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Die Welt · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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820 DIE3q£ELT No. 37 Und doch: wenn man auch noch so wenig nachdenken mag, man muß sofort erkennen, daß die Jungtürken niemals eine solche Absicht hegten, die ja übrigens unrealisierbar wäre. Wäre es eine Sache der Möglichkeit, so hätte die Anklage noch einen Sinn. Aber ist es denn heutzutage denkbar, daß die verschiedenen ottomanischen Elemente ihre Sprache, ihre Nationalität und Religion vergessen, um Türken zu werden? Wer kann so bar alles politischen Sinnes sein, um unter einem konstitutionellen Regime eine Sache für möglich zu halten, die Waffengewalt nicht hatte durchführen können zu einer Zeit, wo von europäischer Intervention noch keine Rede war? Die Jungtürken sind keine TugendengeL Wir wollen uns gut verstehen, sprechen wir ajso frei und offenherzig. Gestehen wir, daß auch die Jungtürken Menschen sind, Menschen, die ebenfalls an ihrer Nationalität hängen. Hätten sie es gekonnt und hinge es nur von ihrem Willen ab, so hätten sie keinen Augenblick verloren und aus allen Völkern, die im ottomanischen Reiche leben, Türken gemacht. Daran ist kein Zweifel, Die Jungchinesen oder Junghottentotten an ihrer Stelle hätten dasselbe getan. Wir halten es nicht für nötig, diesen natürlichen Wunsch geheimzuhalten. Aber, wie gesagt, wir wissen, das ist unausführbar. Wie also handeln? Was tun, um dieses Land stark und seine Zukunft unantastbar zu gestalten? Da einmal kein einziger Bürger auf seine Sprache, Nationalität und sein Bekenntnis verzichten kann, da einmal gezwungenermaßen verschiedene Sprachen, abweichende Religionen und individuell geartete Nationalitäten in der Türkei bestehen, — so laßt uns ein gemeinsames höheres Band für alles finden, das eines mit dem andern vereinige! Bilden wir einen mächtigen, unteilbaren Körper! Das ist der Jungtürken Gedankengang. Alle Sentimentalität beiseite, mit Kaltblütigkeit und Logik haben sie diesen Weg betreten. Denn es liegt in ihrem Interesse, das Land zu kräftigen und Unstimmigkeiten zu vermeiden, die den Fortschritt nur aufhalten können. Ja, die Sorge ums Vaterland hat die Jungtürken dazu getrieben, sich unter einer für alle annehmbaren Form mit den andern Elementen zusammenzutun unter gegenseitiger Achtung der Sprachen, Nationalitäten und Religionen. Seid dessen sicher: bei dieser Vereinigung haben gerade die Jungtürken die größten Opfer gebracht. Ja, das größte Opfer ist es für sie gewesen, von nichts mehr als Ottomanismus zu sprechen, jeden als nichts denn als Ottomanen anzuerkennen. Nur zwei Privilegien haben sie für sich behalten: Die Anerkennung des Türkischen als offizielle Sprache und des Islams als Staatsreligion. Und das auch ist kaum für ein Privileg zu halten, in Anbetracht dessen, daß die Türken den Staat gegründet und einen türkischen Herrscher auf dem Throne haben. Außer diesen zwei obligatorischen Punkten existiert kein Unterschied zwischen den Jungtürken und den übrigen Elementen, und die Jungtürken verlangen nichts von ihnen, als dieser offenen, vernünftigen und liberalen Haltung mit einer gleichen zu begegnen. Haben die andern Elemente zu verlieren oder zu gewinnen, wenn sie mit ganzem Herzen die Einigkeit und Brüderlichkeit akzeptieren, die ihnen die Jungtürken unter dem Namen Ottomanismus vorschlagen? Um diese Frage zu entscheiden, muß man erst untersuchen, wohin die Bestrebungen der Nationalitäten zielen. Haben sie einzig und allein die Vernichtung des ottomanischen Reiches und die Bildung eines separaten Staates oder auch den Anschluß an eine dritte Macht zum Ziele, — dann freilich muß unser Antrag auf Einheit und Eintracht sie verletzen. Denn Einigkeit macht stark, und ein starker Staat ist nicht zu zerstören. Wollen sie das ottomanische Reich durch Erlangung einer autonomen Administration schwächen und damit auf den Weg der Annexion und Unabhängigkeit bringen, dann noch einmal: wird die Einigung der Verwirklichung dieses Strebens im Wege stehen. Aber wenn die andern Elemente nicht solche Pläne hegen, so werden sie denken: Vormals waren wir in diesem Lande aller politischen Rechte beraubt. Gerechtigkeit war nicht vorhanden. Da man keine vernichtendem sozialen Bedingungen erdenken konnte als die, unter denen wir lebten, so beteten wir für dieses Reiches Untergang und arbeiteten auf ihn hin aus allen Kräften. Aber jetzt, wir sehen es, ist der alte Zustand umgewandelt. Unsere politischen Rechte sind uns garantiert. Wir waren Sklaven, wir wurden nun alle gleich. Was nun? Die alte