Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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in ihren besten ärmlichen Kleidern, liefen mit den Gebetbüchern einzeln oder gruppenweise, gleichsam als fürchteten sie, den wichtigsten Moment des Lebens zu versäumen. Die Gesichter der Männer waren nachdenklieh ernst, aber ruhig vertrauensvoll. Die Gesichter der Frauen waren voll aufgeregter Erwartung und Neugierde, und ihre Bewegungen waren von einer besondern Hast erfüllt, als ob ihnen dort, wohin sie eilen, zum erstenmal etwas ungekanntes, geheimnisvolles und bedeutungsvolles bevorstände. . . Ja etwas Bedeutungsvolles!. . Eine jede dieser Frauen trägt in das Bethaus das Leid ihrer Familie, und in diesem einen Teil das Leiden des ganzen Volkes, das immer neu und geheimnisvoll bleibt. .! Neben dem Vater oder der Mutter hüpfte oft ein vierzehn- oder fünfzehnjähriger Knabe mit einem Stuhl auf dem Kopfe. Er hatte den Stuhl verkehrt auf den Kopf gestellt, mit den Füßen nach oben, und hielt die Lehne mit den Händen fest: so trug er einen eigenen Platz für den Vater oder die Mutter in die Synagoge. Die zum Gebet Gehenden hielten in der Hand ein langes, dickesLicht aus gelbem Wachs empor, so wie eine Fahne dick ist dieses Licht: ganze vierundzwanzig Stunden muß es auf die gesenkten Häupter niederleuchten, auf die vom Fasten untd Beten abgezehrten Gesichter, auf die verweinten und voll Glaubensbegeisterung glühenden Augen, auf die alten zerrissenen Tallith und Kittel.... Und das Licht wird brennen und die gesenkten Häupter bescheinen, das Schluchzen und Stöhnen hören und langsam dahinschmelzen, langsam wie die Jahrhunderte jüdischer Qualen, bis die Synagoge vor den vor Erschöpfung schwachen, aber vor Hoffnung freudigen Rufen widerhallen wird: „Im nächsten Jahre in — Jerusalem!" Dann wird das Licht zum letzten Male aufflackern und erlöschen. Und im nächsten Jähre wird wieder eins angezündet. . . in derselben Synagoge, auf der Wilnaer Straße der Stadt N. . . „In Jerusalem"! . . . Steinberg lachte laut auf zur Antwort auf die seinen Kopf durchkreuzenden Gedanken, dann fuhr er aus. seinem Nachdenken auf und sah wieder zum Fenster hinaus.. . Der Vater, die Mutter, die kleinen Brüder gingen vorüber. . . Lächelnd nickten sie ihm zum Abschied mit dem Kopfe, und fort waren sie. Es ging der Nachbar vorüber, der Schneider Schmuel mit seinem Sohne Joel. Voll Anstrengung, schneller zu gehen, hinkte der alte Schames Leiser vorbei. Eilig liefen drei Frauen vorüber. Zwei Knaben mit Stühlen auf den Köpfen liefen, einer vor dem andern herhüpfend, auch dorthin. . . . Ein heftiger Windstoß fuhr durch die Wipfel der Linden, schlug das Pförtchen zu, wirbelte eine Staubwolke auf, erfaßte die laufenden Knaben und riß dem einen von ihnen seinen Rock auf der Brust auf. Der Knabe fuhr vor Kälte zusammen und wollte, mit der einen Hand den Stuhl festhaltend, mit der andern den Kragen zuknöpfen. Er streckte die Hand aus und das unter dem Arm liegende Gebetbuch rollte auf die Straße. Der Knabe blieb einen Augenblick von Entsetzen ergriffen stehen, sein Gesicht drückte ein heftiges Leiden aus. Immer den Stuhl auf dem Kopfe, bückte er sich rasch, ergriff das Gebetbuch und führte es an seine Lippen.