Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 40 (28.9.1909)
- Date
- 1909-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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862 DIEE^ELT No. 40 schiedener Gattungen und eine Unzahl Feldblumen wachsen schon im Januar und Februar. Im Spätsommer ist das Land in der Regel verbrannt und kahl, aber durch Bewässerung kann man immer Blumen treiben. Von den Getreideernten kommt zunächst die Gerste, dann der Weizen, — vor dem Wochenfest im April-Mai. Im Juli-August findet die Weinlese statt. Für den Spätsommer, Augüst und zum Teil September, bleiben noch: Dura, Tomaten, Datteln (in den Bojaren bei Jaffa), Granate (sehr viel in Rosch-Pinah), Tomaten, Melonen und der Sesam, der noch im September grün ist. So ist der Oktober, die Zeit des Laubhüttenfestes, verhältnismäßig der Zeitpunkt, an dem sowohl der klassische Landmarin des alten Kanaan wie der jetzige jüdische Kolonist Palästinas auf ein Arbeitsjahr zurückschauen kann. Mit Ausnahme bewässerter Gemüse- und Blumenbeete ist es jetzt mit dem Wachstum aus, die Schlußrechnung der Gewinne und der Verluste kann gemacht werden, und wenn je, so ist es jetzt die Zeit, in welcher der biedere Landmann sich ohne weitläufige Allegorien der Freude am Dasein hingeben kann. Er hat keine plumpe Affektion, sein Geist ist von Art und Beschaffenheit so herzlich gewöhnlich wie nur möglich. Er hat schon nichts zu überwinden und keinen Kampf zu bestehen. Was das Jahr ihm gebracht hat, das weiß er schon, denn er hat bereits von „Scheune und Kelter" gesammelt. Er freut sich über den Ertrag, wenigstens über die geleistete Arbeit, die eine noch größere Genugtuung bietet; er schmückt seine Laube (Neh. VIII, 17—18) mit dem Schönsten, was die Jahreszeit in Palästina noch bietet: Palmenzweig, Essrog, Myrte, Weide, und wenn sein Herz ein Sehnen erfüllt, ein Sehnen für die allernächste Zukunft, so ist es die Hoffnung auf einen günstigen Frühregen. So ist das Laubhüttenfest von Anfang bis Ende keine Bacchanalie, sondern eine Idylle. Es ist der Reflex eines . gewissen Lebens, namentlich des Lebens des jüdischen Volkes in Palästina. Es hat insofern noch einen religiösen Charakter, als sich alles jenem höchsten Verhältnis unterordnet, welches der jüdische Genius zwischen Mensch, Volk und Gott geschaffen hat, aber Kraft und Saft und Duft schöpft dieses Fest unmittelbar von palästinensischem Boden. Kein Wahngebilde, kein Märchen aus fernem Lande, — es ist wahr wie die Wahrheit. Die Laube ist eine wirkliche Laube, der Strauß wurde im Lande gepflückt, und es wird um den Regen gefleht, den das Land nötig hat. Der Festesstrauß! DieMyrte! Wieviel palästinensischjüdische Poesie umfließt diese holde Pflanze! Kenntnis und Liebe der Myrte sind alt. Wir dürfen glauben, so alt wie der Mensch selbst. Die Myrte ist mit dem Menschen auf der Erde erschienen, und ihre volle duftige Blüte ist ihm sicherlich nicht lange entgangen. Ihr edler Reiz zog gewiß sehr bald die Aufmerksamkeit des Urmenschen auf sich, und der Zögling der Natur riß sie sich gewiß gerne vom Stamm zur Befriedigung seines flüchtigen Gelüstes. Der Mensch erhob sich in mühseliger Arbeit auf eine höhere Stufe, und die Myrte blieb ihm blühend auch hier zur Seite. Aber nun sprach schon etwas Höheres, eine edlere Schönheit in ihr als der sinnliche Reiz zu seinem Auge und seinem Gemüte, er empfand in ihrem Anblick höhere Lust, als ihm das Einsaugen ihres Wohlgeruchs einst gewährt hatte, — die ästhetische Regung