Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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836 D I E SE LT No.^38 Mutter: So stehts in den Papieren geschrieben — und sie lesen nach den Papieren. Schorschik: Und in den Papieren steht's so geschrieben, des — jüdischen Religionsbekenntnisses wegen? Mutter: Ja. Schorschik: Noch etwas möchte ich dich fragen. Nur, bitte, Mamachen, nicht aufregen. Ich möchte aber doch wissen — Sag: Papa heißt in Wirklichkeit „Lew" und nach — jüdischer Religion — wie wird er da heißen? Mutter (leise): In den Papieren schreibt sich Papa „Leib", Schorschik: Nun ja — nach den Papieren. Ich wollte auch so sagen: nach den — Papieren. Und Werotschka? Wie wird das sein nach jüdischer — nach den Papieren? Was? Mutter: Deine Schwester ist „Rifka" eingetragen. Schorschik: So heißt sie also „Rifka". Und so ruft man sie auch in der Schule? Mutter: Sie besucht eine private Schule. Schorschik: Und in einer privaten liest man nicht nach — den Papieren? Mutter: Nein. Schorschik: Ach so! Und Mischa? Mutter: Welcher? Schorschik: Welcher! Ist denn das nicht ganz gleichgültig? Mutter: Freilich ist das nicht gleichgültig. Schorschik (schweigt eine Zeitlang, dann wie nachdenklich): Mischa, vom Onkel Victor. Mutter: Nach den Papieren heißt er „Chajim". Schorschik: Nun und —.— aber rege dich nicht auf, Mamachen — und Sophie? Mutter: — ich heiße „Scheine". Schorschik: „Scheine" — das ist doch nichts Schlimmes, das „Scheine"? Doch nichts, Mamachen, was? Mutter: Schon wieder, Schorschik, sprichst du Dummheiten. Siehst du: in den Papieren schreibt man nach alter Methode, so wie es vor tausend Jahren war; aber wir heute reden nicht mehr so. Die frühern Namen sprechen wir auf eine andere Art. Schorschik: Das heißt also, vor tausend Jahren hieß es „Qerschka" und nach tausend Jahren wurde daraus „Schorschik"? Mutter (unsicher): Ja — freilich —. Schorschik: Ich verstehe. Ganz einfach! ganz gleich! Wie Papa neulich von dem Märchen sagte: früher war es „Nikita, der Fellreißer" und heute heißt es „Nikita, der Lohgerber". Mutter: Ja, gerade so. Schorschik: Und wie hieß — Sergej vor tausend Jahren? Mutter: Welcher Sergej? Schorschik: Serioscha, Alexejenko Serioscha, von Iwan Fonitsch der Sohn. Mutter: Der ist nicht--er ist andern Glaubensbekenntnisses. Deshalb schreibt er sich auch Sergej. . . . War es dir denn Schorschik: Mutter: Schorschik: Mutter: Schorschik: Mutter: Schorschik: Mutter: Schorschik: Mutter: Schorschik: Mutter: Schorschik unangenehm, daß man dich Qerschka genannt hat? Aber, Mamachen, du sagst doch, es ist gleich! Ja, Schorschik, es ist ganz gleich. Nur ein guter Junge -mußt du sein, sonst ist alles ganz gleichgültig. Ob da einer sagt Schorschik oder ein anderer Gerschka. Nenne Lehm Gold, Lehm bleibt es doch; und Gold, mag man's nennen, wie man will, wird doch Gold bleiben. Natürlich, wird immer Gold bleiben; was gibt es da noch zu reden? (er blättert nervös im Buch) Aber, sag mir, Mamachen, warum hat man uns, welche jüdische---sind---hast du bemerkt — beim Examen — wie das war? Uns hat man später aufgerufen, und ein besonderes Diktat gab man uns — ein ganz apartes. Jene — mit welchen Sergej war, hatten ganz kurze Sätzchen, und fast ganz ohne Komma. Und wir bekamen lange, voll mit Kommas, und viele Worte auf „jatj" — ein schweres Diktat! — Die haben's leichter, Mamachen, wirklich leichter. Genug, Schorschik, lies lieber. Ja ja, ich werde lesen. Rege dich nicht auf, Mamachen, siehst du? ich lese. (Beugt sich über das Buch) .... Mainachen? Was gibt's wieder? Du sprachst soeben von Lehm und von Gold. Das heißt also: „Gerschka", das ist Lehm, und „Schorschik" ist Gold ...? Aber nicht doch, mein Lieber, ich sagte doch, es ist ganz gleich! — Du hast mir übrigens versprochen zu lesen, und dabei denkst du wieder nach. Ich werde es nicht mehr tun, Mamachen, sei nur nicht böse. Ich habe ja begriffen, daß Schorschik und Gerschka, beides ganz egal ist. Nur ein Dummer wird das nicht begreifen — weil er eben dumm ist ... . (er zerrt an dem Buche) Weißt du, Mamachen, bei uns auf dem Hofe treiben sich viele solcher dummen Jungen herum. Wenn sie einen ärgern wollen, strecken sie ihm lang die Zunge raus . . . Schorschik! Ja, Mamachen, die strecken sie raus! und dann fangen sie an zu schreien: „Gerschka! Gerschka! Gerschka!" (er zittert, und reißt an seinem Buche) Gerioscha immer voran. Schorschik! Schorschik! (sie läuft zu ihm, umfängt ihn mit ihren Armen und gibt ihm Wasser, dann führt sie ihn zu Bette). (schluchzend): Mamachen, es ist nichts! es ist wirklich gar nichts! Siehst du, es ist schon vorüber. Rege dich,, bloß