Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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844 - . ■•■ -. , IE 3 klagens von Menschen, die vor Gott ihr betrübtes Herz ausschütten, scheinen selbst mit bittere Tränen zu weinen. ... Ko-ol ni-i-dre-ij ... glaubte plötzlich das Ohr Steinbergs den Gesang der Synagoge zu vernehmen. Ko-ol ni-i-dre-ij Die tiefe, zitternde Stimme des Kantors dringt unter dem Leichencuche und Tallith aus dem Herzen hervor und schwebt, sich über die ganze Synagoge ergießend, bis zu ihrer dunklen Wölbung empor. ... Und alle, so viele ihrer nur sind, öffnen ihre Herzen und fangen gierig die heiligen Laute auf. . . . Ko-ol ni-i-dre-ij ... Alle erstarben. ... Es herrschte Stille. . . . Kein Laut. . . . Eine einzige lebende, leise Stimme erfüllte die ganze Synagoge, das ganze Denken, das ganze Fühlen, das ganze Leben dieser Schar von Menschen .. . sie ist ein Klagelaut. Aus ihr spricht eine leise Wehmut. . . . W'e-e-so-o-re-ei.. . . Die Stimme erstarkt, sie schwillt an. Sie weint, sie schluchzt. Ai-ai-ai-ai! . .. schluchzt der Chor. Plötzlich erschüttert ein Strom von Tönen, ein Strom von Schluchzen die Synagoge. Die Worte des Kantors und der Chor verschmelzen zu einem leidenschaftlichen Schmerzensschrei. Was ist darin nicht alles! Stöhnen und Jammern, Lebenshunger und Verzweiflung, Flehen und Herausforderung, Segen, und Fluch und Glauben, ein leidenschaflicher, feuriger Glaube an den jüdischen Gott, an seinen Triumph in der künftigen Zeit! . . . Und alle, so viele ihrer dort sind, vereinigen ihre Seelen in diesem Schmerzensschrei. Er enthält all ihr Denken, all ihr Fühlen, ihr ganzes Sein. Ko-ol-ni-dre-ij . . . Die Töne fluten aufwärts. Das dunkle Synagogengewölbe wirft sie zurück und in rasendem Lauf wirbeln sie in alle Winkel nieder und durchbohren die Herzen der Betenden. Alle sind unbeweglich, wie versteinert, ihre Herzen sind aufgetan und die Töne dringen hinein — Welle auf Welle, und sie schließen sich alle zusammen und drücken wie schwere Steine. ... Und je schwerer das von diesen Tönen erfüllte Herz ist, desto glücklicher ist es. . . . Ko-ol-ni-drei. Hu! . . . heulte der Wind und schlug das Fenster zu. Steinberg fuhr zusammen und taumelte zurück. Zum Fenster schaute die Nacht hinein. Steinberg war von den Gedanken und Empfindungen, die ihn am Fenster überkommen, müde geworden. Er legte sich in seinem Zimmer aufs Sofa. Das Licht der Feiertagskerzen aus dem benachbarten Speisezimmer bildete auf dem Fußboden von der Tür bis zur nächsten Wand einen weißen Streifen. Innen war es dunkel. Steinberg wollte noch weiter denken und konnte es nicht. In seinem Kopfe tönte unaufhörlich das „Kol-nidrei", das seine Phantasie ihm vorgezaubert hatte. Die Stimme des Kantors, der Chor, das dumpfe Geräusch der Betenden, die traurigen Gesichter, die weißen Leichengewänder, die schwarzen Taliisstreifen, die gelben weinenden Lichter mit den gelben Flammen— wirbelten ihm im Kopfe, tanzten ihm vor den Augen. . . : O, dorthin gehen, die durch das Gebet durchgeistigten, vertrauten Gesichter schauen, soweit wie ihm das möglich, die traurige Gebetstimmung durchleben! Die wehmütig zarten und stürmisch traurigen, die Seele