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Die Welt · 1909-09-28 · 40 (28.9.1909) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
40 (28.9.1909)
Date
1909-09-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sonnenlichffunkeln im hohen Raum, den eine Kappel deckt, den weiße Sterne auf blauem Himmelsgrund überschimmern. Farbenglitzern aus tausenden spiegelnder Lampenkronen-Kristalle. Schatten tanzen die regungslosen Kettchen der ewigen Lampen hinauf-und hinunter. Bunte Leuchtwellen, durch die schmalen, tiefen, hochaufschießenden, in feinem Bogen verlaufenden Fenster. Schneeiges Gleißen über dem MaraiöOlgr Aron hakodesch-Säulen und der dr^if u ihrn auftragenden, .halbmondförmige^jr:^ttarstufen. r.'^i^nglanz auf dem weiten Teppich, der die Marmorfliesen am Bo'd&Yi versteckt, auf dem reichen, schweren Parochet, auf den hunderte frommgeneigter Beter umhüllenden Talessim. Halbschatten verbirgt, was das dichtgekreuzte Gitter droben von den Beterinnen der Frauenschule noch ahnen ließe. Die Synagoge der Sephardim verharrt in tiefem Schweigen. Nur der Chasan, in seiner schlichten, fest abgemessenen, eintönigen .Tremulier- und Näsalkunst, läßt die Sänge hören. Nur wo die Tradition den Chorwiderhall vorschreibt, singt die ganze Gemeinde, in peinlich gleichem Takt, in peinlich genau gleichförmigen Biegungen der Gebetsilben und -töne ihren Chorus. Kaum, daß der Beter zur ßrde niederfallende Schaufäden leise erzittern, ihre schwarzen Seidentroddeln auf dem rotflammenden Fes sich rühren;--— so auf die Stille, die schweigende Sammlung, eingestellt ist ihre Andacht. Ein Gebet nach dem andern passiert in gleichem Ernste und in gleicher Wertung. In jedem sind sie sich gleich nahe, Gott und Mensch. Das festtägliche hat vor dem mit jeder Sonne wiederkehrenden keinen Vorzug. Die schlichte Einfalt des einen ruft keine Gleichgültigkeit, die schwere, gewaltige Poesie, des andern weckt keine Erschütterung. Das ^Avinu malkenu" hinterläßt nicht stärkern Eindruck als irgendein beliebiger Piut; ja, das heiliger Erinnerungen volle Rosch hasehanah — „Alenu", und das von zitternder Furcht und Ergebung durchtränkte „Hajom hafat Olam" passierten gleichmäßiger Weise, ohne individuelle Emotionen. In meinen Ohren braust der „Rosch haschanah"- Gebetsdonner in „unserer" Synagoge im Norden, rauscht der Flüstersturm der „Mussaph-Schemone esre", hebendie Erregungswellen des brandenden „Unessannei tokef", gellen die Verzweiflungsschreie jenes „Awinu malkenu", vor denen Der über den Wolken sich erbarmen muß, und ich sehe den weißen wallenden, ruhelos wogenden, in Ekstase schwingenden Beterwald, der in dgr jjbndlos tönenden Bewegung einen höhern Pol der 'Rune und Andacht findet. — — . Sagt, sind die Sephardim nicht Brüder von unserm Blute? Ist ihre fast — protestantische Ruhe nur Produkt einer langsamen Andersgewöhnung, einer Assimilation an die umgebenden Kulte, wie bei ..unsern „reformierten" Westlern im Norden? Oder ist .e^die Ruhe der Sicherheit, die in ihre Gebete überging? .