Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316390--52328-3346008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schorschik (steht auf und geht schnell auf und ab, dann bleibt er am Fenster stehn): Wenn das wirklich so ist, dann bin ich auch nicht einverstanden! Mutter: Womit bist du nicht einverstanden? Schorschik: Ichbin damit nicht einverstanden, daß das jüdische Glaubensbekenntnis gar nichts sein soll! Jetzt verstehe ich alles! Du hast also auch kein Glaubensbekenntnis? und dir ein neues aussuchen, willst du auch nicht?---weil----Aber, was ich sage stimmt doch, Mamachen? --— auch papa denkt ebenso — — Jetzt denke ich auch so! Und du, Mamachen, ich sage dir, gib ja nicht nach! Und auch Werotschka muß man sagen, daß sie es nicht wage ---■ — Man muß ihr verbieten---! Und wenn sie nicht will, nicht so denken will wie wir, dann soll sie machen, daß sie fortkommt! Dann soll sie sich einen andern Papa und eine andere Mama suchen!--Weißt du, Mamachen, dir ist es vielleicht etwas ungemütlich, mit ihr darüber zu sprechen — ah, dann will ich es ihr selber sagen---- (er geht geschäftigen Schrittes im Zimmer hin und her). Mutter (schaut verblüfft, mit weitgeöffneten Augen ihm zu). Schorschik: Heute noch werde ich es ihr sagen. Man muß sie vorbereiten!--Und dann, noch etwas: .... Es will mir nicht gefallen, daß wir.....nun begreifst du? Es wäre wirklich besser: wenn schon „Leibi", dann „Leibi!" Wenn „Gerschka", dann „Gerschka!" „Rifka" —* „Rifka!" Mutter: Schorschik! (Bedeckt schnell das Gesicht mit dem Schnupftuch und bemüht sich, das Schluchzen zurückzuhalten). Schorschik: Mama! (Läuft zur Mutter hin). Ach! Weine doch nicht! Wenn es dir nicht gefällt, dann werde ich sie so wie früher rufen: Werotschka, nicht Rifka. Und auch du, ruf mich Schorschik. Das ist ja nicht wichtig. Bloß . . . Sefioschka soll nie, nie mehr ins Haus zu uns kommen! Niemals! Ich will nicht! Ich will ihn durchaus nicht! Das unbedingt! Und das übrige mag schon so bleiben wie früher! . . . (Die Mutter schluchzt.) O Mama, weine doch nicht! Weshalb weinst du, Mama? 5. Auftritt. Werotschka (läuft schnell ins Zimmer; in den Händen hält sie Maiglöckchen. Hinter ihr Agrafena): Da sind wir wieder! Was für Blumen, Mama! (Sie bleibt verwundert stehen. Die Mutter schluchzt heftiger.) Der Vorhang fällt schnell. JERUSAELM! Nach dem Jüdischen des Schalom Asch von Hugo Zuckermann Ein Araber packte mich am Kragen und stieß mich von Bord. Ich fand mich in einem Nachen wieder, der sich auf rauschenden Wogenkämmen hob und senkte. Nirgends brandet das Mittelmeer so heftig wie an des Judenlandes Küste. Schon am Abend, als unser Schiff ins Meer des Judenlandes einfuhr, den Karmel umsegelnd, den schwere Nachtwolken einhüllten, stieg das Schiff auf den höchsten Wogen empor und versank in die tiefsten Wellentäler. Das stille Mittelmeer, das sonst ewig gleich dahinglitt, war nicht wieder zu erkennen. Brausend und stürmisch war es wie ein siedender Kessel. Das Judenweib, das am Oberdeck mir zur Seite kauerte, erklärte: „Was wundert's dich, mein Kind, wenn die See aufschäumt, hier münden alle Tränen, die je ein Jude geweint."------------- Der Nachen schaukelte, glitt in die Tiefe, als wäre er von einer hochgehenden Woge begraben, bäumte sich auf einem gewaltigen Wellenrücken bis zum Kamm. Wir aber fühlten nichts, sahen nichts, unsere Augen hingen an den Uferrändern. Vor uns tauchten die weißen Dächer Jaffas auf, in Sonnenlicht getaucht; vor uns dehnten sich die weißen Kalkfelsen der Judenküste weit ins Sonnenland. . . Eine Welle spielte den Nachen der andern zu, bis er zwischen den weißen Steinen auftrieb, die im Hafen von Jaffa aus der Flut ragen. Das Judenweib erklärt: „Seht, das sind die Steine, die König Salomo einst ins Meer senkte, hier hat er — (so glaubte sie) — sich einen gläsernen Palast für Pharaos Tochter erbaut, der er keinen Wunsch versagen konnte. ..." Woher das Weib die Kunde hat, weiß ich nicht, sie war doch nödi niemals im Judenland, und doch behauptet sie, sie wisse das aus alter Zeit. Und ich glaub's ihr. Mein Freund wollte mich einen Tag in Jaffa zurückhalten, doch es drängte mich, am selben Tage noch Jerusalem zu schauen. Und ohne auf meinen Freund zu hören, bin ich mit dem ersten „Zug" (wie fremd das klingt) über die Berge Judas nach Jerusalem weiter gereist. Öde und leer ziehen sich die Felder unserer Heimat dahin. Kein Haus, kein Baum, nur weißer Kalkboden, wie Qott ihn in den sechs Tagen der Schöpfung gestaltet hat. Als ob ihn nie eines Menschen Fuß berührt hätte, als ob er wartete auf etwas, das einst von irgendwoher ganz ferne zu ihm heimkehrt. Und manchmal kommt der Gedanke, als seien die Felder eingeschlafen, verwunschen worden durch einen Zauberspruch in harten Stein und müßten des großen Befreiers harren, der sie erlösen soll, der sie erweckt aus dem Märchenschlaf. . . . Hie und da ragt eine einsame Palme auf, verlassen und allein scheint sie mit ihrem dunkeln Laub in den Himmel zu wachsen, der letzte Sproß eines alten Geschlechtes, ein Denkmal vergangener Tage. Die einsame Edelpalme erzählt, woher sie stamme, sie erzählt, daß 2*