Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 40 (28.9.1909)
- Date
- 1909-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ihres Bodens geschmückt, nach vollbrachter Jahresarbeit über ihren Gewinn zufrieden, von der Pracht ihrer Residenz bezaubert, im geeinten Kreise der Volksgenossen, die aus allen Enden des Landes gekommen sind, freuten sie sich vor Gott, d. h. vor und in dem Gottestempel. Wie soll diese Stimmung jetzt hervorgerufen werden? Es ist keine Zeit der Jahresbilanz, wir haben nichts eingesammelt, wir pilgerten nicht, wir sehen das Volk, wir sehen den jüdischen Tempel nicht. Es war! Das allein kann nicht genügen, — was alles schon in der Welt war, was soll denn uns das angehen? In der Wirklichkeit sind aber unsere Feste lebendig, wenn man nur den einen Punkt erfaßt hat: Wir sind eine Nation, die in Palästina wurzelt und die von dort aus noch immer wächst. Stellt man sich auf diesen Standpunkt, so sind es keine Erinnerungen, sondern Lebensbilder, keine Allegorien, sondern Werte. Dann sind die Feste auch denjenigen teuer, deren Glaube schwach oder gar keiner ist; kann ja der Glaube als solcher nicht bei allen gleich stark und der metaphysische Sinn nicht bei allen gleich rege sein. Werden die Details nach verschiedenen Arten und mit verschiedenen Graden der peinlichen Genauigkeit observiert, so sind aber im großen und ganzen die Feste tief begründete, empfindungsreiche und wahre Lebensmomente. Das sind sie aber nur in ihrem richtigen Zusammenhange. „Ach, mein edles Vaterland!" rief Thackeray Irland an, „wann wirst du einmal zur Überzeugung gelangen, daß man einen Hammer ganz einfach Hammer nennen muß?" Diese Frage taucht im Geiste jedes denkenden Juden auf, so oft er über ein jüdisches Fest, über irgendeine jüdischeEinrichtungdie üblich gewordene Phraseologie hört, — alles, nur nicht das Einfache. Dieses Einfache scheint unbequem, —denn „wasist unsHekuba?" „Was geht uns das palästinensische Sammelfest an? Wozu — die Laube? Was liegt uns am Regen?" So muß man die Dinge ihres wahres Sinnes entkleiden und in Symbole umwandeln. Der Palmenzweig ist die grünende Hoffnung, der Essrog — die Anmut, die Laubhütte — das Vergängliche. Man glaubt die Dinge dadurch plausibel zu machen; indem man ihnen aber die einfache Natürlichkeit raubt, raubt man ihnen auch die logische Berechtigung. Denn die Hoffnung, die Anmut und die Vergänglichkeit kann man auch auf tausend andere Weisen versinnbildlichen, oder man braucht sie gar nicht zu versinnbildlichen. Die Idealisierung, welche durch einen Wortschwall die konkreten Dinge in Abstraktionen auflöst, macht die Dinge in der Phrase durch irgend ein „epitheton ornans" für den Augenblick bestechend, aber innerlich hohl und unhaltbar. Es sind dieselben Manöver, die der alte „Drusch" immer gemacht hat, nur daß sich der neue „Drusch" moderner Ausdrücke bedient. Kernig, wesentlich und unabänderlich bleibt aber der „Pschat", die sinngetreue Bedeutung. Diese ist nicht so blumenreich, aber sie trägt Früchte. Dieser „Pschat" mit Bezug auf das Laubhüttenfest besagt, daß es ein national-jüdisches Freudenfest ist mit einem ausgesprochenen palästinensischen Charakter. Es hat Erdgeruch, es versetzt uns in eine Zeit, in der wir als ein Volk ein natürliches Leben führten, es vergegenwärtigt uns eine fortdauernde Wirklichkeit, wie sie jetzt die Kolonien Palästinas, in denen ein neues Leben keimt, darbietet, und es gibt uns Kraft und Hoffnung. Es verliert hierdurch nichts an menschlichen Idealen, im Gegenteil, es wird eben durch die konkrete Einfachheit noch menschlicher. Und wenn