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Die Welt · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 38 DIEÄELT 841 Der Zug verläßt das üppige Tal und zwängt sich zwischen die Steinmassen des Felsengebirges der Berge von Jehuda. Der Zug hat sich einen Weg durch schmale Rinnen gebahnt, die durch das Herz des Berges gegraben sind. Vom Fenster erblickt man nichts als Steine, die einsam Wache halten vor der Festung Jerusalem. Und man glaubt, es habe einst ein Meer hier geflutet und das Meer ist ..versteinert worden. Hier und dort-spaltet sich ein . breiter Graben, und dazwischen sieht man die Berge, sich türmen und stolz in den Himmel ragen. Manchmal ist eine tiefe und schwarze Höhle in den Berg gebrochen, aus^der Nacht und Schrecken dräuen. In einer dieser Höhlen .soll Simson dem Löwen begegnet sein, als er nach Thymnat zu den Philistern zog, dem Löwen, den er zerriß. — Dort in den Bergen Jehudas liegt auch die Stadt Bethar wie versteinert an der Felsenmauer. Ich weiß nicht, ob es jenes Bethar ist, in dem Bar-Kochba mit den.Römern rang, ob Simson wirklich in den Bergen Jehudas einem Löwen gegenübertrat; doch wer die Berge Jehudas in ihrem fürchterlichen Schweigen sah, mit ihren steinernen Zacken in ihrer schneidenden Eisluft, glaubt, daß nur hier die Stätte ist, die Helden gebar wie Simson und Bar-Kochba. Heldentum und Löwenkraft wächst auf den Spitzen dieser Bergb. In Bethar wurde es lebendig im Waggon. Christliche Schulkinder und ihre Lehrer — französische Priester aus der Missionsschule von Jerusalem — kehren von einem Ausflug heim. Die Kinder waren fröhlich und scharten sich zutraulich um die Lehrer, die sich väterlich um sie bemühten und ihnen Geschichten erzählten. Mir wurde traurig zumut. Ich sah die Felder Jerusalems, und fremde Kinder tummelten sich auf ihnen. Ich hab' ja nichts gegen die fremden Kinder, gegen ihre guten und stillen Lehrer war nichts einzuwenden, aber ich dachte an unsere jüdischen Kinder, die über die Welt zersät und verweht sind in enge Cheder, in stickige Luft gepfercht, und des Rabben Stecken fuchtelt vor ihnen. Kinder! Was haben sie verbrochen! Warum sind sie von den Feldern, von den Gärten vertrieben, die Väter haben gesündigt, die Kinder haben's gebüßt. Gottes Fluch hat schwer auf ihnen geruht. Aber wofür leiden unsere Kinder? Warum führt ihr sie nicht hierher, warum lasset ihr sie nicht die Gefilde Jerusalems schauen, warum nicht spielen in den Gärten Jerusalems? Mit den Bergen schaut - die Dunkelheit in unsere Scheiben. Es kommt die Zeit des Minchagebetes. Aber die Juden wollten mit dem Gebet bis Jerusalem' warten,; mit dem ersten Schritte auf dem Boden Jerusalems wollten sie das Gebet sprechen. Doch hatten sie Furcht, das Minchagebet zu versäumen, und spähten' ängstlich auf den Himmel. . . Aber — Gott bewahre* — noch zeigte sich kein Stern, der Himmel Jerusalems läßt sich nicht so schnell vom Mantel der Nacht bedecken.; . Weit flackert die Sonne im Westen, dort mag Golgatha stehen. Mein Herz schlug in: Schreck und Freude. Stille wurde es ringsum. Alle warteten auf den Augenblick, da sie Jerusalem4 erblicken sollten. Die Schulkinder drängten sich wie Küchlein an die Lehrer, die Weiber banden die Hauben fest, die Männer legten die seidenen Kaftane an. Alles umzog die Dämmerung und alle warteten mit Schweigen und Beben auf etwas Großes, Heiliges. Der Zug hielt, der Schaffner rief ganz gewohnheitsmäßig: Jerusalem. „Iskadel wjiskadal, schmej rabo," hörte ich hinter mir. Die Juden beteten Mincha auf dem Boden Jerusalems. Ich warf mich in einen Wagen. „Zur Klagemauer!" Ich wollte noch das Abendgebet sehen an der Klagemauer. Ich sah gar nichts, mein Herz pochte wild. Jerusalem hüllte sich in eine tiefschwarze Wolke. Mit einem Streich fiel die Nacht hernieder und lagerte sich über Jerusalem. Jerusalem wurde entsetzlich still. Die Leute verkrochen sich in die Häuser. Aus den Fenstern blinkten da und dort Öllampen, Kunde zu geben, daß der Arbeitsmann heimgekehrt war. Schon war die Zeit des Maarivgebetes. Die dunkle, traurige Stimmung unseres Bethauses in einer wehmütigen Herbstnacht hing über Jerusalem. Als ich zur Klagemauer kam, war das Gebet bereits beendigt. Vor mir ragte eine hohe Wand, wie eine schwarze Säule den Himmel stützend. Niemand war dort. In den Ritzen des Gesteines flackerten Talgstümpfchen, die Reste vom Abendgebet. Die Flämmlein schwelten*, zuckten über die öltriefenden Steine und sahen aus wis/ unausgesprochene Gebete, die zwischen den Steinenzurückgelassen waren..... In einem Winkel ganz allein stand ein einsamer schwarzer Schatten, die Hände an die Wand gebreitet, als wollte er sie ans Herz drücken; er drückte sein Gesicht in eine Spalte; des Gesteines, und eine leise Stimme flüsterte ein Gebet: Herr der Welt, heilige deinen Namen über die ganze weite Welt. . . . Eine Wahnsinnige kauerte an der Wand, in weiße Tücher gehüllt, und starrte irgendwohin, weit, weit in die Welt hinaus. . . . Ich warf mich zu Boden und küßtQ die Steine.- - «ii TRAUERZUG DER BEZALELSCHÜLER ZUM GEDÄCHNIS HERZLS

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