Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 40 (28.9.1909)
- Date
- 1909-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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866 DIE WEH No. 40 Südlich vom Dscholan erstreckt sich das waldreiche Gilead (heute Hadochlun) bis ans Jordantal. Es ist interessant, daß dieses sonst wenig fruchtbare Land gerade dort, wo es vulkanischer Natur ist, nämlich im Nordwesten, anbaufähig ist; in diesem Zipfel finden sich auch wieder heiße Quellen vulkanischen Ursprungs, die im Altertum zu Heilzwecken viel benutzten Quellen von Gadara. Je weiter wir nun nach Süden gehen, um so spärlicher werden die vulkanischen Überreste. Aber immer finden wir noch hier und da eine Überdeckung des Bodens mit basaltischem Ausbruchsgestein, nicht nur auf dem Plateau, sondern auch in den. Flußtälern bis hinab zum Toten Meer. Hier brechen auch wieder aus dem vulkanischen Boden die heißen Schwefelquellen in großer Zahl hervor, von denen die von Kalirrhoe im Altertum die größte Berühmtheit als Heilbäder erlangt haben. Überhaupt sind die Mineralthermen nur dort anzutreffen, wo sich Brüche der Erdrinde finden. Da sich aber am Rande solcher Brüche häufig Vulkane bilden, und da, wie wir sehen werden, gerade an solchen Bruchspalten häufig Verschiebungen von Erdschollen und damit Erdbeben eintreten, so finden wir die Mineralthermen eben in vulkanischen und Erdbebengebieten, also z. B. in den Küstenländern des Mittelmeeres, so auch in Palästina, in großer Zahl. Da sie aus erheblicher Tiefe stammen, so sind sie heiß und infolge der Hitze reich an gelösten Mineralien. Unter diesen ist besonders der Schwefel bekannt, weil er sich — in Form des faulig riechenden Schwefelwasserstoffs — besonders bemerkbar macht und auch durch die Heilkraft der Schwefelthermen und durch die Ablagerung von reinem Schwefel praktische Bedeutung gewinnt. Solche Thermen oder auch aus Erdspalten hervordringenden Dämpfe sind, wie gesagt, im Bereich des Mittelmeerbeckens nicht selten. Auch die erwähnte griechische Insel Neo Kaimeni, die um 1700 plöb.lich auftauchte, stößt andauernd Schwefeldämpfe aus; ebenso auch andere vulka- > nische Küsten und Inseln des Mittelmeeres. In dem bedeutendsten vulkanischen und Schüttergebiet, Sizilien, hat sich sogar infolge der reichen Ablagerungen die größte Schwefelindustrie entwickelt. Selbstredend ist die Verteilung der zahlreichen Schwefelthermen Palästinas nicht eine zufällige. Vielmehr finden wir sie nur da, wo Erdbewegungen stattgefunden haben. So trafen wir sie rings um das vulkanische Haurangebirge an. Die meisten aber gruppieren sich um das Jordantal herum, das, wie wir sehen werden, einen mächtigen Längsbruch darstellt und das reich gesegnet ist mit Erdbeben — am heutigen Tage nicht minder wie zu den Tagen Sodoms, bei dessen Untergang — von dem noch die Rede sein wird — es nach, dem biblischen Bericht Schwefel regnete. Von den palästinischen Mineralthermen — es handelt sich meist um ganze Gruppen von Quellen — sind die bekanntesten die von Tiberias, einem Gebiet, von dessen vulkanischem Charakter schon gesprochen wurde und das auch große Erdbeben (zuletzt 1837) erlebt hat. Die zweite Gruppe, die von Gadara, lernten wir bereits im vulkanischen Teil des Hadschlun und die von Kalirrhoe im Osten des Toten Meeres kennen. Zur Römerzeit standen diese Bäder, die heute verwahrlost sind und wenig benutzt werden, aber zweifellos eine große Zukunft haben, in hohem Ansehen; noch heute existieren Überreste der dortigen Prunkbauten, Villen und Theater. Die Temperatur der Quellen schwankt zwischen 25 und 50° C. Oft weisen zwei dicht nebeneinander liegende Quellen hohe Temperaturunterschiede auf, in einem Falle einen solchen von 15° bei einer Entfernung von 2 m. Durch Untersuchung des Erdmaterials läßt sich aber nachweisen, daß auch diese kühlem Quellen einst heiß gewesen sind. Auf demselben Wege läßt sich zeigen, daß die vielen lauen und nahezu kalten Quellen in und um das Jordantal oder solche, die nur noch schwach mineralisch schmecken, einst heiß und salzreicher waren und sich allmählich abgekühlt haben. Dadurch wird das Bild von dem Umfang der hier entstandenen terrestrischen Veränderungen