begann sich aus der egoistischen Empfindung loszuringen. Dies Verhältnis treffen wir schon im jüdischen Altertum an. Palästina war schon im Altertum ein Land, wo eine Fülle der herrlichsten Pflanzen und Blumen duftete und aufs innigste ins Leben des Menschen verflochten war. Die Naturliebe senkte tief ihre Wurzeln, auch in die menschliche Liebe klang schon das Blumenmotiv hinein (Hohel. IV, 13—14), aber nie wartete diese ideale Freude an Schönem in ein Schwelgen aus: man kannte keine bekränzten Becher, keine bekränzten Tänzerinnen, keine Trunkenen, auf Blüten sich wälzend und in der Fülle der Düfte erstickend. Die Schönheit wurde nie mißbraucht und durch einen gewissen Sinnestaumel entweiht. Ja, der Gegensatz gegen das Heidentum blieb nicht aus, und auch die unschuldige Naturfreudigkeit hatte darunter zu leiden. Der Asketismus einer visionären Weltanschauung drang unaufhaltsam vor, das Leben wurde von einem schwärmerischen Mystizismus ergriffen, und man begann nur das Innerliche zu schauen. Da wurde alles zum Sinnbild, zur Idee, zur Andeutung irgend einer Erinnerung. Aber der freundlichere Naturgeist ließ sich nicht überwinden; er erschien immer wieder und schmückte sich mit dem Reiz und der Anmut der Pflanzenwelt. Der Ritus erfordert für die Feier den Palmenzweig, einen Myrtenast, die Bachweiden und vor allem die Frucht des prächtigen Baumes, um „sich vor Gott zu freuen". Der weltfremde Mensch würde sagen, man könne sich auch ohne diese Anzeichen „vor Gott freuen", es genügt irgendein Impuls zur Freude; der Allerweltsmensch würde sagen: es ist ganz gleich, welche Pflanzen, es kann ebenso gut ein Fichtenzweig und eine Ananas sein. Die Thora schreibt aber etwas ganz Bestimmtes vor, und sie sagt uns hierdurch ganz schlicht, wie sehr sie an Palästina hängt. Wir „freuen uns vor Gott", wenn wir, die Pracht der Palästinapflanzen anschauend, ehrerbietig genießen. Die Segensformel und der Ritus, — sie sind ein abgeklärter erquicklicher Naturgenuß, d. h. der Genuß einer ganz bestimmten Natur, der Natur unserer alten Heimat. Der Palmenzweig! Noch inniger als ins äußere Leben zeigt sich die Palme mit ihrer Schönheit ins Innere, in unsere Vorstellungen und Gefühle verwoben, und Sprache und Phantasie sind ganz erfüllt von ihrem Bilde. Was will nicht alles durch die Palme vorgestellt, mit ihr gedacht und gedichtet werden? Der Jugend und Schönheit gehört sie an, sie ist der blühende Herold der Liebe, eine Prophetin der Lust und der Wonnen des Lebens, des Ruhmes und der Ehre. Was ist sie nicht? Und in allen diesen Beziehungen sind Poesie und Kunst, Sprache und natürliches Gefühl, kurzum das ganze Menschengemüt vom Palmenbilde durchdrungen. Den Essrog kennen wir weniger, aber er ist auch wirklich eine herrliche Frucht, besonders wenn wir wissen, daß er aus Palästina kommt. Seelenvoll spricht auch die Bachweide, und sie dringt gar nicht anders wie als Symbol in unser Gemüt. Wir brauchen aber nicht in Pflanzensymbolik zu verfallen. Nichts ist für die uns im Goluth angewohnte Askese, Grübelei und Naturentfremdung verführerischer als die Allegorie. Dazu ist dieses Fest nicht geschaffen. Es soHl unsere Beziehungen zum natürlichen Leben in Palästina, zu seinem Frohsinn, zu seinem Lenz und zu seiner Fülle wachhalten. Anders begreifen wir nicht, wie wir das Gebot der Bibel: „und ihr sollt euch vor Gott 'freuen" erfüllen können. Unsere Vorfahren versammelten sich an diesem Fest in Jerusalem, in und um den Tempel und mit den schönsten Zierpflanzen