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Die Welt · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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840 die^elt v NO. m hier. einstens fettschollige grünende Felder reiften, daß hier dunkle geheimnisvolle Wälder rauschten. In ihrem Schatten juhte ein Wanderer und labte sich am Quell, derItire-Wunzeln wusch. Unter ihrem Gezweige schmiegte sich ein liebend Paar. Da und dort erscheint ein Hügel wohlgeformt und steht einsam. Vielleicht lohten auf seinem Gipfel Fackeln in der Neumondnacht und kündeten in die Weite das Nahen des Festtages. . . Vielleicht spielten in seinen Klüften meine Ureltern, da sie noch Kinder waren. . . Und jetzt steht er verwüstet und verlassen. „Wie weint es, das arme, wie wüst es liegt," seufzt das Weib, „die Zerstörung, die Zerstörung." „Einst war es fruchtbar," sagte der Mann vor sich hin, ohne sie anzublicken, „einst war es fruchtbar. Da wohnten die Kinder Israels, hier ergossen die Bäche Milch und Honig ins Land hinein, und das Judenland war 400 Meilen in der Länge und 400 Meilen in der Breite; aber als man die Kinder Israels vertrieb, ist das Land eingeschrumpft." Wie eine Mutter, — solange die Kindlein im Hause sind, ist jeder Winkel fröhlich, kaum sind sie aber fortgezogen, ist die Stube kalt und verödet, — erklärt das Weib in ihrer Weise. Der Schaffner zeigt im Vorbeigehen eine Baumgruppe, die im Hintergründe auftauchte, als die jüdische Kolonie RisGhon le Zion, — der erste Name, der mein Herz in freudigem Schrecken erbeben ließ. Alles stürzte ans Fenster,---ganz ferne, weit dahinten zwischen dem breiten Steingefilde steigen einige Bäume zum Himmel empor. Ein Gefühl sagte mir, .daß es die einzigen Bäume, die allerersten Bäume seien, die die Wüste beleben, und daß diese Bäume die Unsern einpflanzten, die Unsern kamen aus Weiten Fernen und senkten den ersten grünenden Sproß in den kahlen Sand. Es drängte mich, zum jüdischen Volke hinzugehen und jeden Juden in jedem Erdenwinkel, auf der Gasse anzureden und ihn wegzureißen von seinem Handel und Wandel, von- Lärmen und Hasten, ihn eine Minute lang aufzuhalten und ihm zuzurufen: „Du, deine Heimat wurde gestört, geh heim und schaffe in deiner Hofstätte, in deinen vier Ellen Landes, und dann erst geh an dein Tagewerk." Bald hielt unser Zug. ■■"* Es war die erste jüdische Station „Ramleh". Am Bahnhof standen die Schulkinder mit ihren Lehrern von Rechoboth. Der erste Gruß vom Judenland. Die Kinder waren lustig und grüßten uns vom Bahnsteige aus mit fröhlichem „Schalom, Schalom". Und einer rief den andern zu: „Kumah wenaaleh imahem-jeruschalajmak." (Auf, lasset uns mit ihnen gen Jerusalem ziehen!) Das Judenweib an meiner Seite erblickt die Kinder und fragt: „Jüdische Kinder?" „Jüdische Kinder aus der Kolonie." „Sie reden doch nicht Jüdisch," wundert sich das Weib. „Sie sprechen Hebräisch," antwortete ich. „Hebräisch! — — o — o — Hebräisch, Kinderl, Kinderl, gesund sollt ihr sein, sie reden Hebräisch." „Schmul, Schmul," ruft sie ihrem Manne zu, „hast du's gehört, sie reden Hebräisch." „Sterben könnt' ich für euch, Kinderl, Kinderl," murmelt sie vor sich hin, — „Obacht, Obacht, Bübchen, komm nicht zu nah ans Rad, gib acht," warnt sie einen Burschen, der sich auf einen Waggon aufturnen will,, „geh weg, du kannst — Gott behüte — überfahren werden." ■ Inzwischen kommt ein zweiter Bursche hinzu mit schwarzen langen Locken um 'ein sonnverbranntes Gesicht, mit glänzend schwarzen Augen und feingegliederter, schlanker Gestalt, — ein Kerlchen, zum Küssen süß. Er riß dem ersten ein Stück Butterbrot aus der Hand, stopfte sieh den Mund voll und rief kauend: „La more, la more!" (Zum Lehrer, zum Lehrer.) „Was, auch ein Judenkind," fragt erstaunt das Weib. „Ja, auch eins." „Er geht doch barhaupt, er ißt doch ohne Segensspruch," fragt sie noch verwunderter. „Er spricht aber Hebräisch." „Was schert mich sein Hebräisch, wenn er doch kein Jude ist," seufzt das Weib, „ein Judenjunge ohne Mütze, ohne Segensspruch, und so was geschieht auf heiligem Boden, heiligem Boden," seufzt sie auf, — und der Zug rollt weiter. „Schalom Jeruscholajim" (Gruß an Jerusalem) winken die Kinder uns nach. „Schloim laruchoik we la kuroin" (Frieden dem Herrn und Vater) murmelt der Jude den Bibelspruch. Nun fährt unser Zug in das blühendste Tal des Judenlandes ein. Tief zwischen den Bergen Jehudas klafft das Tal, mit zarten Gräsern ausgepolstert, mit prächtigen Sonnenblumen bewachsen. Wie wohl tut dem Auge der Anbick wogender Ährenfelder. Da steht ein Busch Sonnenblumen, er steht mitten im Feld und sieht aus wie eine Rotte junger Burschen und Mädchen, die sich im Felde zusammenfinden und Arm in Arm einen Ringelreihn tanzen. Ein Araberdorf liegt vereinsamt im Feld. Stille ist's. Die weißen Kalkdächer glühen im Sonnenbrande, der Hof ist wie ausgestorben, die Kinder sind draußen, die Schafe zu hüten auf der Flur, die Weiber erwarten die Männer im Gezelt, Greise in weißen Hemden haben sich ins Tor gedrängt, in den Schattenwurf eines Sonnenblumenstengels; an einem kleinen Gerinsel treiben Weiber einen Ochsen an der Kornmühle und besprechen langsam, fast respektvoll die häuslichen Geschäfte. . . Ein Alter liest im Koran, und die Greise sitzen still um ihn herum und nicken. Die Kinder treiben die Lämmer zur Tränke, denn es ist Mittagszeit, und die Hirten lagern um den Brunnen mitten im Feld, und warten, bis alle versammelt sind, um mit vereinter Kraft den Stein wegzuwälzen, der den Schlund des Brunnens verschließt. . . . Jetzt (glaubt man) muß Jakob kommen, von Berseba zieht er nach Haran zu Laban, dem Aramäer, und trifft die Hirten am Brunnen, da mag er wohl fragen: „Brüder, woher kommt ihr?" „Aus Haran sind wir." „Kennt ihr Laban, Nahars Sohn?" „Wir kennen ihn." „Wie geht es ihm?" „Wohl geht es ihm; siehe, da*fcommt Rachel, seine Tochter mit der Herde." Und siehe, da geht Rachel mit dem Krug auf dem Haupt, leitet die Herde zur Tränke, denn sie ist ein Hirtemädchen, und Jakob wälzt den Stein vom Brunnen.

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