es in der Diaspora eben so gut, wenn auch nicht so echt wie in Palästina gefeiert wird, so ist es nur deshalb, weil Palästina der Mittelpunkt, der erwärmende, anregende und befruchtende Mittelpunkt des jüdischen Gesamtlebens sein muß. Denn wer ein Judentum ohne Palästina will, will die Blume ohne Wurzel und Stengel, er will sie also vergebens. N. Sokolow Spanier in Österreich Von X. Y. Dem Touristen, welcher den orientalischen Teil der habsburgischen Monarchie bereist, werden namentlich in der Hauptstadt der neuangegliederten Provinz zahlreiche, sich durch ihre dunkle Tracht von ihren Mitbürgern unterscheidende Bosnier auffallen. Es sind dies Nachkommen jener spanischen Emigranten, welche im Jahre 1492 das treue Ausharren in ihrem väterlichen Glauben mit der Ausweisung aus ihrer sonnigen Heimat büßen mußten. Sie fanden ein Asyl in den Staaten der Mohammedaner, manche verirrten sich auch in nördliche Länder, Schutz suchend bei toleranteren Fürsten. An ihre Abstammung erinnern aber kaum noch die romanischen Namen, während die südlichen Auswanderer sich ihr spanisches Idiom und zum Teil auch ihre Sitten bewahrten, sich selbst Espanoles nennend, und in der ganzen Türkei unter dem Namen Spaniolen bekannt sind. Sie bilden in Bosnien, von den aus Österreich ins Land gekommenen Israeliten abgetrennt, eine eigne Religionsgemeinde, deren Mitglieder sich im internen Verkehr ausschließlich ihres spanischen Dialekts bedienen, der mit hebräischen Lettern gedruckt wird. Diese Sprache ist im Laufe von vier Jahrhunderten durch allerlei asiatische Brocken sowie durch hebräische und slavische Beimengungen verstümmelt worden, zu denen sich auch schon deutsche Ausdrücke gesellten. Der Spaniole ist fortschrittlicher gesinnt als sein Glaubensbruder in Polen, er legt nach und nach die malerische Tracht ab, verläßt die alten wackligen Häuser und zieht in die neuerbauten Prachtbauten, die in sehr vielen Fällen sein Eigentum sind. Die Okkupation des Landes durch Österreich hat am meisten Vorteile für die hiesigen Juden gebracht, welche sich trotz mancher in den letzten Jahrzehnten errungenen Erleichterungen doch in ziemlich gedrückter Lage befanden. Ehe sich der träge Türke mit der neuen Ära befreundete, wandten sich die Israeliten voll Vertrauen dem österreichischen Regime zu, sorgten sofort für die tadellose Verpflegung der Truppen, und ihre Kaufleute waren es anfangs auch allein, durch welche die Familien der österreichischen Beamten und Offiziere die gewohnten Bedürfnisse erlangen konnten, denn so einfach, ja armselig, wie der Bosnier sein Dasein fristet, konnte ein Kulturmensch nicht leben. Im Lande war nichts Rechtes zu haben. Aus vielen armen, aber unternehmenden Schluckern wurden binnen kurzem steinreiche Leute, denn die einheimischen Christen und Türken, gewohnt, daß ihnen die Paschas des Sultans alles schuldig blieben, wagten es anfangs nicht, sich an Lieferungen usw. zu beteiligen, eine gleiche Mißwirtschaft fürchtend. Heute sind die Spaniolen auch schon ein entsprechend einflußreiches Element geworden, das eine Rolle zu spielen berufen ist, trotz seiner kaum 6000 starken Seelenzahl. Betrachten wir das Äußere dieser Menschen, so stechen folgende Rasseneigentümlichkeiten in die Augen. Große Gestalten sind selten, der semitische Typus ist in vielen Fällen kaum zu erkennen. Die Haltung ist männlich, das Auge hat nicht jenen, oft scheuen, durch Jahrhunderte währende Knechtung erzeugten Blick des Goluth- Juden, sondern ist meist durchdringend kühn, seine Farbe meist braun, selten schwarz, fast nie blau. Der Haarwuchs ist schwarz, 1*