niederdrückenden und erhebenden Töne der besten aller Gebetkompositionen, des erhabenen „Kol-nidrei" hören! . . . Und bei diesen ergreifenden Lauten denken, denken, denken. . . . „Es ist spät im Herbst. . . Die Saatkrähen sind davongeflogen. . . Der Wald steht kahl, die Felder sind leer. . . ." Steinberg fuhr auf seinem Sofa auf. Woher kamen diese Töne? Wo sang man das? Er lauschte. . . . „Nur ein kleiner Streifen ist nicht abgemäht, traurige Gedanken erweckt er. . Ja, man sang. . . Ein Chor junger Stimmen ließ leise und harmonisch die schwermutsvollen Klänge des Liedes erschallen. Die Töne kamen von ganz nahe wie von hinter der Wand. . . Steinberg besann sich; das war ja bei ihrer Einwohnerin, der Studentin Rochlin. Dort hatte sich also wieder die Jugend versammelt, die Studenten: Iwanow, Kliamshidski, Scharachidze, Chaimowitz und zwei drei Mädchen verschiedener Abstammung. . . . Eine internationale Gesellscha t von Leuten „ohne Scheidewände." . . . Diese also hatten das schöne Lied angestimmt, ja ja! . . . Steinberglauschte. DieTöne des bekannten Liedes, so schwermütig wie der Herbst, rissen ihn jäh aus seinen Grübelein .... Die ersten Töne des „nicht abgemähten Feldstreifens" verdrängten und verjagten das gewaltige „Kol-nidrei".j Es war, als ob sie ihn mit einem Schlage aus einem zauberischen Schlosse voller Glanz und Pracht in die gE LT - No. - 38ärmliche Hütte eines Ansiedlers versetzt hätten .... Der Übergang war ein zu jäher.. . Im ersten Moment glaubte Steinberg zu träumen ... Aber nein, man sang, ganz gewiß sang man, und zwar immer lauter und kräftiger. Und wer waren es, die sangen? Iwanow, Scharachidze, das war zu verstehen! Aber Frl. Rochlin,, Chaimowitz? Am Abend von Jomkipur! An diesem furchtbaren Abend der Buße,- der Tränen und der Trauer für das ganze Volk« Jetzt zu derselben Stunde seufzen ihre Väter, ihre Mütter, über ihr _ eigen es Schicksal, über ihr Volk, und sie? . .. Dort „Kol-nidrei", hier der nicht abgemähte Feldstreifen." Nicht das religiöse Gefühl, — was soll uns ihre Frömmigkeit? — sondern das nationale, das Gefühl der nationalen Einheit wird durch diesen Gesang verletzt, dem politisch toten Volke war nichts übrig geblieben außer seiner geistig einigenden Tradition. Mögen diese Traditionen sich auch in der Masse in zu toten Formeln erstarrten Zeremonien ausdrücken, in ihnen spiegelt sich doch, wie die Sonne in einem Tropfen Wasser, das ganze kummervolle Dasein, alle Wünsche, alles Sehnen, alle Hoffnungen des vertriebenen Volkes wieder ... Und es in diesen Momenten nicht verstehen, nicht sein Gefühl schonen, das heißt — ihm fremd sein. Aber sie sind ja Menschen ohne Scheidewände! Für sie gibt es keine Nation, kein nationales Leid .. . Ohne Scheidewände! .. . Ja, Jomkipur ist eine Scheidewand; noch mehr, — das ist eine befestigte Wand,.die weder die römischen Mauerbrecher, noch die Scheiterhaufen der Inquisition, noch die Henkerbeile aller Zeiten und Völker haben zerstören können!... Ja, sie haben recht! Was ist ihnen Kol-nidrei? Gewiß, fort mit den Scheidewänden!. . . Fort mit den Wänden des Ghetto! Haha! . . . Womit werden sie sie niederreißen? . . . Etwa dadurch, daß sie am Abend des Jomkipur statt