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Die Welt · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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846 DIE3MELT No. 38 und das Leben selbst für das opfern, woran der Held glaubt. Derjenige, der ohne zu murren auf dem Scheiterhaufen stirbt, ist nicht immer ein Held, sondern oft — ein feiger Sklave. . . . Nur^ für Augenblicke loderte der Geist der Makkabäer auf. Es gab einen Bar Kochba, es gab einen Alroy. Das sind sie, unsere Sämänner, die mit ihrer Brust den Volksacker aufgewühlt, den Samen der nationalen Freiheit, des Lebens, des Glücks des Volkes gesät haben! .. . Sie gingen fort, die Sämänner. . . Und alles erstarrte in Sklaverei. . . . .. „Der Wind bringt ihnen die traurige Antwort: Euer Sämann hat keine Kraft! ..." „Das ist eine Lüge!" schrie Steinberg auf, der die letzten Worte hörte. . . Unsere Säleute haben Kraft, sie sind stark! Es vergeht kein Tag, nein, keine Stunde, in der sich nicht die Macht des jüdischen Geistes und Gedankens offenbarte. Aber . . . nicht dem einsamen Streifen, nicht dem Volksacker kommen diese Kräfte zugute. . . Fremden Feldern, fremden geputzten Äckern dient der Sämann. . . Da sind sie, unsere Säleute, die in jenem Zimmer, am Abende des Jomkipur Lieder singen. Da sind sie, diejenigen, die den Acker ihres Volkes besäen könnten und die zu Abtrünnigen geworden sind. . . Die Jugend! Unsere dankbare Jugend! Wer, wenn nicht die Jugend, ist der Träger des Lebens? . . Mögen unsere Greise, die an der Rettung des Volkes durch Menschenhände verzweifelten, die Qualen der Sklaverei durch die Hoffnung auf den Messias und die von ihm zu bringende Befreiung beschwichtigen. . . Aber die Jugend, die nicht glaubende, freidenkende, kühne Jugend! Was tut sie? Was gibt sie dem verzweifelnden Alter, dessen gläubige Hoffnung auf die Errettung durch den Messias sie zerstört? Nichts. Die Sklaverei der Vergangenheit und die Sklaverei der Zukunft! . . O, zu zerstören ist leichter als zu erbauen! . . Aber die letzten Hoffnungen zu zerstören, ohne etwas als Ersatz zu geben, das ist grausam. Und um so grausamer ist dies, wenn dies lebendige, friedliche Rettungswerk soviel Kräfte, die gesamten Kräfte des Volkes fordert! Warum denn, warum gehen sie nicht? . . Warum wollen sie mit der Halsstarrigkeit eines Blinden auch nicht einen Schritt nach dorthin machen, wohin sie die kühnen Seher der Zukunft rufen? . . Muß denn das Recht, auf das Leben bewiesen werden? Ist denn das Leiden nicht unwiderleglich? Sie gehen nicht, sie gehen nicht! Nicht genug. . . Sie werfen denjenigen Steine unter die Füße, die unter der Last der Leiden ihres Volkes zusammenbrechend auf das Ziel seiner Befreiung losgehen! . . Woher diese Verirrung? . . Ist es nur eine Verirrung? Ist nicht ein mit Bewußtsein begangenes Verbrechen, nicht eine furchtbare wissentliche Lüge in dieser Abtrünnigkeit vieler! . . Ja, Abtrünnigkeit! Ach, man muß es ja doch einmal gerade heraus, ohne Umschweife sagen — Abtrünnigkeit! . . Denn das Blut und die Tränen, mit dem sie alle großgezogen sind, auch die, weiche in jenem Zimmer singen, dieses Blut und diese Tränen der jüdischen Mütter und Väter sind für ein Linsengericht verkauft. Nachkommen Esaus! Treue Verehrer ihres Stammvaters! Welche Abstumpfung