Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben, von rieüem reifen Früchte; die sie hingeben werden, wenn es nötig sein wird. Dieser ewige Kreislauf ist das Leben! Aber seine Früchte; sin d nicht abgeschnitten. Alle von ihm aufgespeicherten Schätze gehen zwecklös zugrunde und ersticken die in ihm keimenden neuen;Kräfte,! Und ihr Schmuck wird verwelken. Die reifen Ähren werden vertrocknen. Die Körner voller Lebenskraft werden vom Winde fortgeweht werden/ Und wenn der alles belebende Frühling kommen wird, dann werden seine Gefährten von neuem voll Leben und Schönheit sein, aber er,4 von den verwesenden Leichnamen der von seinem Safte genährten Früchte bedeckt, wird tot sein!... Verlassen von dem Ackersmann, von den gleichgültigen Gefährten vergessen, ist er tot!-.. / „Mein Gott!" schrie Steinberg auf —, dieser zurückgebliebene Streifen. ... Das sind " ja " wir Juden!... Ein nicht abgemähter Streifen. ..;;K ■ Wir sind ein nicht abgemähter Streifen inmitten der Völker!... So wie er, so erwecken auch wir traurige Gedanken.. . In dem ewig sich erneuerndenXeb'ensprozesse der Völker stehen wir allein einsam mit allen Reichtümern, die in uns verborgen sind. . . Wir haben alles hingegeben, was wir hatten. ... Aber die Ähren reifen in jedem Frühlinge. .. . Auch in uns reifen neue Kräfte, neue Früchte. Und wir sind tot. ... Alles lebt, aber wir sind tot. Einsam auf der Welt, - wie dieser zurückgebliebene Streifen auf dem großen Felde, sind wir wie er aus der üblichen Ordnung des Lebens ausgestoßen. .. . Auch die in uns reifenden Früchte faulen in uns und ersticken die neuen Sprößlinge. . . „.'•■.Es scheint, die'Ähren flüstern untereinander: „Es ist hart, den Herbststurm anzuhören, Hart, uns dicht bis zur Erde .zu neigen, Die reifen Körner im Staube zu badend .. Es klingt wie Weinen. Voll Wehmut ertönen die jungen Stimmen. ...... Steinberg fängt jetzt begierig die Worte des schwermütigen Liedes auf. „Ja, ja ... Es ist hart, sich bis zur Erde zu neigen, die reifen Körner im Staube zu baden." .... Mein Gott! Die reifen Körner! Wie viele gereifte Körner sind in uns! . . . Wie viele Kräfte sind in den Ungeheuern Saatfeldern unseres Volkes verborgen! Warum gehen diese Kräfte fruchtlos zugrunde? Warum baden die reifen Körner unsere Ähren uneingesammelt im Staube? .....Uns verheeren in jeder Nacht Scharen Von allen möglichen gefräßigen Zugvögeln, Der Hase tritt uns mit Füßen und der Sturm peitscht uns". „Eine Antwort!" — stöhnte Steinberg. — Da ist sie, die Antwort! . .. „Uns verheeren in jeder Nacht Scharen aller möglichen gefräßigen Zugvögel, der Hase tritt uns mit Füßen und der Sturm peitscht uns." . . . Wie ist das richtig! Mein Gott, wie ist das richtig! — seufzte er, indem er sich an den Kopf schlug —, der Hase zertritt uns." . . . Ja, uns hat man zertreten! Zweitausend Jahre hat man uns mit Füßen getreten . . . Rom, Spanien, Deutschland, Rumänien — Europa, die Welt, die ganze Welt hat uns zweitausend Jahre mit Füßen getreten! ... Und sie haben unsere Seele, unsere Gedanken, unsern freien Willen niedergetreten . . . Was können wir geben? Ein Sklave kann nichts schaffen! Alles Denken, alles Fühlen, das ganze Leben konzentrieren sich nur auf eines: sich auf der Erde zu behaupten, das Leben zu retten . . . . Die Unterwürfigkeit