Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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834 DiE^ELT No. 38 Kampf der philosophischen Schulen gegeneinander, so findet man bald heraus, daß sich der ganze Kampf um zwei Häupter dreht: Spinoza oder Kant. Die Biologie hat sich mit Spinoza verschwistert, während die mathematische Physik, der theoretische Ausgangspunkt des Neo-Idealismus und Neu-Kantianismus, auf Imanuel Kant schwört. In jeder Kantbiographie kehrt ein Satz immer wieder: „Es hat sich an Kant schwer uud bitter gerächt, daß er Spinoza ignorierte." Die ganze deutsche Aufklärung schwor auf Spinoza, und Bismarck war Spinozist und nicht Kantianer. Spinozas Lehrer, wie er selbst bekennt, sind Juden, in erster Reihe Crescas. Spinozas Ruhe hat Qoethe gepackt, und die gepanzerten Lehrsätze seiner Ethik mußten dem eisernen Kanzler imponieren. Und was der Jude Spinoza, in einer Zeit rein intellektualistischer Interessen lebend, nicht versucht hat, nämlich eine kräftige Bresche in den vom feudalistischen Morast umwucherten Paulinismus des Kirchenchristentums zu schlagen, hat sein späterer Stammesgenosse Karl Marx vollbracht. Karl Marx, selbst der Sproß einer unterdrückten Rasse, stieg in die Niederungen des Elends und entbot den Unterdrückten und Elenden den Gruß der Zukunft, der Gerechtigkeit und der Menschenliebe und bestellte zwei Qegner: christlichfeudal-reaktionäre frömmelnde Unterdrücker und schwer arbeitende Menschenkinder, die unterdrückt werden. Gewiß hat Karl Marx geirrt und war ein Träumer und Weltverbesserer, aber die tiefe ernste Sittlichkeit als Triebkraft seines Tuns und Denkens wird ihm niemand absprechen, Selbst sein größter philosophischer Gegner, Hermann Cohen, nennt ihn, „den Abgesandten der Geschichte". Und wie vor zweitausend Jahren ein jüdischer Hirt von schwärmerischer Veranlagung die Unterdrückten der Erde um sich sammelte, „um sie im Himmel selig zu machen", was Nietzsche als die größte Banalität der Weltgeschichte bezeichnete, was aber in „ihren" Augen das größte Werk der Weltgeschichte ist, so rief ein anderer Jude, Karl Marx nach zweitausend Jahren den unterdrückten Teil der Menschheit, um ihm den Gruß der Zukunft und der Gerechtigkeit zu entbieten. Wie das Christentum die „Weltreligion" geworden ist, so ist der Sozialismus, mit dem wir uns nicht identifizieren, eine „Weltpolitik" geworden. Beide Welten haben Juden geschaffen, zum Heile oder zum Unheile der Menschheit, mag jetzt dahingestellt sein. Paulus, Spinoza und lCarl Marx sind undbleibendiedrei einflußreichsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Aber diese drei Juden waren nur Juden an sich, d. h. soweit Vererbung und Rasse und Milieu die Persönlichkeit bilden. Was die sich bewußten Juden für die Weltgeschichte des Geistes geschaffen, mit andern Worten, wie weit die Weltgeschichte positiv jüdisch ist, — darüber ein anderesmal. L f□□□□na \S-- FEUILLETON □ □ □ □□□ )j DAS ERSTE EXAMEN Idyll in einem Aufzug Aus dem Russischen des A. Petrischtschew übertragen von Berta Auerbach Personen: Die Mutter, eine jugendliche, schlanke Frau von 33 Jahren, Schorschik, ihr Sohn, 12 Jahre, Werotschka, ihre Tochter, 13 Jahre, Agrafena, Magd, ältere Frau. Die Handlung spielt in einer größeren Gouvernementsstadt in unseren Tagen Schorschiks Zimmer. An der Hinterwand zwei Fenster, eines offen. Zwischen beiden ein wachstuchgedecktes Tischchen. Eine Karaffe Wasser und ein Glas stehen darauf. An der Wand rechts ein Bett, links der spiegelnde Kachelofen und eine Tür. In der Ecke zwischen der Tür und dem geöffneten Fenster ein kleines Bücherbrett mit Büchern. Schorschik sitzt bei dem geschlossenen Fenster, den Rücken zum Tischchen. Vor ihm auf dem Fensterbrett ein geöffnetes Buch. Die Mutter sitzt im Lehnstuhle beim Bett und näht. Agrafena kommt, wie der Vorhang aufgeht, leise herein. Agrafena Mutter Agrafena: i. Auftritt (steht einige Zeit schweigend da und hantiert, offenbar ohne Qrund, bei den Büchern auf der Etagere): Es ist bald zwei Uhr. (zuckt zusammen): Ah? Was suchst du? Es ist bald zwei Uhr, sage ich. Mutter: Zwei? Ich gehe freute nicht ins Kontor. (Sie näht fort). Agrafena: Aber der Herr wird hungrig sein. Man müßte ihm Frühstück schicken oder was. . Mutter: Er wird im Kontor frühstücken. Man wird ihm aus dem Hotel etwas bringen. Agrafena: Ach was, aus dem Hotel! Ist denn im Hause gar nichts da, was man schicken könnte, oder keiner, durch wen? Mutter: Nein, er wird dort essen. Agrafena (brummig): Dort, dort! (Sie geht an das sorgfältig gedeckte Bett und glättet an den Kissen herum). Was gibt's denn da sich abzuhärmen? Nun, ist er nicht aufgenommen! Wichtigkeit! Essen muß man, selbst essen, und dem Kinde zu essen geben. Ist vielleicht nicht essen besser? Mutter: , Siehst du, Schorschik? Agrafena sagt auch dasselbe. Komm, essen wir zusammen. Willst du? Schorschik: Ich will nicht, Mamachen, ich will ganz und gar nicht. Bitte! Nicht nötig! Agrafena: Was heißt das, du willst nicht? Du mußt dich zwingen! (Qeht heran und berührt Schorschiks Schulter). Mit Gewalt, iß! Dann wirst du kräftiger werden!