Zerstörungspolitik weitertreiben? Darauf verzichten? Wenn wir auf sie verzichten, wird der Staat mächtiger werden und dieses Vaterland, das das unsrige ist, sein Heil dabei finden. Verharren wir aber bei unserm Verhalten von früher, so ist der Zusammenbruch wahrscheinlich. Und nachher? Es ist möglich, daß wir die Opfer einer fremden Invasion sein werden. Vielleicht auch werden wir unabhängig werden; aber würden wir es, so blieben wir klein und sc-hwach, der Begehrlichkeit der Großen und Mächtigen unterworfen. Anstatt also es Griechenland nachzutun, bleiben wir lieber Glieder eines stolzen Reiches! Dieser Gedanke muß die Völker auf dem Wege der Eintracht mit den Jungtürken leiten und sie veranlassen, aufrichtig und loyal in Verhandlungen einzutreten. Diese Besprechungen werden sicher fruchtbar werden, denn sie werden die Gerechtigkeit zum Führer haben." Dieser Artikel, der an Klarheit, Offenherzigkeit, Logik und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig läßt, ist als erste offiziöse Kundgebung des Komitees über die Nationalitätenfrage zu betrachten, die in viel ergiebigerm Sinne gehalten ist, als bisher zu vermuten gewesen war. Für das zionistische Problem ist aus diesen Ausführungen viel Bedeutungsvolles zu erlernen. Wir empfehlen sie eingehendem Studium. Der Kampf um § 4 des Vereinsgesetzes Nachdem schon der Kongreß der bulgarischen Demokraten in Mazedonien gegen das Vereinsgesetz protestiert hatte, hat dieser Tage wieder eine zweitausendköpfige bulgarische Versammlung die Resolution gefaßt, ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß das Parlament Gesetze gegen die Vereine, die Presse und die nationale Erziehung angenommen hat. Dagegen hat der Kongreß des jungtürkischen Komitees, der diese Woche in Salonik tagte, die genau umgekehrte Stellung eingenommen. Der dritte Beschluß dieses Kongresses besagt: „Inbezug auf Artikel 4 des Vereinsgesetzes beschließt die Gesellschaft, daran festzuhalten, ja sogar im Notfalle ein neues noch strengeres Gesetz auszuarbeiten, um die Bildung von Gesellschaften auf nationaler Basis zu verhindern." Die Einwanderungsbeschränkung Vergangenen Donnerstag fanden zwei wichtige Unterredungen zwischen Talaat Bey, dem Minister des Innern, und dem Großrabbiner statt. Gegenstand der Besprechungen war die Abschaffung des roten Zettels. Die Lösung der Angelegenheit ist zwar immer noch nicht erfolgt, erscheint aber auf gutem Wege. Der Minister erklärte, er habe bereits mit Subhi Bey, dem Mutessarif von Jerusalem, über den Gegenstand verhandelt, und er werde demnächst definitiven Bescheid ergehen lassen. Da die günstige Stellungnahme Subhi Beys bereits bekannt ist, sieht man der endlichen Erledigung mit Vertrauen entgegen. / Die Juden und der Militärdienst Die Zahl der Juden, die dieses Jahr zur Ableistung ihrer Militärpflicht werden eingezogen werden, wird nach der „Aurore" auf 12 000 geschätzt. Weiterhin werden jährlich etwa 4000 Juden unter die Fahnen treten. Salonik allein wird dieses Jahr 1200 Rekruten stellen, da alle 21-, 22- und 23 jährigen jungen Leute berufen werden. Griechischer Antisemitismus in Smyrna In Smyrna erregt seit einiger Zeit die Haltung eines Teiles der griechischen Presse die jüdische Bevölkerung. Es scheint fast, als wollten einige der edlen Heldensprößlinge Homers, die dem türkischen Element gegenüber gezwungen sind, den Kürzern zu ziehen, an einem Schwächern ihre Heldenhaftigkeit beweisen. In Salonik, wo sie es mit einem selbstbewußten, kräftig organisierten Teile der Juden zu tun hatten, sind sie kläglich gescheitert. Nun versuchen sie es in Smyrna. Die Zeitung „Koparos" bringt unverschämte Hetzartikel, und der „Amirolyptos" leistet sich den Abdruck desselben antisemitischen Schandromans, der seinerzeit in Salonik so viel Empörung erregt hatte und von der Regierung gewaltsam prohibiert worden war. Man erwartet ein promptes und energisches Einschreiten der Behörden. Diesmal kann die Hetze um so weniger gelingen, als das scharfe Preßgesetz genügende Handhaben zur Verfolgung und Bestrafung der Störer des Friedens zwischen den Nationalitäten bietet. Zur Steuer der Wahrheit muß hervorgehoben werden, daß die übrigen griechischen Blätter Smyrnas sich korrekt oder judenfreundlich benommen haben. Saloniker Kleinigkeiten Der jüdische Gemeinderat in Salonik wurde dieser Tage neugewählt. Die „Jungen" sind in beträchtlicher Anzahl in ihn eingezogen. — Soeben ist durch den Verein „Masonoth la'ewjonim" mit Hilfe der „Association des Anciers Eleves de TAlliance" ein jüdisches Waisenhaus in Salonik gegründet worden.

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