Ünd ist es die Qual, das Elend, die ganze Skala der Furchtbarkeit des Golut, das zur Seele „unserer" ' Gebete wurde, das aus dem „Awinu malkenu" schreit, aus dem „wessechsenu enenu" stammelt und aus den Tönen des Schofar Entsetzen schmettert? ...... j Ja, diese Quelle muß auch die Verschiedenheit des sephardischen und askenasischen Sanges haben. Das musikalische Milieu um sie beide erklärt nicht alles. Auch hier ist das Erleben der Jahrhunderte mehr. Nur Juden, die so von Erregung zu Erregung geworfen wurden, wie die Gejagten, Geretteten und wieder Gejagten des Nordens konnten so viel Nuancen von Schmerz, Bitte, Wehmut, zarter Freude, Zerknirschung und Verzweiflung, kurz von Seele in ihre Synagogenmusik tragen, die jeden liturgischen Tag des Jahrs, ja, jedes Gebet von Bedeutung zu einem andern individuellen musikalischen Wesen, zu einem andern Ton der jüdischen Volkskehle, zu einem eignen kunstgeborenen Boten vor dem Allerhöchsten machte. — — Aber ich bin in der sephardischen Synagoge zu Galata. Ihrem Gottesdienst fehlt die tiefe, wilde Schönheit der Synagoge des russischen Ghettos. Aber ihr fehlt auch all das Unschöne an ihr: die Übermüduhg mit zahl- und endlosen, nicht selten geschmacklosen Gebetstücken; die Kehrseite der lauten Ekstase, die' laute Profanierung; das Geräusch des Geschwätzes in den Pausen, das ruhelose Hinaus und Herein, das ungenierte Gebaren in gedankenlosen Kleinmenschlichkeiten, das Gott, nachdem er eben höchster Weltenrichter gewesen, nun einen guten Bruder sein läßt, vor dem man sich ruhig gehen lassen darf. Die Synagoge der Sephardim ist eine Stätte der Würde, des tiefen, unerschütterlichen Ernstes, der großen Art und der Zeremonien der altspanischen Grandezza. Wie der Sang, so ist jede rituelle Form, jede Bewegung und Hantierung gemessen. Der große, in Silber getriebene Schlüssel zum Aron hakodesch weiß davon zu sagten, der den würdevollen Weg zurücklegt aus der Hand des Tempelvorstehers in die des Tempeldieners, aus der des Tempeldieners in die des mit der Mizwa Beglückten, ehe ihn dieser in das Tor zur heiligen Lade versenkt und ihr die heiligen Torarollen entnimmt. Davon wissen die Sifre tora zu sagen, die schwere, silber- und goldgeschmiedete Kronen auf ihren Häuptern und silberne „Schaddai"-Platten auf ihren Mänteln tragen und ganz anders feierlich als bei uns, wie kleine Prinzen auf den Armen im Rundgang durch die Synagoge getragen werden. Alles steht nicht nur auf ihrem Pfade auf, — alles neigt sich vor ihr ehrerbietig, alles naht sich unterwürfig, um wie einem wahren gottgesandten Prinzen, ernst und langsam den Saum des Gewandes zu küssen. Und seht erst das Volk, wenn sie ihrer Hüllen entkleidet, wenn sie aufgerollt, mit ausgebreiteten Armen in die Höhe gehoben und ihre heiligen Schriftzeichen vom Bai Kore, der sich mit ihr nach allen Himmelsrichtungen wendet, der Gemeinde ezeigt werden: rings steht alles schweigend, das ntlitz der Verehrten zugewandt, die rechte Hand mit dem Saum des Tallis in ehrfürchtiger Haltung ihr entgegengestreckt, um sie dann, als wäre die Hand in heiliger Fernwirkung von der Gottesschrift geweiht und beglückt, andachtsvoll an die Lippen zu führen. Auch der fremde Gast, der in die sephardische Synagoge kommt, weiß von der Grandezza und der schönen Form r?u sagen. Man geleitet ihfl würdig zu seinem Ehrensitz, man üDerh|Uift ihn mit' syhagogalen Ehren, und' wird er zur Tora aufgerufen, so"erhebt sich bei seinem Gehen und Kommen die ganze Gemeinde, durch die er schreitet, und grüßt ihn durch ehrbezeugende Verneigung. In der sephardischen Synagoge ist die Toravorlesjjjig alles. Hier wird sie nicht al$ willkommene Erholungspause oder als Signal zum Verlassen des Tempels angesehen, Die Gemeinde lauscht ernst und aufmerksam 9*

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