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Die Welt · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · page 23

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 23)
Language
German
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um auf Grund des Diploms das Wohnreeht zu erwerben und ungestört einer andern Tätigkeit, wie z. B. dem Privatlehrerberufe, nachgehen zu können! Jetzt wird die hohe Polizei allen jüdischen Zahnärzten rücksichtslos zurufen: Schuster, bleib bei deinem Leisten! ganz gleich, ob sie nun ihr Auskommen dabei finden oder daran zugrunde gehen. Und das schlimmste an dieser Erscheinung ist die Kontrolle, die die russische Polizei von jetzt ab über die berufliche Tätigkeit von Zehntausenden ausüben soll. Bislang war die Obrigkeit außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons angewiesen, ihre Argusaugen auf die sozusagen bevorrechteten jüdischen Handwerker zu richten, ob sie nicht noch Nebenarbeiten ausführten. Diese obrigkeitliche Mission hat den Handwerkern, auch denen, die das Gesetz einwandfrei auf ihrer Seite hatten, unendliche Schikanen in* Sachen des Wohnrechts und der Polizei reichliche Einkünfte verschafft. Jetzt sollen auch andere privilegierte Kategorien, wie z. B. die zu zeitweiligem Aufenthalt außerhalb des Territorialghettos zugelassenen Angestellten von Kaufleuten erster Gilde, kontrolliert werden, ob sie nur den Geschäften ihrer Prinzipale nachgingen oder Allotria treiben, Bibliotheken besuchen, schriftstellerisch sich betätigen u. dergl. mehr. Beim geringsten Verdacht, daß die Handelsfirma, und sei es auch nur zu' vorübergehendem Aufenthalt, als Deckmantel benutzt werde, sollen! die Schuldigen sofort abgeschoben werden. Überhaupt hat die Polizei die blinde Rücksichtslosigkeit gegenüber den Juden bei der. Durchführung aller unzähligen Beschränkungen zum Prinzip erhoben. Seit zwei Dezennien lastet über den russischen Juden ein seinem Charakter nach vorsintflutliches Gesetz, wonach die Verwandten eines jeden von ihnen, der sich der Wehrpflicht entzogen hat, mit der Strafe von 300 Rubeln zu belegen sind. Der unschuldigste und notleidendste Jude wird seiner letzten Habseligkeiten beraubt, wenn jemand aus seiner Familie vor Erreichung des militärischen Alters auswandert und sich nicht rechtzeitig zum Heeresdienst meldet. Mit Hilfe eines solchen Gesetzes hat der Fiskus insbesondere nach den großen Auswanderungsjahren aus der ärmsten jüdischen Masse viele Millionen herausgepreßt. Nie ist jedoch auch auf diesem Gebiet mit größerer Härte verfahren worden wie im laufenden Jahre. Neulich wußte sogar die Presse aus Lodz über einen Fall zu melden, in dem die schlecht informierte Obrigkeit bei den Eltern eines Einjährig-Freiwilligen die Strafsumme eintreibt und dabei die Adresse der zu Bestrafenden nur vom angeblich-flüchtigen, in Wirklichkeit, wie gesagt, dienenden Sohn zu erfahren vermag. Und selbst diese Kuriosität ist nichts Neues und hat irn Leben der russischen Judenheit nicht wenige Analogien aufzuweisen. Trotzdem so die nur zum Teil charakterisierten Schläge tagtäglich auf die russischen Juden mit aller Gewalt niedersausen, hetzt gerade jetzt die gesamte reaktionäre Presse mit einer Wut, daß man glauben müßte, das Schicksal Rußlands sei nur von der Bedrückung der Juden abhängig. Keine Nummer dieser echtrussischen Blätter ohne spaltenlange Ausführungen antisemitischsten Kalibers! Überall Juden, Juden und nur Juden! Als ob die Welt voller Juden wäre! Als dann die Beschränktheiten und Banalitäten über dieses Thema gar zu schal wurden, bot ihnen eine „sensationelle" Mitteilung einen besonders günstigen Stoff. Danach hieß es, daß der Premier eine jüdische Deputation empfangen und ihr einige Erleichterungen in Aussicht gestellt hätte, falls die jüdische Jugend von jeglichen revolutionären Bestrebungen sich lossagen sollte. Da entbrannte erst der Kampf gegen die Juden auf der ganzen reaktionären Linie. Zwar erklärte das offizielle Informationsbureau mit großer Hast die welterschütternde Nachricht als erfunden, aber die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß Stolypin „privatim" gegenüber einer jüdischen Abordnung die ketzerischen Ansichten, übrigens nur einen Abklatsch von Plehwes wiederholten Erklärungen, geäußert hat. Der erwünschte Anlaß ist also geblieben. Wie? Wenn die Juden in ihrer politischen Betätigung sich „bessern" sollten, würden ihre Beschränkungen gemildert werden? Ein Jude kann sich nicht bessern, darf sich nicht bessern! also schreit der tonangebende Verkünder des „Rußland für die Russen", der berüchtigte Menschikow, und mit mehr Gift und weniger Redensarten schreiben es die andern nach. Ströme von Tinte ergießen sich gegen die Juden, und diese wissen es nur zu genau, daß