des verwandtschaftlichen Gefühls! . . Und sogar darin ist Lüge. Sogar in diesem Singen ist mehr Lüge als Wahrheit. . . Am Abende des Jomkipur Lieder singen — o, welcher heroische Beweis seiner vollständigen Lossagung von seiner Nationalität, von seinem Volke. . . Welche Größe der Entsagung! Würdige Nachkommen von Huß! von Galilei! Haha! . . Steinberg lachte krampfhaft auf. . . . „Die Hände, die diese Furchen aufgewühlt, Sind vertrocknet und hängen schlaff herab. ..." sangen jene Stimmen. . . . Steinberg hörte nicht mehr auf die Worte. Aber jeder Ton des Liedes drückte ihn wie ein Stein. ... Er konnte diese Gegenüberstellung nicht los werden. Jomkipur, der Tag der nationalen Zerknirschung, das herzzerreißende Kol-nidrei und daneben „der nicht abgemähte Feldstreifen', von jüdischen Stimmengesungen... Nicht der Gott der Juden ist beleidigt! Nicht das religiöse Symbol ist beschimpft, sondern das nationale. Für den Juden hat das Gebet schon seit lange aufgehört, nur der Ausdruck des religiösen Gefühls zu sein, und nicht auch vornehmlich der des nationalen. ... In jedem Laute von „Kol-nidrei" spricht sich vielleicht noch mehr irdisches, menschlich-jüdisches Klagen aus als religiöse Begeisterung. ... Es ist das unvermeidlich für ein Volk, das alles verloren, was es zu einem „Volke" verbindet, außer dem Gebet. . . . Und das Gebet ist vom Himmel auf die Erde herabgestiegen und hat alles irdische Leid des Märtyrervolkes in sich verkörpert. Schmäht nicht dieses Gebet; in ihm schmäht ihr das Leiden. ... An dem Bette eines Sterbenden Lieder zu singen, — das wird auch ein Feind nicht fertig bringen. Dazu bedarf es der vollständigen Atrophie der Empfänglichkeit für das Leiden. .. . Mein Gott, wie ist doch in ihnen das nationale Gefühl erstickt! ... Steinberg wollte bei diesen Gedanken weinen. . . Die letzten Töne des Liedes erstarben. Man hörte: in abgerissenen Lauten das Geräuch der jungen Stimmen, die über irgend etwas stritten. Und plötzlich brach eine unaufhaltsame, ungestüme jugendliche Lustigkeit durch, die in der Luft bebte und hüpfte. ... Mit Füßestampfen und mit Klopfen stimmte die Gesellschaft ein ausgelassenes kleinrussisches Lied an. Steinberg sprang auf, er war starr. ... „Wie abscheulich!..... Das ist eine durch nichts mehr zu rechtfertigende Gemeinheit! ... Frl. Rochlin und Chaimowitz wissen doch, daß hier hinter der Wand Leute sind, die nicht so fühlen wie sie. — Was soll das bedeuten? Wollen sie großtun mit ihrer Rücksichtslosigkeit gegen fremde Stimmungen? 0, wie abscheulich!" Die Stimmen sangen ausgelassen weiter. Steinberg schnellte von seinem Sitze empor wie ein Rasender und stürzte zur Nachbarin . . Er lief durch den Flur und — blieb plötzlich vor der Tür ihres Zimmers stehen ... Mit einem Schlage zeichnete ihm seine Phantasie ein Bild. Ein rauchiges Zimmer. . . Rings herum saß die junge Gesellschaft . Eine kochende Teemaschine, nicht ganz geleerte Gläser, ein mit Brotkrumen beschüttetes und mit Tee begossenes Tischtuch, Zigarettenstümpfe in den Schalen und auf dem Fußboden die gewöhnliche sorglose, unordentliche, einst auch ihm so liebe Studentenboheme. . . Die Gesichter tragen den Ausdruck der ungestümsten Lebensfreude, einen gesunden, jungen, aufrichtigen Egoismus ... Steinberg sah deutlich diese ihm