Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ZUR JAHRESWENDE Reich an Ereignissen, aber arm an Ergebnissen war das abgelaufene Jahr unserer traditionellen Zeitrechnung. Wir haben nichts erreicht, unsere Lage ist düsterer denn je. In den Massenzentren des jüdischen Volkes sehen wir alle Schreckenszeiten eines wirtschaftlichen Niedergangs, einer zunehmenden Armut, einer unterbundenen Entwicklung. Alles ist schwächlich, abgeblaßt und müde. Eine grenzenlose Öde erstreckt sich vor den Augen des Beobachters. In Rußland war die Lage noch nie so hoffnungslos wie jetzt. Wie zum Bilanzabschluß und um allen Täuschungen ein Ende zu setzen, hat die offiziöse „Rossija" die Erklärung abgegeben, man solle keinerlei Besserung der jüdischen Lage erwarten. Dieses Geschehenlassen des Unrechts ist ein Racheakt. Die Juden hätten sich zu sehr an der freiheitlichen Bewegung beteiligt. In dieser Weise wird die Freiheitsbewegung als eine jüdische Intrige gestempelt. Tatsächlich herrschte und herrscht noch jetzt in allen gebildeten Klassen Rußlands eine wachsende Unruhe und Unzufriedenheit, und man will von einer absolutistischen Allgewalt ebensowenig mehr etwas wissen als von der schrankenlosen Willkür der Beamten, über deren Feilheit und Grausamkeit allgemein geklagt wird. Die alte Regierungsform hat sich überlebt, und daran sind ebensowenig die Juden wie die Nichtjuden schuld; daran sind einzig und allein diejenigen schuld, die sich noch immer dem Wahn hingeben, ein Volk könnte in dieser Weise regiert werden. Die alte Lehre wird gepredigt, daß Rußland für eine Verfassung nicht reif sei, und man kann ja dafür auch manche Gründe anführen, vor allem die gewaltige Ungleichheit in der Bildungsstufe des Volkes. Die große Masse des russischen Volkes kann weder lesen noch schreiben, und so darf man fragen, ob sie für die Ausübung politischer Rechte fähig ist. Man erinnere sich, wie lange es in Preußen gedauert hat, ehe man das 1815 gegebene Versprechen, eine freiheitliche Verfassung einzuführen, zu erfüllen wagte. Preußen, sagten damals viele Leute, welche sich für sehr klug hielten, sei kein Staat, der sich für eine Verfassung eigne, und selbst ein Mann wie Varnhagen von Ense, der später so radikal auftrat, kam nach sorgfältiger Erwägung aller Gründe für und gegen Einführung einer freien Verfassung zu dem klassischen Ergebnis: am liebsten gar nichts. Theoretisch ist in Rußland die Sache eigentlich entschieden, da die Regierung selbst eine Volksvertretung eingesetzt hat. Sie wurde indes unbequem und bald von der Regierung vollständig lahmgelegt, so daß ihre Bedeutungslosigkeit eine Hauptbeschwerde sämtlicher freiheitlichen Parteien geworden ist. Die Freiheit des Glaubens, des Denkens, der wirtschaftlichen Arbeit, die in den Verfassungen aller gesitteter Staaten längst ihre Anerkennung gefunden, sind für Rußland, bei der durch Gewaltmittel zugestutzten Duma, Utopien geworden. Die Humanität und Zivilisation sind .für weite Schichten der russischen Bevölkerung kaum ein äußerer Firnis, welcher die trüben Leidenschaften nicht zu verhüllen vermag. Unbekannte Männer, an deren Namen sich nicht eine rühmliche Tat knüpft, die unter dem Durchschnitte menschlicher Begabung stehen, wurden gewählt, weil sie den Wählern den Rassenhaß als die Erlösung von allen sozialen Übeln verkünden. Sie wurden gewählt, weil die Andersdenkenden verbannt und eingesperrt wurden. Sie wurden gewählt, weil man das Wahlrecht Polens, des Kaukasus und der Arbeiterklasse auf ein Minimum reduziert hat. All das liegt auf der Hand, und doch wagt man es, die Juden als das Opferlamm hinzustellen, an dessen Wolle gegangen werden müsse! Die Juden sind keine Umstürzler an sich, sie sind nur Menschen, die leben wollen. Als lebensbedürftige und rechtliebende Menschen können ihre Sympatien nicht .auf Seiten der Schwarzhundertmänner, sondern müssen auf Seiten derjenigen sein, die unermüdlich den Sinn der Bevölkerung für die Freiheit wecken, einen Strom reiner menschlicher Bildung in die Gemüter leiten und um die geistigen und moralischen Errungenschaften werben, welche allein das Leben eines Staates mit einem wertvollen Inhalt erfüllen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die Juden prinzipielle Opponenten seien. Nicht prinzipielle Opposition ist es, sondern Intelligenz und. Idealismus. Sie sagen sich, daß sie noch lange durch die Wüste der Opposition ziehen, noch lange die Entbehrungen und Demütigungen der Minorität erleiden müssen, ehe es ihnen vergönnt sein dürfte, eine ganz friedliche Arbeit aufzunehmen. Was können sie sonst von der Reaktion erwarten? Sie waren rechtlos und enterbt, noch ehesie einenHauch vonFreiheitsbestrebungen verspürt hatten. Ihre Loyalität hatte sie in der Vergangenheit vor Verfolgungen ebensowenig geschützt, wie sie sich jetzt dadurch schützen könnten, daß sie allesamt in die Arme der Schwarzhundert fallen würden. Unbestimmt und schattenhaft schwebt uns auch die Zukunft gleichberechtigter Juden vor. Wir kennen die Mängel und Lücken der Emanzipation; offen, wahrhaftig und rückhaltlos erklären wir als Zionismen, daß dieses Mittel sich nicht als endgültige Lösung der Judenfrage bewährt habe. Aber wir müssen zugleich für ein Minimum der Existenzmöglichkeit sorgen, — und dieses Minimum fehlt in den Ländern, in denen große jüdische Massen leben. Die ganze Chronik des jüdischen Lebens in Rußland, in Rumänien, auch in den Ghetti der Auswanderermassen weist keinen einzigen hellen Punkt auf. Das abgelaufene jüdische Kalenderjahr war pogromfrei, aber das ist nur ein Unterschied der Form, nicht des Inhalts. Der größte Teil des Volkes ist noch immer von Oberfällen bedroht und wird vom Haß geächtet, vom Vorurteil geplagt, von gesetzgeberischem und sozialem Boykott gequält und gepeinigt. Das traurigste ist, daß wir schon gegen alles abgestumpft worden sind. Eine Erklärung wie die der „Rossija" würde in den 80er Jahren einen Sturm von Protesten hervorgerufen haben. Jetzt würden uns Proteste schier als Gefühlsüberschwänglichkeiten erscheinen. Wir sind schon müde, die Jeremiaden zu schreiben und sie zu lesen. Mit Achselzucken sagen wir; Ja, das weicht ja gar nicht von der bekannten Schablone ab. Das westeuropäische Judentum ist indifferent geworden. Noch zucken manche Qedankenstrahlen von Organisationsschaffung, Organisation nach rechts, Organisation nach links, aber das sind nur Worte. Das Zusammenwirken hat nur dann einen Wert, wenn der Einzelgeist und die Einzelempfindung Kraft und Wert, Schwung und Tiefe hat. Dann ist es selbstverständlich ein großer Vorteil, in einem Brennpunkt diese Einzelkräfte zusammenstrahlen zu lassen. Aber wenn die Einzelkraft