Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38 DIE^ELT 831 seicht und fade, verärgert 'und müde wird, so hilft die Technik mit all den Terminen gar nicht; sie täuscht nur augenblicklich und wird zu einer eitel gestelzten Manier. Der Qeist muß gestärkt, das historische Bewußtsein vertieft und veredelt werden. Es besteht in unserm Volke ein Hang zu einer grausamen Vergeßlichkeit. Was bei seinem Entstehen noch unsere ganze Teilnahme gehabt hat, wird derselben in seiner Entwicklung leicht ganz verlustig. Wir vergessen bei den Dingen ihren Ursprung, die geistigen Bedingungen ihrer natürlichen Entwicklung, und daher kommt es, daß man bei uns so bald entschlossen ist, das Vorhandene aufzugeben, das Erreichte zu opfern. Jeden Augenblick ist man bereit, irgendeinen Anlaß zum Ausgangspunkte einer neuen Entwicklung zu machen, weil man eben vergessen hat, aus welchen Gründen der bisherige Weg eingeschlagen wurde. Die leiseste Anregung genügt, um ein Gebäude über den Haufen zu werfen, weil man sich seiner Grundlagen nicht mehr erinnert, ein unerwarteter Widerstand drängt sofort den öffentlichen Geist von der bisherigen Richtung ab und heißt ihn eine neue suchen, weil er für seinen eigenen Ausgangspunkt, seine Bestimmungsgrüride, sein Ziel kein Gedächtnis hat. Diese Yergeßlichkeit erzeugt eine ungesunde Neigung zum Überdruß, den Mangel an Beharrlichkeit, Geringschätzung, wo man hochschätzen, Nachgiebigkeit, wo man standhaft, Zwietracht, wo man einig sein sollte . . . Wer hätte nicht die Symptome dieser betrübenden Eigentümlichkeit in unserer Chronik des abgelaufenen Jahres entdeckt? Wer leidet nicht unter dieser Demolierungslust? Wo ist die allgemein-jüdische Solidarität, der Opfersinn, das große Interesse für die leidenden Brüder, deren Zeugen wir in den 80er Jahren und erst wieder vor einigen Jahren waren? Man wird ärgerlich gegen Stimmungen, die man selbst erzeugt hatte, man verläugnet eine Vergangenheit, als ob sie nie die eigene gewesen wäre. Diese Vergeßlichkeit erzeugt eine Nervosität, welche die Kristallisierung jüdischer Kräfte erschwert. Wir hatten diese Krankheit eingesehen und in unser Programm die Verpflichtung aufgenommen, die jüdische Zusammengehörigkeit zu fördern. Denn sowohl für die Erhaltung des jüdischen Volkes wie auch für die Auslösung jener großen Kraft, die für die Erreichung unserer Ziele notwendig ist, muß unsere Partei die Elite nationaler Intellekte, die Blüte jüdischen Geistes, die höchste Potenz jüdischer Energie darstellen. Das ist die Grundbedingung für das Judentum und den Zionismus. Nicht die äußere Erscheinungsform, sondern das starke und ursprüngliche Gefühl, derSchmerz, der im Innern wühlt, das große Wollen, der Zug des Genies. Wenn wir zu schwach sind, materiell das Leid unseres Volkes zu beseitigen, so sind wir doch stark genug, diesem Leid die Tragik eines Volksleids zu verleihen. In den Jahren der Begeisterung hatten wir schon große Ansätze nach dieser Richtung. Nicht nur das Geld der Gaben klang, aber auch Herzen zitterten, Hunderttausende von Herzen. Und wenn man von Judennot sprach, so drang es tief in die Seelen. Wo ist diese Stimmung? Wie groß war der intellektuelle Reichtum, wie drängten sich die markanten Gestalten, die fast sagenhaften Heroen aus der Urzeit der „Alliance" und aller andern Organisationen, wie spielten die farbigen Lichter des Witzes und Humors, wie zündeten die flammenden Worte und wie rühmlich spiegelte sich die nationale Begabung des Volkes in seinen Führern ab! Die Drangsal, das Leid ist dasselbe geblieben, aber uns fehlt die Frische und die Größe des Mitgefühls, auch hat sich der Wald der Riesen gelichtet, nur noch einige ragen hoch empor, aber es wird immer stiller und einförmiger, und der Boden bringt nur mehr verkümmertes Zwergholz hervor, auf welches die alten Tannen stolz niederblicken. Und da kehren wir unwillkürlich zu jenem Teil zurück, der notwendigerweise den Vordergrund der Ereignisse einnimmt. Die Juden Rußlands! Noch vor kurzem tobte dort ein herrlicher Rechtskampf, und da leuchteten Gestalten und da war eine Gesamtheit von einem heiligen Schauer ergriffen. Was war die ganze Periode? Ein ekstatisches Erlebnis, eine intuitionsreiche Dämmerung großer Gefühle! Das Leid bestand auch damals, aber nebenher ging etwas Großes, Verklärendes, eine große Verzweiflung, eine jubelnde Hoffnung. Das ist etwas, das nicht die Menschen des Alltags machen können, das kann nur das Volk durch seine großen Geister erzeugen. Das ist der belebende und erwärmende Mittelpunkt, den wir im verflossenen Jahre vermissen. Möge das beginnende Jahr uns zu diesen Lebensquellen zurückführen! N. S. Sammelt den Schekel ein! Von Dr. O. Thon Der Neunte Kongreß ist ausgeschrieben. Die Stunde naht, wo die zionistische Organisation große Musterung über ihre Scharen halten wird. Nicht nur wir selbst, sondern alle Welt, Freund und Feind, — der Feind, wie gewöhnlich, aufmerksamer und schärfer als der Freund! — wird zählen unsere Mannen. Die Berechnung ist leicht: Auf jede Zweihundertschaft ein Mandat. Wie vielmal Zweihundert ist noch dem Zionismus geblieben? Und wenn sich herausstellen sollte, daß nicht einmal ein ganzes Tausend von Zweihundertschaften zusammengeblieben oder zusammengekommen ist, wird es unsere Schande sein, unsere große Schande. Unsere — ich meine darunter nicht die Zentralleitung, oder doch zum mindesten nicht bloß die Zentralleitung, sondern alle Provinz- und Lokalleitungen, ja jeden einzelnen von uns. In Przemyslany, einem kleinen Städtchen Ostgaliziens, lebte vor vielen Jahren ein Wunderrabbi, der ein grundkluger und grundehrlicher Mann war. Vor vielen Jahren soll auch das manchmal vorgekommen sein . . . Dieser R. Meir — so der Name des merkwürdigen Wunderrabbi — pflegte häufig wehmütig laut vor sich herzusprechen. „Wenn ich, sagte er einmal, dereinst vor den Richterstuhl meines Schöpfers geführt werde und Er mich fragt: „Meir, warum bist du nicht ein Moses geworden?," werde ich ihm ruhig antworten: „Herr, weil ich nur Meir war!" „Warum bist du kein Rabbi Akiba geworden?" „Herr, weil ich nur Meir war". Wenn mich aber Gott fragen sollte: ,Warum bist du nicht Meir geworden?" — was werde ich da antworten?" Man versteht wohl den tiefen Sinn dieses schlichten Wortes: Mehr, als man in sich hat, kann man wohl aus sich nicht herausbringen, aber wenn man auch das aus sich nicht herausbringt, was man in sich trägt, dann ist das nicht mehr ein entschuldbarer Fehler mangelhafter Anlagen — „ultra posse nemo teneatur!"—,