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Die Welt · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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semitischer Literarhistoriker; Eduard von Hartmann, der auch einige gute Bücher geschrieben, aber doch ungerechterweise als Philosoph verschrieen wurde, stimmte in den Chorus ein. Zu diesen drei „großen" Beschimpf ern und Verleumdern des jüdischen Geistes gesellte sich eine Unzahl Kulturparasiten, die die Weisheit ihrer Meister in die Massen trugen. Dieses antisemitische Trio, Chamberlain, Hartmann und Bartels, hat zwar kein neues-Amerika entdeckt, denn Imanuel Kant war nicht weniger Judentumsfeind als der schwarzgallige Schopenhauer, und Schopenhauer wieder konnte sich auf Voltaire berufen, den unsere liberalen „Glaubensgenossen" als mustergültigen Philosemiten verschreien--. Und selbst Herder, der Verfasser „vom Geiste der hebräischen Poesie", schrieb über die Juden „ein Geschlecht schlauer Unterhändler auf der ganzen Erde, eine parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen". Neu ist also auch diese Art Pogrom nicht; aber die Leidenschaftlichkeit und Intensität, mit der er jetzt geführt wird, verdient unsere Aufmerksamkeit, wenn auch nicht unsere Aufregung. Die neueste „Philosophie" des Judentumshasses, der, wie gesagt, ganz und gar nicht neu ist, besteht aus zwei logisch nicht ganz übereinstimmenden Sätzen. Der erste Lehrsatz lautet: „Die Juden waren und sind nicht in der Weltgeschichte, und ihr Einfluß auf die Kultur ist gleich Null." Der andere Lehrsatz lautet: „Die Juden sind geistige Zerstörer und Anarchisten, ihr Einfluß auf die Kultur war ein verderbender und wirkt noch heute vergiftend." Man sieht, an Logik mangelt es unsern Feinden nicht . . . Wer aber glaubt, daß ich karrikiere, der schlage Chamberlains Grundlagen, Bartels deutsche Literaturgeschichte und Hartmanns Buch über die Juden auf. Der Verfasser der Philosophie des Unbewußten ist nicht weniger logikabwesend, wie der arische Rassentheoretiker und der deutsche Heimatkünstler. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich feststellen, daß der erste „Lehrsatz", der besagt, daß die Juden außerhalb der Weltgeschichte der Geister stehen, zu einem Grundsatz geworden ist, und daß er mit großem Erfolge verkündet wird. So die gegenwärtige Lage der Dinge. Historisch liegt aber die Sache anders. Im skeptischen sechzehnten Jahrhundert waren wir in ihren Augen die Positivisten, im religiösen siebzehnten Jahrhundert waren wir in ihren Augen die Atheisten, im Jahrhundert der Aufklärung und des Humanismus, des Enzyklopädismus und der Freigeisterei betrachteten sie uns als Barbaren und Wilde, und im Jahrhundert der Kritik wären wir die Dogmatiker. Imanuel Kant nannte den jüdischen Geist dogmatisch und unmoralisch. Im kosmopolitischen Zeitalter zieh man uns des starren Nationalismus, und jetzt, in einer Zeit des aufstrebenden Nationalismus, spricht man vom kosmopolitischen Judenpack. Zu allerletzt sind wir in ihren Augen überhaupt nicht. Unser Einfluß auf die Weltgeschichte, so verkünden sie heute, ist gleich Null. Und der religiöse Einfluß, den selbst der antisemitische Schiller so hoch einschätzt? Herr Chamberlain wußte Rat. Er hat ihren Heiland arianisiert, wiewohl die letzten Forschungen der Geschichte bezeugen, daß Galiläa zu jener Zeit ein rein semitisches Zentrum war ... Was ist auf dieses idiotische Verleumdungswerk zu antworten? Ich war einst Zeuge eines Streites zwischen einem Herrn Levy und einem Christen Schulze. Zuerst schimpfte Herr Schulze und tobte, die Juden sind Schlauköpfe, schlaue, kluge Händler und dergleichen mehr. Als er aber mit Herrn Levy doch nicht fertig werden konnte, da rief er etwas resigniert seinem Kontrahenten zu: „Herr Levy, Sie existieren für mich überhaupt nicht!" Soweit die Psychologie dieser Verleumdung und Beschimpfung. Und jetzt kurz zur Sache. Es ist ein leichtes, nachzuweisen, daß Imanuel Kant, der Gipfelpunkt ihrer Kultur, mit dreitausend Jahren später in einem philosophischen Packpapierstil nur das wiederholt, was die jüdischen Propheten so schlicht, so einfach, so menschlich gesagt haben: „O Mensch, sei gut!" Der Antisemit Chamberlain nennt den jüdischen Philosophen Hermann Cohen „den Nestor des Kantianismus in Deutschland". Und was sagt dieser Nestor des Kantianismus in Deutschland von Imanuel Kant aus? „Deutlicher noch als seine theoretische Kritik hat die praktische sich im Großen und Größten bewährt" (H. Cohen, Einleitung zu Langes Geschichte des Materialismus, Seite 510). Und was enthält diese praktische Vernunftkritik, dieses große und größte Werk von Imanuel Kant? „O Mensch, sei gut!" Und derselbe Nestor des Kantianismus in Deutschland muß zugeben, daß die Ethik, „die zweite große Tat der Philosophie", „in ihrer unkritischen Fassung", d. h. ohne philosophischen Bombast und metaphysischen Jargon, ein Produkt des jüdischen Prophetismus ist. Solche Fakta der Geistesgeschichte, die genügen, das ganze Verleumdungswerk unserer Feinde mit einen Schlag in Nichts zerrinnen zu lassen, sind nicht schwer festzustellen, und nicht auf eine Sammlung solcher Fakta habe ich es hier abgesehen. Ich will überhaupt keine Verteidigung gegen jene banalen und idiotischen Verleumdungen schreiben, denn es wäre würdelos und überflüssig zugleich. Hier sei nur im Anschluß an diesen Kulturantisemitismus ein Hinweis auf einige bekannte historische Erscheinungen und Tatsachen gestattet, der geeignet ist, die Bedeutung des jüdischen Kulturbewußtseins für den Ablauf des geistigen Prozesses in ein richtiges Licht zu rücken. Mit einem Juden, mit „ihrem" Heiland hat ihre eigentliche Weltgeschichte begonnen, und das Werk dreier Juden war es, das den Inhalt ihrer „Weltgeschichte" bildet, — Paulus, Spinoza und Karl Marx. Sowohl katholische als protestantische Theologen stimmen darin überein, daß Paulus, ein dekadenter Jude von.zweifelhafter Ehrlichkeit, der Begründerdes Christentums als k o nk r et er Geschichtserscheinung ist. Noch heute ist die paulinische Theologie Trumpf. Die paulinische Theologie hat, mit kleinen Unterbrechungen, das ganze christliche und kirchliche Denken beherrscht, und es gab Zeiten, in welchen eine Polemik gegen Paulus ebenso geahndet und bestraft wurde wie eine Auflehnung gegen die Kirche. So verstrichen siebzehn Jahrhunderte. Dann kam ein anderer Jude, Baruch Spinoza, zertrümmerte das Werk seines Stammesgenossen und breitete seine Herrschaft über zwei Jahrhunderte europäischer Kultur aus. Goethe bekennt in seinen Briefen, daß neben Linne kein anderer sein Denken und Fühlen so beherrschte wie Spinoza. Und Goethe ist doch die größte Offenbarung des germanischen Kunstgenius. Und betrachtet man heute den

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