Kol-nidrei russische Lieder singen. Statt des jüdischen Gebetes erst — ein russisches Lied, dann ein deutsches, amerikanisches, hottentottisches, damit niemand sich zurückgesetzt fühle! Und ist denn das amerikanische Lied ohne Scheidewand? Es ist doch nur ein amerikanisches Lied, und das deutsche — nur ein deutsches, nein, darin liegt eine Verirrung, eine häßliche Verirrung! ... „Nur ein Streifen ist nicht abgemäht: Traurige Gedanken ruft er wach . . ertönte es aus dem benachbarten Zimmer . . . Steinberg lauschte. DieTöne schlugen wider seinen Willen an sein Ohr, drangen in sein Gehirn, verursachten ihm einen stechenden Schmerz und ein nicht zum Schweigen zu bringendes Geräusch. Das Geräusch tötete alle Gedanken, und es blieben nur die Töne zurück. Und die Töne bohrten sich zudringlich immer weiter ins Gehirn, und allmählich begann Steinberg auf die Worte des Liedes zu lauschen. „. . Nur ein kleiner Streifen ist nicht abgemäht, traurige Gedanken ruft er wach...u Ja, der nicht abgemähte Streifen ruft traurige Gedanken wach . der nicht abgemähte Streifen. ... Warum ist er nicht abgemäht?... Und vor Steinbergs geistigem Auge stieg ein großes abgemähtes Feld auf. ... Bis zum Horizonte ziehen sich lange, breite und gerade Streifen. Alle sind sie abgemäht. Von allen ist das Getreide heruntergenommen, alle haben ihre Arbeit getan, haben dem Menschen alles, was sie konnten, gegeben und ruhen, bis das neu erwachende Leben sie zu neuer Tätigkeit rufen wird. ... Dann wird man sie von neuem aufwühlen, von neuem in ihre voll Lebenskraft schlagenden Herzen lebendigen Samen senken. ... Und von neuem werden sie Ähren tragen, die reifen Ähren schaukeln, und von neuem dem Menschen ihre Reichtümer hingeben. Auch jetzt weht von den von den Menschen verlassenen herbstlichen Feldstreifen nicht der Hauch des Todes,, nicht der Hauch der Wehmut. ... Sie sprechen von Leben, von im Innern gährenden Säften, von reifenden neuen Kräften, von künftiger schöpferischer Arbeit. Sie sind lebendig, diese abgemähten Streifen! Da ziehen sie sich in geraden, symmetrischen endlosen Reihen über das weite Feld. Alle sind sie lebendig, alle fühlen voll Freude Leben in diesem Herbstschlafe. Und nur ein kleiner Streifen ist nicht abgemäht... Zwischen den friedlich schlafenden Gefährten ist er der einzige, der nicht schläft, einsam, verlassen. ... Seine reifen Ähren, voller Körner warteten auf ihren Sämann. Auch er . war bereit, dem Menschen alles hinzugeben, was in ihn hineingewachsen war, diese Ähren, die er mituseiner Brust genährt hatte. .. Und er gab sie hin, wie alle. . . .. Aber der Ackersmann verließ ihn. ... Tag auf Tag verging, die Zeit der Ernte ging vorüber. . . . Der Sämann hatte ihn verlassen.... Seine Gefährten, die lange schon ihren Frühlingsschmuck abgeworfen, schlafen, in den Herbstnebel eingehüllt. ... Sie scheinen ohne Leben. ... Aber sie sind lebendig! sie ruhen aus von der Arbeit. ... Aber er, noch im Glänze seines Schmuckes strahlend, noch von der Jugendkraft des Frühlings erfüllt, er, der er von Leben übersprudelt, er ist tot. .. Sie haben gelebt, geblüht, Ähren getragen, sie haben zu ihrer Zeit ihre reife Frucht hingegeben, und von neuem keimti inbitinen