tötet in ihm den Willen, die Furcht, — den Wunsch, die Verzweiflung, — den Glauben . . . Erfinderisch in Mitteln, um sein Leben vor den beständigen Anschlägen zu retten, wird er stumpf in der schöpferischen Arbeit des freien Gedankens. O, diese Furcht um das tLeben! . . . Jeden Tag, jeden Augenblick, — zweitausend Jahre hindurch! Ein tierischer Durst nach Leben und eine tierische Angst vor dem Tode! . . . Der Mensch ist ertötet! Die Seele, die Gedanken sind herausgerissen . . . Und es bleibt nur der Instinkt zurück, nur das unbewußte, stumpfe, zähe Festhalten am Leben, welches es auch sei . . . Und alle leben! In dem betäubenden Strudel des Lebens, der Völker, sind nur wir tot, wir, der nicht abgemähte Streifen auf dem Felde . . . Abgestumpft, kraftlos, uns nicht getrauend, die in uns keimenden Kräfte frei zu entfalten, ohne Licht und Luft gehen wir in Fäulnis über wie die Ähren auf dem nicht abgemähten Feldstreifen ... Schutzlos neigen wir uns dicht bis zur Erde, baden die reifen Körner unseres Ackers im Staube . . . Und . . . der Hase zertritt uns und der Sturm peitscht uns." ... „. . . „Wo ist unser Ackersmann, worauf wartet er noch?" . . . ließ sich das qualvoll-klagende Ächzen des Liedes vernehmen . . . — „Unser Ackersmann? Wo ist unser Ackersmann? Worauf wartet er? Warum kommt er nicht die Ernte von dem Acker unseres Volkes einsammeln? Mögen immer die Ähren verfaulen, mag in uns Entkräfteten, Halbtoten auch das Leben erlöschen. Aber tief im Schöße des Saatfeldes des Volkes sind lebendige Säfte, sttidnviele gesunde Körner verborgen. Möge der Ackersmann diese Körner auflesen und mit ihnen den neuen Acker der künftigen Generationen besäen. Und neue Triebe/werden aus der Erde erstehen aus dem Moder der verfaulten Ähren, und sie werden erstehen voll Leben und Kraft, voll reicher Früchte . . . Aber wo ist unser Ackersmann? Worauf wartet er?" „. . . Oder sind wir schlechter als die andern gewachsen? Oder haben wir nicht ebenso geblüht, Ähren getragen?", tönt das Lied aus dem benachbarten Zimmer ... — „Nein, dreimal nein!" — antwortet Steinberg mit einem schmerzlichen Aufschrei, und als wollten sie ihm in seinem leidenschaftlichen Ausbruche Recht geben, — schreien ihm die Töne des schwermütigen Liedes zu: „. . . Nein, wir sind nicht schlechter als die andern, — und lange schon ist in uns das Korn gereift! ..." — „Ja, es ist gereift! . . . Lange ... 0, seit wie lange schon ist in uns das Korn gereift! Vor Jahrtausenden ... Die Welt war ein Kind, als wir Gott erkannten . . . Die Völker, die uns unterjocht, waren noch nicht geboren, als wir, <frei und stark, ein Reich errichteten auf den Geboten der Gleichheit; der Brüderlichkeit und der Liebe. Unser David sang begeisterte Psalmen, unser Salomon hielt ein, weises und gerechtes Gericht, ab vor dem versammelten Volke! Wir gaben der Welt den Tempel des Glaubens und des schöpferischen Gedankens, und vor dem. Altäre des Einzigen Gottes beugten ihre. Knie sowohl der Judäer als auch der Fremde, der ihn zu erkennen wünschte. Bei uns war der Sänger Richter und. der Hirt König. Der Spaten und der Hammer ersetzten uns das Schwert, und die Streitaxt und unsere Waffen wurden nur von dem Blute de^er gerötet, die die Hand gegen unsere Freiheit erhoben und gegen den Gott, den wir der Welt