Die Zeit ist gekommen, die getrennten Pfade zusammenzuführen und den Vereinigungsprozeß zu beginnen, der freilich Jahrzehnte oder Jahrhunderte bis zu seiner Erfüllung bedürfen wird. Konstantinopel, im Tischri 5670. Dr. Israel Auerbach DIE HERREN DER MISCHPOCHE > Neue Beiträge zur Entwicklungsgeschichte Von Dr. Samuel Max M£lamed Der Großvater und Chef der Familie Rosenthal, der alte Herr Arthur Leb Rosenthal, Kommerzienrat und Besitzer des Adler- und des Zähringer Ordens, dazu Mitglied des Börsensenats und langjähriger Repräsentant der jüdischen Gemeinde, ist ein Achtundvierziger — ein Veteran des Liberalismus. Herr Kommerzienrat ist sehr stolz darauf, zu den alten, unverfälschten Liberalen der Achtundvierziger zu gehören, wiewohl er selbst keine andern politischen Verdienste hat, als im Jahre 1848 fünfundzwanzig Lenze gezählt zu haben. Als Fünfundzwanzigjähriger war er sehr klug und diplomatisch —. und blieb neutral im Kampfe der Geister. Keiner konnte ihm etwas Böses oder Gutes nachsagen; denn er war eben klug. Seiner Gesinnung nach war er freilich liberal; denn das Ghetto schien ihm gegen den Geist der Zeit zu sein — und zudem persönlich überaus lästig. Als wohlhabender Elternsohn (der Vater war Großviehhändler und im Verkehr mit Pferden durchaus geschickt) sprach er schon vor 48 ein reines Deutsch, trug moderne, saubere Kleider, las Zeitungen und gehörte zu den vornehmen jungen Leuten der Kehile. Im „tollen Jahr" zog er sich auf das Land zurück; denn klug, wie er war, meinte er, in der Stadt wäre man des Lebens nicht sicher. Aber selbst auf dem Dorfe lebend, hatte er seine liberalen Ideen nicht aufgegeben. . . . Herr Arthur Leb Rosenthal, jetzt Kommerzienrat, war von jeher eine noble Natur und keiner niedrigen Gesinnung fähig. . . . Der Herr Kommerzienrat — versteht sich. Er beklagt jetzt sehr den Niedergang des echten Liberalismus — er erzählt immer von den politischen Großtaten seiner liberalen Mit-Achtundvierziger — er spricht sehr viel von der guten, alten Zeit — und beklagt die neue — wie es sich einem Achtundvierziger geziemt. Versteht sich ... Vor einigen Jahren, als Herr Hofprediger Stöcker nach Protzenheim kam, für den Antisemitismus zu werben, war Herr Kommerzienrat dermaßen entrüstet, daß er beschloß, diesem Unfug der neuen antiliberalen Zeit ein Ende zu machen. Er erließ nämlich in der großen liberalen Zeitung der Stadt — eine Annonce, in der alle echt liberalen Männer, alle Achtundvierziger *) Vgl. „Die Welt", Nr. 1, 1909. und ihre Nachkommen, die schon aus Pietät vor den großen Ahnen in ihren Fußstapfen wandeln müssen — aufgefordert wurden, sich endlich aufzuraffen und sich zu einer großen liberalen Partei zusammenzutun, um die gute, alte, herrliche Zeit wieder zu erneuern. . . . Dieses politische Auftreten eines greisen Achtundvierzigers erregte seiner Zeit viel Aufsehen und wurde in den Zeitungen viel besprochen, selbst in der „Jugend" und im „Simplizissimus". . . . Und Peter Schlemihl hat bei dieser Gelegenheit wieder schön gedichtet. . . . Der Sohn des Herrn Kommerzienrats, Herr Maximilian Rosenthal, Prokurist in der Firma seines Vaters, ist ein Siebzig-Einundsiebziger, das heißt, er wrar während des deutsch-französischen Krieges Mehllieferant der Armee, und nicht zu seinem Schaden. Er ist, wie es sich einem echten Siebzig-Einundsiebziger geziemt — ein Patriot, er hält deutsche Sitte und deutsche Art in Ehren, er war schon oft nationalliberaler Wahlmann für die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus, ist gutzahlendes Mitglied des Flottenvereins, des Vereins zur Förderung des Deutschtums im Auslande, und ist sowohl mit dem Oberbürgermeister als mit dem Regierungspräsidenten persönlich bekannt. Er ist in allen Schichten der Bevölkerung gleich geachtet. ■ Er spielt im Bürgerverein eine Rolle und ist Sekretär des Vereins zur Pflege deutscher Altertümer. Als reges Mitglied des nationalliberalen Zweigvereins, dessen Vorstand er als Kassierer angehört, betätigt er sich politisch und tritt gelegentlich auch als Versammlungsredner auf. Als solcher polemisiert er mit guten patriotischen Argumenten gegen das Zentrum und die vaterlandslose Sozialdemokratie. Den Antisemitismus hält er für eine vorübergehende Erscheinung und ist aus guten Gründen sein politischer Gegner — doch zieht er sie der Sozialdemokratie vor; denn er meint, sie, die Antisemiten, sind zwar Rückschrittler und stiften oft Unfrieden, aber sie sind doch gute Deutsche und kaisertreu. Herr Maximilian Rosenthal ist für seine Person ein ganz guter Jude, meint er. . . . Er zahlt regelmäßig seine Gemeindesteuer, schließt am ersten Tag Rosch- Haschono sein Geschäft, da er an diesem Tage mit der Familie einen Ausflug macht, ist Mitglied des jüdischen Almosenkastens und ist sehr tolerant. . . . Seine zwei

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