-... Er küßte es innig, rieb mit dem Zipfel des Rockes den Staub von dem Einbände ab, küßte es noch einmal und sagte noch immer voll tiefer Niedergeschlagenheit zu seinem Kameraden : „Das ist eine große Sünde!". . . —-„Eine große!"— bekräftigte der Kamerad. —„Aber du hast es doch geküßt?" — —„Gewiß habe ich es geküßt. . . zweimal!"— „Nun, sei ruhig! du wirst es nachher deinem Vater sagen." „Und ich werde vierzig Tage fasten müssen." „Nein! Wenn du die „Tefillin" hingeworfen hättest, dann hättest du vierzig Tage fasten müssen! Bei uns war ein solcher Fall. Bere, der Schlächter. ... Plumps! . . . Es schlug etwas gegen den Stuhl, der auf dem Kopfe des Knaben stand. Der Schlag war nicht heftig, aber da er dem Knaben so unerwartet kam, so entsetzte er sich und sprang zur Seite. Sein Kamerad, der nicht weniger erschrocken war, fuhr zitternd zusammen, wandte sich um und drängte sich zurück ... Zwei kräftige Burschen — Handwerksgesellen — standen vor ihnen und lachten derbe. ... „Hä, Judenbengel! Macht daß ihr fortkommt! Der schwarze Mann wird euch greifen! . . ." Und mit einem schrillen Schrei stürzten sie sich auf die Kinder. Aber die erschrockenen Knaben waren schon, mit den Stühlen auf dem Kopf, nach verschiedenen Seiten davongelaufen. Und die Burschen, denen es Vergnügen machte, die Juden jungen zu erschrecken, wieherten lange vor tierischem Vergnügen und schrien den Laufenden nach: % „Der schwarze Mann! Der schwarze Mann! Steinberg hatte vom Fenster diese ganze Szene mit angesehen. Sein Gesicht zog sich vor Schmerz zusammen. Was war das? Bewußte Bosheit oder die Roheit der Unwissenheit? Gewiß war das nichts Neues und nichts Außergewöhnliches. Die Juden hat die Geschichte schon lange das „Nihil admirari" gelehrt. Aber die Erklärung, wo ist die Erklärung für diese Kundgebungen des Hohnes! . .. Leicht und sicher hatte er einst wie alle die Erklärung in der Unwissenheit der Menge gefunden. Doch nun genug damit. Ein Wilder schlägt doch nicht zum Scherz, zum bloßen Zeitvertreib! Auch die Grausamkeit des Wilden hat einen Zweck, einen Grund, einen Sinn. . . . Aber das. was er soeben gesehen — und noch vieles andere — war sinnlos, zwecklos. ... Folglich ist dies die Reflexäußerung eines permanenten Gefühls, das wie jede Reflexerscheinung unbewußt und unwandelbar reagiert, sobald nur die notwendige Ursache den Anstoß gibt. . .. Dieses Gefühl ist der Haß, ein tiefer, leidenschaftlicher Haß! Die Ursache ist der Jude, der unter die Augen kommt. . . . Und wenn dieses Gefühl eine Reflexerscheinung ist, so wird es solange dauern, solange das fühlende Subjekt und die auf dieses einwirkende Ursache existieren werden. Und wenn es eine Reflexerscheinung ist, so werden es weder die Propaganda der Humanität, noch das Wissen vernichten! Unwissenheit! . . . Und die „aufgeklärten" Antisemiten? Und die heilige Inquisition? Nein, das ist keine Unwissenheit! Das ist ein altes, durch das Leben selbst geschaffenes und von Generation zu Generation durch die Geschichte gefestigtes, fast organisch mit dem Menschen verwachsenes Gefühl des Hasses. . . . Das ist der Haß von Nebenbuhlern, der Haß miteinander ringender Feinde! Mit den Juden hat man gerungen, gekämpft. . . . Der Pöbel, der nach Brot und