um so vollständiger. Auch die heißen Thermen ihatten einst höhere Temperatur. Immer mehr verblassen die Zeugnisse jener Katastrophen. — Die Quellen entleeren ihren Mineralgehalt in den Jordan oder seine Nebenflüsse, und die Salze gelangen so oder auch direkt in das Tote Me,ef;* den Salzsee, dessen Wasser durch Verdunstung zu immer können tri er'terer Lauge eingedickt wird. Wir haben nun die gewaltigen vulkanischen Veränderungen in dem Teile der Kalktafel, den wir heute als das Ostjordanland bezeichnen, sowie die geringem in dem heutigen Westjordanland kennen gelernt. .. Zwischen beiden klafft im Gebirge ein mächtiger Längsspalt, der syrische Graben, dessen zahlreiche Thermen uns bereits beschäftigt haben. Das Jordantal ist nur ein Teil dieses Grabens. Hoch oben in Syrien beginnend, ist er als tiefer Einschnitt im Gebirge besonders dort scharf ausgeprägt, wo er den Libanon durchschneidet. Hier trennt er das Gebirge in den Libanon und Antilibanos und führt selbst, ein breites Tal, den Namen Bekaa (Coelesyrien). Dessen geradlinige Fortsetzung ist das eigentliche Jordantal mit Einschluß des Toten Meeres, sodann dasWadi el Arab. In einzelnen Schüben sanken in diesem mächtigen Grabenbruch die Erdschollen immer tiefer. Wenn wir die eben bezeichnete Linie des Bruchs geradlinig nach Süden verlängern, so fällt sie mit einem andern Einbruch — dem heutigen Qolf von Akaba, einem Arm des Roten Meeres — zusammen, mit dem der syrische Graben aber nichts zu schaffen hat. Nie war dieser mit Meereswasser bedeckt, wie jener Golf; das lehrt die völlig verschiedene Fauna jener Schichten, — hier.eine Süßwasser-, dort eine Meerwasserfauna. Die, heutige Tiefe des Grabens ist so gewaltig, daß ein Teil desselben, das Tote Meer, trotz seiner geringen Entfernung vom Mittelländischen Meere, die tiefste Stelle der gesamten Erdoberfläche ist. In diesem Grabenbruch, den der Koran bezeichnenderweise „El Mutafika" (der Einsturz) nennt, ergossen sich von den Bergen diesseits und jenseits die Wasserströme. Der Rest dieses großen Binnensees sind der Merom-, der Tiberiassee, der Jordan und das Tote Meer, ein Gebiet aus demuns Geologie und Geschichte von vielfachen Einsturzkatastrophen berichten. Kein Wunder, daß an dieser „unvernarbten Wunde", in der noch keine Verfestigung der Schollen erfolgt ist, häufig Erdbeben auftreten. Bedenken wir, daß Palästina als Ganzes die östliche Begrenzung, eines ungeheuren Bruchgürtels darstellt und daß es selbst von einem mächtigen Längsriß sowie einer Anzahl größerer und kleinerer Querrisse durchzogen ist, bedenken wir ferner, daß solche Risse die Voraussetzung für Vulkanismus und „tektonische" Erdbeben sind, so begreifen wir, daß Beben keine Seltenheiten im Lande sein können. Mit dem letzten Teil unserer Ausführungen haben wir uns bereits dem Thema Erdbeben zugewandt, das wir nun besprechen wollen. Hierbei handelt es sich nicht mehr wie beim Vulkanismus nur um Ereignisse der fernsten Vergangenheit, sondern auch um solche der jüngsten Geschichte und der Gegenwart. (Schluß folgt) Ö ((□□□□□ □ .o v> FEUILLETON □ □□□□□ o )§ IN DER SEPHARDISCHEN SYNAGOGE In den traumlos tiefen Schlaf der morgenländischen Spätsommernacht, aus der dicken Finsternis von jenseits des Goldenen Hornes her, mit den Düften zugleich,; die das regenerqüickte, neuschwellende Laub vom Gärten empor ins Schlafzimmer seftdet, dringt — tarn tarn tarn das dumpfe Gedröhn der jubelkündenden Ramasanpauke. Den feinen Nebel, der Stunden hernach sich dem rosig auffüllenden Sonnendämmern entgegenbreitet, durchhallt der hügelerschütternde, wellenkräuselnde §chuß der RartVdsankanone. Del* heilige Monat der Gläubigen hält seinen Einzug. , Aber am hellen Morgen, da die Muezzins ihren wehmütig lockenden Gebetruf von den Galerien der Minarette herab längst haben erklingen lassen, wallen im Garten drunten, aus den Pforten des allzuengen Gebetraumes dringend, hunderte andachtsvoller Judengestalten, wallen klagende, monotone, hundertstimmige, tremulierende, hebräische Sänge zu uns herauf. Und plötzlich, mitten aus geheimnisvoll sich verbreitendem . Schweigen, bricht des Schofars Weckruf. Der heilige Festmond der Juden hielt seinen p^izug, Ramasan-Rosch haschanah. * * *.