Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 40 (28.9.1909)
- Date
- 1909-09-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316391--52354-3346051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
864 die^i ELT No. 40 sehr selten rot. Die Löckchen an den Schläfen sieht man nur bei einigen sehr alten Leuten. Der Körper ist oft engbrüstig. Die Kleidung gleicht jener der Türken, doch sind die schreiend bunten Farben der letztern durch ausschließlich dunkle bis schwarze ersetzt. Von den verheirateten Spaniolinnen kann man sagen, daß sie ein spezifisch spaniolisches Nationalkostüm tragen. Weite Röcke, eine Art spanisches kurzes Leibchen und ein buntes, bei Greisinnen zuweilen weißes Umhängetuch. Das charakteristische Merkmal der Ehefrau aber ist der eigenartige Kopfputz. Sie scheert ihr Haar kurz, umgibt dasselbe aber mit einem etwa 15 cm hohen gold- oder silberdurchwirkten Bande, welches wie ein oben offenes Käppchen aussieht, zumal dessen unteren Rand eine aus kleinen dicht aneinandergereihten Goldplättchen gebildete Wulst einfaßt. An Festtagen befestigt manche Frau statt des fehlenden Haarschmucks dichte lange Wollfransen auf dem Läppchen, auf solche Art das Vorhandensein reich hervorquellenden Haares vortäuschend. Die Frauengestalten sind recht zierlich, und nur bei Wohlhabenheit entsteht Korpulenz. Die Töchter sind in vielen Fällen reizende Erscheinungen, denen etwas orientalische natürliche Koketterie nicht fehlt. Sie tragen sich auf türkische Art in bunte malerische Gewänder. Eigentümlicherweise findet man bei dem weiblichen Geschlecht selten stark hervortretende Nasen, ja bei den jungen Mädchen sind sie stumpf, zuweilen etwas aufgeworfen endend. Sehr zeitlich, manchmal schon mit zwölf Jahren, heiratet die Spaniolin. Zwischen den Sephardim und den Aschkenasim finden nur in höchst seltenen Ausnahmefällen eheliche Verbindungen statt. Die Sprache mag ein Haupthindernis der gegenseitigen Annäherung sein. Während bis nun in der Gemeinde selbst keine Zwietracht herrschte, hat vor kurzem die Neuwahl des „Chachambaschi" (Oberrabiner) erregte Debatten und Uneinigkeit hervorgerufen, indem der intelligentere und wohlhabendere Teil sich weigert, seine Zustimmung zur Berufung eines aus Philippopel stammenden Kandidaten zu geben, weil derselbe weder der spaniolischen noch der bosnischen Sprache genügend mächtig sei, und den hiesigen Verhältnissen fremd gegenüberstehe. Das gesellige Leben spielt sich meistens im engern Familien- und Freundeskreise ab, doch treten die Spaniolen seit letzter Zeit durch Aufführung von Konzerten und Dilletantenvorstellungen sowie Veranstaltung öffentlicher Bälle immer mehr in den Vordergrund. Die Beteiligung an den von Österreichern gegründeten Vereinen ist seitens der Spaniolen eine regere als von seiten der andern Bosnier. Sie sind im Herrenklub zu finden, ihre Gattinnen im Frauenverein und vielen andern Vereinigungen. Unter sich haben sie bereits verschiedene Geselligkeits- und Nützlichkeitsvereine ins Leben gerufen, welche natürlich spanische Benennungen führen, z. B. „La Lira, sociedad de cantar de los judios espanoles (lies njoles)" (Gesangverein), „El Progresso" (Fortschritt), „La Benevolencia" (Wohltätigkeit) und andere. Eigentümlich ist die Art, ihre Toten zu bestatten. Der Friedhof ist, wie bei den Türken, uneingezäumt; die letztgenannten beginnen bereits ihre Begräbnisstätten zu umfrieden, doch die Spaniolen halten zäher an diesem Brauch, während sie doch sonst den andern Landsleuten in der Zivilisation gewaltig vorangehen. An einem steilen Abhang liegen die Gräber, welche fast durchweg mit gewaltigen roh behauenen, bald vierseitigen, bald oben abgerundeten Prismenblöcken bedeckt sind, die sich gegen die Stirnseiten oft erhöhen und an dieser nur den Namen des Verstorbenen und die betreffende Jahreszahl tragen. Mehrere Kubikmeter messen die meisten dieser eigenartigen Monumente, welche man in ähnlicher kolossaler Ausführung zu Tausenden über den sogenannten Bogumilengräbern in Bosnien findet. Erst in der allerneusten Zeit wagten es einige reiche Spaniolen, ihren Heimgegangenen sarkophagähnliche, etwas zierlicher bearbeitete Grabsteine setzen zu lassen, an denen bereits auch deutsche und slavische