wohlbekannten Gesichter. Alles, was ihm auf der Seele brannte, erlosch in einem Augenblick. . , . Der Schrei des Unwillens, den er ihnen entgegenschieudern wollte, erstarb ihm auf den Lippen . . . Er fühlte sich machtlos. Sich empören? Vorwürfe machen? Unnütz! . . . — fuhr es ihm blitzartig durch den Kopf. . . — Streiten? Überzeugen? Unmöglich! . . . Zwecklos! . . . Das nationale Gefühl ist in ihnen atrophiert! Es is.t.nicht vorhanden ... Es einzuimpfen ist unmöglich! Ein Geschlecfit von Sklaven! — Aussterben, aussterben müssen sie!... Vierzig Jahre in der Wüste umherziehen, — aber möge unser ganzes stumpfsinniges, sklavisches, kraftloses Geschlecht aussterben! Und möge auf unsern Gebeinen ein freier, auf sich stolzer Judäer erwachsen! ... Er wird in das gelobte Land einziehen. Die Tür nach dem Flur wurde aufgeschlagen . . . Der Wind drang hinein und man hörte, auf der Straße leise Stimmen. Die Familie Steinberg trat ein, die vom Beten zurückkam. Der Vater begrüßte seinen Sohn und wünschte ihm leise und traurig einen guten Feiertag. Auch Mutter und Geschwister begrüßten ihn. Steinberg konnte nur mit Mühe ihren Gruß erwidern. — „Nun, wie fühlst du dich?" — wandte sich der Vater an ihn. — „Besser", — log der Sohn. — „Nun, Gott sei Dank! Aber wir haben in diesem Jahre einen guten Kantor. Kol-nidrei kam großartig heraus. Das war mit Gefühl, mit Seele gesungen! Ünd — weißt du . . . Er sprach nicht zu Ende. Aus dem benachbarten Zimmer ertönte wieder ein lustiger Stirnmenchor. Alle waren betroffen. — „Was ist das?" — sagte der Vater — „Wohl bei Fräulein Rochlin. Das ist nicht recht!" . . . Traurig und vorwurfsvoll schüttelte er den Kopf. — „Das übersteigt al'e Grenzen!" ereiferte sich die Mutter! — „Ich werde ihnen sagen lassen, daß man am Jomkipur nicht Lieder singen darf. Das ist eine Sünde, eine große Sünde! ..." „Laß sie", sagte der Vater. — „Was für uns Sünde ist, das ist für sie ein gutes Werk! Wir werden uns mit ihnen nicht verstehen. Mögen sie auf ihre Art leben! ..." „Pfui, welche Schande!" — sagte die Mutter und setzte seufzend hinzu: „Mir tun ihre Väter und Mütter leid!" „Und mir tun ihre Kinder leid!" — sagte der Vater und fragte seinen Sohn: „Singen sie den ganzen Abend so? Aber was fehlt dir? Du siehst ja schrecklich aus! ..." „Ich fühle mich unwohl!" antwortete Steinberg. ,.Ich werde gehen, ich werde mich hinlegen . . . Gute Nacht! ..." Er schwankte in sein Zimmer und warf sich aufs Sofa. „Ein Geschlecht von Sklaven! . . . Aussterben ... Ein Geschlecht von Sklaven!" . . . flüsterten seine Lippen . . . Wer ist schlimmer? Die Fremden voll Haß oder die Unsrigen voll Gleichgültigkeit? . . . Wer ist verbrecherischer? . . . Aussterben! .. Die Familie, der frühes Aufstehen und Fasten bevorstand, begab sich zur Ruhe. . . . Die Kerzen brannten zu Ende und erloschen eine nach der andern . . . Ihre Flämmchea flackerten auf, flimmerten, rangen mit dem Tode und starben. Hinter dem Fenster heulte der Wind und plätscherte der Regen.... Im Zimmer hörte man das sanfte Schnarchen der augenblicklich eingeschlafenen Kinder, das kurze stoßweise Husten des Vaters und das tiefe Seufzen der Mutter. ... 1 Bei der Nachbarin, Fräulein Rochlin, stimmte man ein neues Lied an.....

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