Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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HERZLFEIER IM BEZALEL ZU KOL-NIDREI Von D. Glückmann Lange schon war Steinberg zu den Herbstfeiertagen nicht zu Hause gewesen. Das erhabene und feierliche Roseh-Haschonoh, den weihevoll traurigen Jom-Kipur, das patriarchalisch friedliche und liebliche Sukkoth und den letzten Akkord der Festtage, das traditionell fröhliche Simchath-Thora, den ganzen Zyklus der Feiertage mit all seinen bald erhebenden, bald ergreifenden Momenten, hatte seine Familie seit lange schon ohne ihn begangen. Aber in •diesem Jahre weilte er im Herbste in der Heimat und dachte voll freudiger Erwartung an „Kol-Nidrei", das er nach so vielen Jahren wieder in der Synagoge seines Heimatortes hören würde. Doch wie zum Trotz fühlte er sich am Morgen des Vorabends von Jom-Kipur unwohl. Erhöhte Temperatur, Kopfschmerzen und Schmerzen in allen Gliedern machten es ihm unmöglich, in die Synagoge zu gehen. Der greise Vater, der mit unverbrüchlicher Treue an den Bräuchen seines Glaubens festhielt, sagte seinem bekümmerten Sohne: „Ein Kranker braucht nicht in die Synagoge zu gehen. Unser Gott will nicht, daß sein Dienst dem Menschen Schaden bringe, du kannst zu Hause beten." Im Grunde seiner Seele glaubte der alte Mann nicht recht daran, daß es seinem „gebildeten" Sohn sehr nahe gehe, daß er nicht beten könne. Er weiß schon seit lange, daß sein Sohn nicht auf dem religiösen, sondern auf dem nationalen Standpunkt steht, und wenn ihm auch der Unterschied zwischen diesen beiden Weltanschauungen nicht ganz klar ist, so weiß er doch, daß das Beten nicht zu dem neuen Programm gehört. Das Mahl vor dem Beginn des Fastens war zu Ende. Die Feiertagskerzen wurden angezündet und die Familie machte sich bereit, in die Synagoge zu gehen. Steinberg trat ans Fenster. Ein düsterer Herbsttag näherte sich seinem Ende. . . Es war noch hell. Von Zeit zu Zeit blies stoßweise ein scharfer Wind, untQj dessen kaltem Hauche alles erschauerte. . . Die in grauen Massen niedrig hinziehenden Wolken stiegen in die Höhe und machten an einem der Winkel des Horizonts Halt. . . An sie schwebten langsam andere Wolken heran, drängten sich zusammen und bildeten schließlich eine große, gerade Wand, die allmählich den Himmel einschloß. In der Luft spürte man etwas Feuchtes. Steinberg blickte auf die vor dem Fenster liegende Straße. Es war dieselbe alte Wilnaer Straße mit den schiefen, seitwärts geneigten elenden Hütten, zwischen denen die hier und da zerstreuten regelmäßig gebauten Häuser wie ein schriller Mißton berührten. Da war sogar ein zweistöckiges Gebäude, das dem Krösus der Wilnaer Straße, dem Lieferanten Spielmann gehörte. Aber dieses war vereinzelt und die Armut rings herum war groß, sehr groß! . . . Trotzdem konnte der Nachbar, der Holzhändler Dyldie, der Besitzer eines einstöckigen hölzernen Hauses, den Juden der Wilnaer Straße und vielleicht auch der ganzen Stadt keineswegs „das zweistöckige Besitztum" Spielmanns verzeihen. Jeden Tag, wenn er sich zur bestimmten Stunde an das Fenster setzte, um Tee zu trinken, sagte er mit einem scheelen Blick auf das Haus seines vis-ä-vis zu seinem Nachbar, dem Böttcher: „Diese verdammten Juden sind alle reich!" Zufrieden über seinen Lieblingswitz lächelte Dyldie boshaft, und der Böttcher blickte den Holzhändler kriecherisch an und sagte, auch seinen Mund zum Lächeln verziehend: „Das ist richtig, Mikita Lawrentitsch!" Steinberg erinnert sich von seiner Kindheit her an diesen Witz des Nachbars. Und jetzt beim Anblick des Spielmannschen Hauses sagt er sich, daß an Stelle Dyldies und des Böttchers, die schon lange tot sind, wahrscheinlich die Söhne der beiden Nachbarn dieselbe Unterhaltung führen. Dasselbe werden ihre Enkel sagen. Und das, was die unwissenden Neider ä la Dyldie sagen, das sagen auch die „aufgeklärten" Antisemiten. Die Juden der Wilnaer Straße haben Spielmann und die Juden Europas Rothschild, das ist der ganze Unterschied. „Die verdammten Juden sind alle reich!" Steinberg lächelte bitter, als er die „Reichen" ansah, die sich an diesem düstern Herbsttage in die Synagoge drängten. Trotz der Kälte hatten die Männer und Frauen ihre Schuhe abgenommen und Gummischuhe angezogen. In ihren weißen „Kitteln", die sich nur wenig von Leichengewändern unterscheiden, mit farbigen Tüchern umgürtet; manche den Mantel auf die Schulter geworfen, Gebetbücher und Tallith in den Händen, schreiten die Männer eilig über die düstere Straße. Die Frauen mit Tüchern um'den Kopf,