Schauspielen lechzte, kämpfte und haßte seinen Nebenbuhler, den Juden, den es auch nach Brot verlangte! . . . Das ist ein. Kampf, der gewöhnliche Kampf ums Dasein und der Haß gegen den Nebenbuhler, einen beharrlichen, starken Nebenbuhler. . . . Daher ist unsere Aufgabe nicht, müßig nachzugrübeln und mit dem kläglichen Ausrufe „weshalb?" diesen Haß zu beantworten, sondern ihn als etwas Notwendiges, Unvermeidliches, als etwas Berechtigtes und Vernünftiges hinzunehmen, ja als etwas Vernünftiges, denn es ist vernünftig, um sein Dasein zu kämpfen und sich in dieser Erkenntnis zur Selbsterhaltung zu stählen! Denn so wird es immer sein, solange in der Welt ein Kampf sein wird. . . . Und der Kampf wird ewig sein. Weder die Aufklärung, noch die Propaganda des humanitären Ideals werden ihn vernichten! Denn niemals wird irgend etwas den Instinkt des Lebens und den Durst nach Glück vernichten, und den Haß gegen diejenigen, die drohen, irgend etwas dem Leben oder dem Glücke zu rauben!. . . Ewig wird der Kampf des Instinkts der Infusorien währen und auch des menschlichen Genies! *. . Steinberg erwachte aus seinem Nachdenken. Noch immer stand er am Fenster. Es dunkelte. Die Wolken umzingelten den Himmel und wurden dunkel, schweigsam. Am westlichen Rande des Himmels war noch ein schmaler heller Streifen zu sehen. Aber bald war auch er verdeckt. Es wurde noch dunkler. Die Windstöße wurden häufiger und stärker. Durch die dünnen Fensterscheiben war das ungleichmäßige Säuseln der Linden zu hören, die sich bald langsam und träge, bald stoßweise unter dem Anprallen des Windes beugten. Auf dem Dache der gegenüberliegenden Hütte rutschte eine scharf hervortretende, halb abgerissene Schindel hin und her. Die Straße wurde leer, sie nahm das gewöhnliche tote Aussehen einer jüdischen Straße an einem Feiertage an. Sie war wie ausgestorben. Der Wind wirbelte ungehindert Papierfetzen, abgebrochene Federn und allen möglichen Unrat auf. Auf der Schwelle vor einem ärmlichen kleinen Laden, der durch einen eisernen, schräg querübergelegten Riegel verschlossen war, heulte ein magerer Hund. Die grauen, hölzernen Wände der Häuser blickten düster und traurig. . . . Und nur die kleinen Feuer, die aus den kleinen und matten Fenstern der jüdischen Häuschen leuchteten, zeugten von Leben. Auf dem reinen Feiertagstischtuche nahmen die glänzenden, gruppenweise aufgestellten Leuchter die Ecke des Tisches ein, und die durch das Gebet der Frau und Mutter geweihten Kerzen standen aufrecht, als ob sie sich des Ernstes ihrer Rolle bewußt wären, und ergossen bedeutungsvoll ihren Feuerschein über die ärmliche, alte, aber zu den Feiertagen erneuerte Ausstattung des Zimmers. Die dünnen, weißen, schmucken Kerzlein rufen in Steinberg die Erinnerung an andere Kerzen wach. Lang, dick, gelb, aus schmutzigem Wachs, erglänzen sie nicht in funkelnden Leuchtern; in Sand gesteckt, der in eine plumpe Kiste, in einen Topf oder in eine Flasche gefüllt war, stehen sie reihenweise unbeweglich, stumm und düster, wie das Synagogengewölbe, das sie zu beleuchten suchen. Schwerfällig flackert ihre breite Flamme, und langsam träufelt an ihnen in großen Tropfen das schmelzende Wachs herab und erkaltet. Diese stummen Wächter des Gebetes und des Weh-