Grabschriften prangen. Am Leichenbegängnis nehmen ausschließlich Männer teil. Der Tote wird ganz einfach in Sackleinwand gehüllt und mit Bindfaden verschnürt, in einen offenen rohgezimmerten niedrigen Sarg gelegt und mit einem dunklen Tuche bedeckt. Während des Leichenzuges wechseln die Träger ohne Unterlaß ab, so daß ihre Bürde oft bedenklich ins Schwanken gerät, wenn verschiedene große Personen die Handhaben übernehmen. Der Sarg, welcher eigentlich nur eine Tragbahre darstellt, wird nicht mit dem Leichnam ins Grab gesenkt, sondern dieser wird allein hineingelegt, worauf die nur aus ganz dünnen Brettchen bestehende Bahre zerspalten und der Tote mit den Holzstücken bedeckt wird, damit die herabfallenden Schollen den Körper nicht direkt treffen. So wie bei den Türken unterscheiden sich die Begräbnisfeierlichkeiten eines Reichen und Armen gar nicht. Einen schönen Zug im Leben der Spaniolen bildet die Sehnsucht nach dem gelobten Lande. Hier und da beschließen alte Leute, ihre letzten Tage an der Stätte einstiger Königsherrlichkeit in Jerusalem zu beschließen, zu weichem Zwecke sie ihr Vermögen den Erben übergeben, gegen Sicherstellung einer Rente. Es wirkt ergreifend, wenn die ehrfurchtgebietenden Patriarchengestalten, in wallende orientalische Gewänder gehüllt, am Kopfe den niedrigen Turban, die Heimat auf Nimmerwiedersehen verlassen. Ein zufriedenes Lächeln spielt um ihre Lippen, und freundlich erwidern sie nach allen Seiten die Abschiedsgrüße sowohl ihrer Religionsgenossen als auch Andersgläubigen. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hat den hiesigen Spaniolen das Bosnierland seine Pforten geöffnet. Der Geldgeber des damaligen Vali Mehmed Baitadschi, der reiche Spaniole Naftali bin Mandjur, setzte es bei seinem Herrn durch, daß etwa 30 Saloniker Familien die Erlaubnis zur Ansiedlung erhielten, zu denen sich noch Zuzügler aus Rumelien, Bulgarien und Italien gesellten, sowie auch die nach dem Zurückfluten des Osmanensturmes mit den bosnischen Hilfstruppen zurückkehrenden spaniolischen Lieferanten, Ärzte und Händler. Diese Israeliten waren stets treue Untertanen des Padischah gewesen und sind heute gewiß die loyalsten Bürger des Landes. Längst schon erklingt in den Schulen und Synagogen die schöne Hymne Haydns, das erhabene „Gott erhalte" in spanischer Sprache. Vulkanismus und Erdbeben in Palästina Von Dr. Aron Sandler-Breslau Das furchtbare Erdbeben von Messina und Kalabrien im vorigen Jahre, das, — abgesehen von dem Erdbeben von Peking (1662), welches 300 000 Menschen tötete, — von allen Erdbeben seit 2000 Jahren, soweit Berichte vorliegen, die meisten Opfer an Menschen gefordert hat, stellt keine isolierte Erscheinung dar, sondern ist ein Glied in einer Kette von Ereignissen, die mit der noch ungenügenden Konsolidierung der Küstenländer^ des Mittelländischen Meeres zusammenhängen. Seit frühester Zeit, soweit sie geologisch erforschbar ist, bis auf die letzten Monate herab fanden rings um das Mittelmeer häufig vulkanische Ausbrüche und Erdbeben statt, was für diese Küstenstriche, die ja die Ränder des größten Bruchgürtels der Erde sind, nicht weiter verwunderlich erscheint. Schon der flüchtige Blick auf die zerissene und zerfetzte Mittelmeerküste Europas und Asiens läßt erkennen, welch gewaltige Ereignisse sich hier abgespielt haben. Überall sind hier bis auf den heutigen Tag die Erdkräfte noch in Bewegung. Hier finden sich eine große Anzahl bekannter Vulkane (Vesuv, Ätna, Stromboli) und massenhaft erloschene Krater. Das ganze Küstengebiet gilt als eines der Hauptzentren vulkanischer Tätigkeit. Schon die alten ägyptischen Priester lehrten, daß Hellas der Rest eines großen Landes wäre, das einst im Meere versunken sei. Die ganze geschichtliche Zeit berichtet von Erdbeben in diesen Küstengebieten, besonders in Kalabrien und Griechenland; einige dieser Ausbrüche und Beben (Pompeji, Lissabon) haben ja historische Berühmtheit erlangt. Die Opfer des Vulkanismus dieser Gegenden von Christi Geburt bis heute werden auf etwa dreiviertel Millionen Menschen geschätzt. Die jüngsten Ereignisse haben das Interesse für diese Vorgänge von neuem belebt. Unverkennbar sind seit vorigem Jahre die Erdkräfte hier wieder in neuer Bewegung. Messina und