Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Schorschik (erregt): Laß mich in Ruhe! Mutter (sehr laut): Was macht Werotschka? Agrafena (zur Etagere hintretend): Was soll sie tun? Sitzt im Empfangszimmer mit einem Buch, sie auch natürlich Mutter: Geh' zu ihr hinein. Geht ein wenig spazieren. Agrafena (geht zur Tür): Schon gut. Wir werden spazieren gehen. (Dreht sich um). Und wie wird's mit dem Mittagessen? Mutter: Wir haben Zeit. So gegen sieben. Agrafena: Weshalb soll man nicht Zeit haben? (Schüttelt den Kopf und geht hinaus.) 2. Auftritt Mutter: Vielleicht willst du auch gehen, Schorschik? Und ich würde mit dir..... Schorschik: Weshalb willst du nicht Papa im Kontor ablösen? Alle Tage löst du ihn ab, und heute ..... Mutter: Alle Tage löse ich ihn ab, und heute werde ich nicht hingehen. Wir haben uns so verabredet, ich und Papa. Schorschik: Das ist doch nicht wahr, Mamachen. Du willst deshalb nicht, weil ich neulich geweint habe. Weil mir nicht wohl war, deshalb! Mutter: Und wenn es wirklich deshalb ist? Schorschik: Der Doktor hat dir wohl befohlen, neben mir zu sitzen? Mutter: Was hat das mit dem Doktor zu schaffen? Ich kann dich doch nicht so aufgeregt, wie du bist, allein lassen. Schorschik: Aber ich habe mich doch schon beruhigt, vollständig beruhigt! Bitte, Mamachen, geh doch! Papa muß doch essen. Warum soll er hungrig bleiben? So geh doch! Mutter (schweigt). Schorschik: Du tust ja nur so, ja, absichtlich, als ob du nähen mußt. Du brauchst ja jetzt gar nicht zu nähen. Du denkst, ich bin ein kleines Kind; aber ich verstehe alles. Und ich will nicht, daß du meinetwegen..... Mutter: Lies lieber, Schorschik, und rede keine Dummheiten. Bevor du dich nicht beruhigt hast, werde ich nicht fortgehen. Nun weißt du's. Schorschik: Und bevor du nicht fortgehst, werde ich nicht lesen. Basta! (Er wendet sich vom Fenster ab und schaut auf die Mutter. Sie näht, ohne aufzublicken.) Mamachen! Mutter: Na? Schorschik: Du wirst nicht weggehen? Mutter: Nein. Schorschik: So wirst du hier sitzen bleiben? Mutter: So werde ich sitzen. (Die Tür öffnet sich und Werotschka guckt hindurch). 3. Auftritt Werotschka (sie trägt ein helles Kleidchen, auf dem Kopf ein Strohhütchen): Darf man, Mama? Mutter: Natürlich! . Werotschka (kommt herein). Mutter: Spazieren? Werotschka: Agrafena sagt, man verkauft schon Maiglöckchen. Mutter: Maiglöckchen? Das ist schön, (Sie gibt Werotschka Geld). Da, kauf dir Maiglöckchen! Werotschka (zärtlich): Und dir, Schorschik? Soll ich für dich auch welche kaufen? (Schorschik schweigt). Mutter: Nun geh, es ist ein schöner Tag heute. (Sie küßt Werotschka, leise): Rühr ihn nicht an! Werotschka (ebenfalls leise, zu Schorschik hinschielend): Der Doktor hat gesagt, es ist gefährlich? Mutter (legt ihr schnell die Hand auf die Lippen. Werotschka küßt sie und läuft hastig fort. Die Mutter lächelt traurig.) 4, Auftritt Schorschik: Mamachen! Mutter: Was? Schorschik: Darf ich dich was fragen? Mutter: Frage. Schorschik: Sag, als man mich fürs Gymnasium vorbereitete, hast du da gewußt? Mutter: Was? Schorschik: Das — von dem jüdischen Glaubensbekenntnis. Mutter: Ich wußte es. Schorschik: Und Papa, wußte es? Mutter: Auch Papa wußte es. Schorschik: Weshalb denn — rege dich nicht auf, Mamachen, ich bin ruhig, ganz ruhig! — aber weshalb habt ihr mir davon nichts gesagt? du nicht, Papa nicht. Weshalb, Mamachen? Du schämtest dich? Mutter (erregt): Schorschik! Schorschik: Mamachen, liebes, verzeih! Das war wohl sehr dumm von mir gesagt, ja? Mutter: Sehr dumm, Schorschik. Ein guter Mensch mußt du sein. Aber jüdisch oder nicht jüdisch, das ist gleich. Schorschik: Natürlich, Mamachen, natürlich! Wenn gut, dann ist auch das Jüdische ganz egal; und einem Schlechten wird es gar nichts helfen, daß er nicht jüdisch ist. (Die Mutter zuckt zusammen). Was ist dir Mamachen? Mutter: Schorschik, lieber, gib dir Mühe, nicht daran zu denken, ich bitte dich. Schorschik (verwirrt): Nun, ich werde nicht mehr, Mamachen, ich werde nicht mehr. Aber sage mir: Ich bin doch Schorschik? Mutter: Was ist mit dir? Schorschik: Aber nicht doch, Mamachen, rege dich nicht auf! Siehst du; Papa sagt Schorschik, Werotschka sagt Schorschik, und alle Schorschik oder Georg; manchmal nennt man. mich auch sogar Georg Lewowitsch. Ist das so in der Ordnung? Mutter: Aber selbstverständlich! Schor,schik: Und weshalb haben die dort — im Gymnasium — gesagt — Gerschka?