die echtrussischen Ströme von Tinte in Rußland nur gar zu leicht in Ströme von Elendstränen und Blut sich verwandeln können. Ungemein groß ist darum die Unruhe, die sich der gesamten russischen Judenheit bemächtigt hat. Denn die sich um sie immer düsterer verdichtenden Wolken durchdringt nicht ein einziger Lichtstrahl. Eine Regierungserklärung zum Herzensteinprozeß Der „Echt-russische Volksverband" hat einen schweren Schlag erhalten, — den schwersten vielleicht seit seiner Gründung, — von dem er sich kaum so leicht erholen dürfte. Bekanntlich haben die Verbändler die größten Anstrengungen gemacht, den Gang des ihnen so gefährlichen Herzensteinprozesses aufzuhalten und den Prozeß dem finnländischen Gericht zu entziehen und vor ein russisches Gericht zn bringen. Eine offizielle Regierungserklärung gibt nun von einem Allerhöchsten Erlaß Kenntnis, wonach dem finnländischen Gericht die gesetzliche Befugnis zusteht, für jedes in F.nnland begangene Verbrechen Angeklagte aus dem ganzen russischen Reich vor sein Forum zu stellen. Danach wird auch der Vorsitzende des Russischen Verbandes, Dr. Dubrowin, der Hauptakteur im Herzensteinprozeß, sich dem finnländischen Gericht stellen müssen. Amerika Hebräisch in Amerika Hier ist eine neue hebräische Vereinigung „Achiewer" begründet worden, welche die Verbreitung der hebräischen Sprache unter der jüdischen Jugend sich zur Aufgabe gestellt hat. Ein hebräischer Sprachverein „Mephizei Sephät Eber" besteht hier seit einigen Jahren und entfaltet eine rege Tätigkeit. Für die nächste Zeit plant er die Begründung einer jüdischen Lesehalle und Bibliothek, für welchen Zweck dem Verein bereits einige Tausend Dollar zur Verfügung stehen. Überhaupt ist hier, namentlich unter den aus Osteuropa eingewanderten Juden, ein reges Interesse für die hebräische Sprache und Literatur zu bemerken. So erfreut sich das hier seit kurzem erscheinende hebräische Tageblatt "Hajom,, eines großen Zuspruchs. Der „Hajom" ist die erste hebräische tägliche Leitung in Amerika. Das jüdische Theater in New-York Der „Frankfurter Zeitung" wird aus New-York geschrieben: Die jüdische Theatersaison beginnt mit einer Sensation. Herr Jakob Adler, wohl der hervorragendste Jargon-Schauspieler und Direktor des jüdischen Theaters, hat sich entschlossen, nicht mehr in „jiddischen" Stücken aufzutreten und auch kein Theater mehr zu leiten,, in dem im Jargon gespielt wird. Er erklärt, die Forderungen der Schauspieler-Union, hinter der die Theaterarbeiter aller Art und auch die Musiker stehen, machten es ihm unmöglich, noch länger auf der Ostseite New-Yorks aufzutreten. Der jüdische Schauspieler- Verband hat nämlich die Arbeitslosenfrage in sehr einfacher, allerdings für die „Managers" kostspieligen Weise gelöst. Diejenigen Thespiskarrenschieber, die bis zum Beginn der Saison noch nicht engagiert sind, werden einfach pro rata der von jedem Direktor beschäftigten Kräfte den einzelnen Theatern zugewiesen. Diesen Herren müssen die Direktoren dann die Minimumgage zahlen, ganz gleich, ob Verwendung für die Mimen gefunden werden kann oder nicht. Die Herren Direkoren wollen nicht? Gut, dann gibts Streik, Skandal, Boykott usw. Vielleicht, daß die Union, wenn sie sieht, daß Herr Adler Ernst macht, noch um gut Wetter bittet. Viel Aussicht dazu besteht aber nicht, namentlich auch deshalb nicht, weil gestern Abend zwei andere jüdische Theaterleiter sich den Forderungen der Union gefügt und ihre Saison begonnen haben. Herr Adler wird voraussichtlich in einigen seiner Glanzrollen in englischen Theatern auftreten, wie auch seine Gattin, Frau Sarah Adler, an der die jüdische Kunst eine hervorragende Kraft verliert. Türkei Eine jüdische Abteilung im „Courrier d'Orient" Aus Konstantinopel wird der „N. J. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Das angesehene hiesiege Tageblatt „Courrier d'Orient" hat eine besondere Rubrik „Aus dem jüdischen Lebeu,, eingeführt, worin einige Male wöchentlich die wichtigeren Ereignisse und Vorgänge aus dem jüdischen Leben mitgeteilt werden. Eine neue Kolonie in Palästina In Jerusalem fand kürzlich eine Versammlung palästinensischer Misrachisten statt, an der aschkenasische, sephardische, grusinische und jemenitische Juden teilnahmen. Die Versammlung beschloß, am Jaffaer Weg eine neue Kolonie zu.gründen, die aus 5000 Dunam Land bestehen solle. Ein Grusinier erklärte sich bereit, für sich allein 800 Dunam Land zu kaufen. Elektrische Beleuchtung in Damaskus. Eine belgische Gesellschaft hat es gesagt, in Damaskus eine elektrische Leitung für Beleuchtung und Bahnbetrieb^einzurichten. Das Unternehmen, das anfangs schwer unter dem Übelwollen der Bevölkerung zu leiden hatte, ist jetzt, wie der „Deutschen

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