Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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838 DIE E^KE LT Mo. 38 wissen nicht, daß sie Juden sind und werden ebenfalls schlechte Juden werden. Schorschik: Und du? Mutter (hebt den Kopf): Und ich antwortete ihm: „Man braucht kein guter Jude zu sein, nur ein guter Mensch!" Ich habe dem Gaste damals,ein Beispiel angeführt, und ich will es dir jetzt auch sagen, Schorschik. — Vor langen, langen Jahren lebte in Amsterdam ein Weiser; Spinoza hieß er. Die jüdischen Gebräuche hat er nicht befolgt und war ein ebenso schlechter Jude wie Papa und ich. Deshalb haben die Amsterdamer Juden ihn verflucht. Sie taten ihm weh und zwangen ihn, nach einer andern Stadt auszuwandern. Spinoza war aber bis zu seinem Tode ein guter Mensch, und nun ehren ihn alle, bis heute, Juden und Nichtjuden. Und lange noch wird man ihn so ehren. Aber die, die ihn verjagten und verfluchten, die waren nur gute Juden, und von ihnen sagen selbst Juden, heute, daß sie obskure und wilde Menschen gewesen sind, und daß es solche möglichst wenige auf Erden geben sollte. . . . Da siehst du also, Schorschik, ein guter Jude kann auch für einen Juden schlecht sein; aber ein guter Mensch ist überall gut, auch in Amerika, auch in Afrika — in der ganzen Welt. Schorschik: Ah, — deshalb sagtest du auch „Weltbürger". .. Mutter: Ja, deshalb! Und dann sagte ich noch: „Schorschik und Werotschka, wenn sie erwachsen sind, werden stolz auf diesen Namen sein und Dank für ihn sagen, ihrem Papa und auch ... (lächelt) und auch mir ein bißchen ... Schorschik: Mamachen, liebes! (er drückt sich fester andieMutter, sie streichelt sein Köpfchen). Schorschik: Hast du bemerkt, Mamachen ... als wir aus dem Gymnasium herauskamen, — nach dem Examen, — als man sagte, wer aufgenommen ist, wer nicht... Mutter: Ja... Schorschik: Serioscha Alexejenko stand da unten an der Treppe mit einem andern Jungen, einem dicken, roten — die Augenbrauen waren gar nicht bei ihm zu sehen . . . weißt du nicht, von wem dieser Junge ist? Mutter: Ich weiß nicht. Schorschik: Und als wir bei ihnen vorübergingen, drehte Serioscha sich von uns weg, das hat er doch absichtlich getan, Mamachen? Mutter: Weshalb denn absichtlich? Vielleicht aus Zufall! Schorschik: Nein! Nicht zufällig, Mamachen, durchaus nicht zufällig. Als wir die Treppe hinuntergingen, schaute er uns an, und erst als wir vorübergingen, drehte er sich weg und tat, als ob er gar nichts sähe. Rot ist er geworden! Und das deshalb, weil er sich schämte. Denn er war doch bei uns gewesen, wenn auch nicht oft; aber er war's doch gewesen. —Streite doch nicht, Mamachen; wahrhaftig, er ist rot geworden, ich habe es selbst gesehen. Und dann — dann hat er so laut gesagt (erregt): „Und Jüdchen — hü, wieviele sind durchgefallen! Schrecklich!" Was? Hast du etwa auch das nicht gehört? Mutter: Kümmere dich doch nicht um solche Worte, hörst du? Schorschik (steht auf und fängt an, durchs Zimmer zu gehen, stellt sich der Mutter gerade gegenüber, als wollte er etwas sagen, dann geht er weiter.) Mutter (schaut ängstlich auf ihn): Das ist ja doch nicht beleidigend. Man sagt es nur absichtlich, weil man gern beleidigen möchte. Folglich ist der recht dumm, der sich wirklich darüber beleidigt fühlt. Schorschik (bleibt wieder stehen, der Mutter gegenüber): --und was das Allermerkwürdigste ist ... . Mutter: Was scheint dir so merkwürdig? Schorschik (setzt sich auf seinen frühern Platz am Fenster): Sage 'mal, Mamachen. Es gibt doch mehrere Glaubensbekenntnisse, viele, nicht? Mutter: Ja, es gibt viele. Schorschik: Und man muß irgendeines von ihnen haben? Mutter: Unbedingt! Das muß man. Schorschik: Und wenn ich kein Glaubensbekenntnis habe —? Kann das passieren, Mamachen? Gar keines, verstehst du? Zum Beispiel, man wird mir sagen: du, Schorschik, gehörst zum jüdischen Glaubensbekenntnis, und ich werde antworten: ich gehöre nicht zum jüdischen, und ich will auch absolut kein anderes! Das kann doch wohl sein, nicht? Sage! Mutter: Kann sein. Schorschik: Und so wird man mich auch einschreiben: ohne Glaubensbekenntnis! Mutter: Nein, das wird man nicht einschreiben. Schorschik: Warum? Mutter: Ich weiß nicht. Schorschik: Aber wenn ich absolut, Mamachen, zu keinem gehöre? Mutter: Das ist kein Grund. Schorschik: Wieso kein Grund? Ich will nicht zum — jüdischen Glaubensbekenntnis gehören! Mutter: Dann wähle dir irgendein anderes. Schorschik: Ach, Mamachen, wie du komisch bist! Ich will ja eben kein anderes, ich brauche keins! Ich will weder dieses, noch jenes! Mutter: So etwas darf man nicht, mein Schorschik. Schorschik: Weshalb denn bloß nicht, Mamachen, he? Mutter: Man erlaubfs nicht. Schorschik: Im Gymnasium erlaubt man's nicht? Mutter: Überhaupt erlaubt man so was nicht. Die Leute, die dich in die Papiere einschreiben. v