gegeben. Nicht auf der Spitze des Schwertes brachten wir der Welt Wahrheit, Gleichheit, Nächstenliebe. Die Halbgötter, — die Propheten, lebten unter uns und säten wie arbeitsame Ackersleute die Saaten der Vernunft und des Guten nicht nur auf dem heimatlichen Acker. Die zehn Gebote! Wer kann uns die zehn Gebote nehmen. Wo war das Gebot der Nächstenliebe, den zehnten Teil der Ernte, der auf dem Felde für die Armen zurückbleiben muß, die Gleichheit zwischen Herr und Diener? Wir hatten keine Sklaven. Wir waren frei, wir schufen nicht Sklaven! 0, vor langer, langer Zeit schon ist in uns das Korn gereift, das jetzt ohne Licht und Luft verfault, vermodert." Schneller als der Blitz drängte sich Gedanke auf Gedanke in dem brennenden Gehirn Steinbergs. Die Töne des Liedes hinter der Wand brannten ihm, und jedes Wort schien ihm wunderbar auf das Judentum anwendbar und bohrte sich wie ein Messer in seine Seele. Und das Lied klang immer schwermütig weiter, voll stiller, bestrickender Wehmut. Steinberg lauschte gierig, mit gespannter Aufmerksamkeit, voll Furcht, auch nur ein Wort zu verlieren, gleichsam als sei in diesen Worten eine Offenbarung. Und indem er jedem Wort eine analoge Deutung gab, empfand er einen krankhaften Genuß . . . Der Chor der Stimmen wurde nicht still. „. . . Er hat doch nicht dazu gepflügt und gesät, Daß uns der Wind über die Steppe zerstreue." —„Zerstreue". . . Der Wind hat zerstreut. ... Ja, ... der Orkan der Verfolgungen hat uns über die Welt zerstreut. . . . Wir haben keine Sklaven geschaffen, — uns hat man zu Sklaven gemacht. Aber auch in der Sklaverei fuhren wir fort zu säen auf fremdem Boden. .. O, ungeheuerliche Geschichte eines Volkes! . . . Überall, wohin uns das Leben auch nur für einen Augenblick geschleudert, streuen wir mit vollen Händen in die Welt den Samen des kritischen Verstandes, des wissenschaftlichen Gedankens, der Moral, der politischen Ideale, der praktischen Werte. Des eigenen politischen Lebens beraubt, nährten, befestigten, schufen wir die nationale und staatliche Macht der andern Völker. Wir gaben alles hin, was wir hatten. Man nahm uns alles, was man wollte, . . . alles, — sogar das Leben. . . Und ohne Murren, ohne Widerstreben, voll Unterwürfigkeit gegen Gott, mit Verzeihung gegen unsere Peiniger, nahmen wir die Qualen hin als etwas uns Zukommendes, aber als etwas fatal Unvermeidliches. .. . . . Aber das besiegte Volk, das nicht die Kraft besaß, das Schwert gegen seine Unterdrücker zu erheben, das politisch gestorben war, wollte nicht auch geistig sterben. . . Es scharte sich um seine Fahne, das prophetische Buch seines Gottes, und indem Israel dies fest an seine Brust drückte, verwuchs es mit ihm und wurde eins . . . Und nichts konnte Israel von diesem Buche losreißen: mit ihm trat es ins Leben, mit ihm bestieg es den Scheiterhaufen, das Schaffot. . . Die Nachkommen Abrahams führten die Judäer, gehorsam wie er, ihre Söhne und Töchter zum Qpfertode. . . . Wahnsinn! Wahnsinn! Sie verstanden nicht ihren Qpft! Nicht das Opfer der Unterwerfung forderte er von Abraham! ^lcritdie stumpfe, von Furcht geborene Bereitschaft, mit der der Sklave auf das Wort seines Herrn in den Tod geht, sondern das Zeugnis eines großen Geistes, eines mächtigen Willens, die das höchste Kleinod des [Lebens :