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Die Welt · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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stille und loyale Arbeit der Juden kann jene destruktive und selbstmörderische Tätigkeit, die die Juden unlängst entwickelt haben, im Gedächtnis der Russen verwischen." Die Meinung der Regierung betreffs der jüdischen Kreditanstalt Di eHauptv er waltung der Kleinkreditangelegenheiten beim Finanzministerium veröffentlichte in diesen Tagen einen Bericht über Kleinkredit im russischen Reiche in den drei verflossenen Jahren. In diesem Bericht widmet der Regierungsvertreter den jüdischen Kleinkreditanstalten spezielle Aufmerksamkeit. „An diesen Anstalten", schreibt er unter anderm, „beteiligen sich im nordwestlichen Bezirke viele Juden. Es gibt auch viele ausschließlich jüdische Kassen. Die Stifter dieser Kassen nehmen selbst keine Anleihen, und die Dividende wird für wohltätige Zwecke bestimmt. In vielen jüdischen Kassen arbeitet die Verwaltung und der Rat unentgeltlich. Überhaupt werden die Kassen auf eine kaufmännische Art geleitet. In den jüdischen Kassen finden fast niemals Mißbräuche statt, wie es in andern Kassen der Fall ist. In die Verwaltung wird gewöhnlich ein Rabbiner oder ein Doktor gewählt, die den größten Teil der Einwohner persönlich kennen." „Die jüdischen Kassen gehören zu den best organisierten Kleinkreditanstalten. Doch huldigt eine jede von ihnen einer besondern Tendenz. Alle streben sie nach einer Autonomie und wollen echt jüdische nationale Institutionen bilden. Die nationale Tendenz der jüdischen Kassen führte dazu, daß dort, wo die christlichen Einwohner eine ökonomische und kulturelle Kraft repräsentieren, sie auch Kassen bilden. In Dünaburg wurde eine jüdische und eine lithauische, in Wilna eine jüdische und. eine polnische Kasse, in Bobrujsk eine jüdische und eine polnisch-russische gebildet. Im Königreich Polen hat sich die nichtjüdische Bevölkerung vollständig von den Juden isoliert. An den polnischen Kassen werden keine Juden zugelassen. Die jüdischen Kassen üben auch Bankoperationen aus und leiden überhaupt an keinem Geldmangel." Kleine Nachrichten Am 20. August (alten Stils) wird an der Petersburger Universität ein Professorenrat stattfinden betreffs der Aufnahme der Juden an die Universität. Es gibt 154 vakante Plätze und es sind 156 Gesuche eingelaufen. Da es in diesem Jahre viel weniger Christen gibt, hat der Professorenrat den Beschluß gefaßt, sich an das Aufklärungsministerium zu wenden mit der Bitte, 100 Juden auf die vakanten Plätze annehmen zu dürfen. Die Leiter von andern Lehranstalten beabsichtigen, sich mit derselben Bitte an das Aufklärungsministerium zu wenden. 'Rußlands Geldnot und Rußlands — Juden Aus Petersburg wird der „N. J. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Es ist seit lange ein offenes Geheimnis, daß die Rücksichtnahme der russischen Regierung auf ihre auswärtigen Anleihen eine wesentliche Rolle in ihrem Verhalten zur Judenfrage spielt. Von besonderem Interesse ist es nun, dies vom Finanzminister Kokowzew offen eingestanden und deutlich hervorgehoben zu sehen. Das jetzt publizierte Journal über eine Ministerberatung vom 22. Juli 1909 enthält hierüber wichtige Angaben, die als Beitrag zur Judenpolitik der russischen Regierung besondere Beachtung verdienen. In der genannten Sitzung wurde über das Aufenthaltsrecht der jüdischen Kaufleute in Moskau, die seit dem Jahre 1899 in der Stadt ansässig sind, beraten. Zunächst wurde eine schriftliche Meinungsäußerung des Premierministers Stolypin verlesen, der in der Sache einen gemäßigten Standpunkt einnahm und für eine „wohlwollende Behandlung der Frage in den Grenzen der Möglichkeit", „mit vornehmlicher Berücksichtigung der Interessen des allgemeinen Kaufmannsstandes", plädierte. Der Finanzminister Kokowzew und der Handelsminister Timirjasew gingen noch weiter in ihrem Eintreten zugunsten der Juden und erklärten, „der Allerhöchste Erlaß vom 3. Februar 1898 ist zumindest nicht klar und bedarf entsprechender Erläuterungen und Ergänzungen. Die Ausführung des darin vorgezeichneten Verfahrens gegen die Juden würde den ohnehin in schwieriger Lage sich befindenden Finanz- und Handelsmarkt schädigen. Eine Liquidierung der großen jüdischen Handelshäuser, deren Umsatz hunderte Millionen Rubel jährlich beträgt, würde nicht nur die Inhaber derselben treffen, sondern auch den mit den Juden durch Handelsbeziehungen verbundenen christlichen Bürgern Schaden bringen. Außerdem würden dadurch viele ausländische Firmen, die den jüdischen Kaufleuten in Moskau Kredit gewähren, Schaden erleiden; eine Ausweisung dieser Juden aus Moskau würde ihren Bankrott verursachen. Und da die Einigkeit der Juden groß ist und sie alle geeigneten Mittel zum Schutze ihrer Interessen anwenden und einen großen Einfluß in den kapitalistischen Kreisen und der Presse besitzen—,würden sie wegen der Ausweisung einer ganzen Gruppe von Juden aus Moskau heftige Angriffe gegen die russische Regierung hervorrufen und der Regierung die Aufnahme einer auswärtigen Anleihe im Bedarfsfalle sehr erschweren." Dieses Dokument sollte vor allem der jüdischen, aber auch der nichtjüdischen Finanzwelt beweisen, daß sie bei wirklich solidarischem Verhalten in der Lage wäre, das Los der russischen Judenheit zu bessern und so durch die Macht des Geldes ein wirkliches Werk der Humanität und der Kultur durchzuführen. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Situation Der Sultan auf Reisen — ein konstitutionelles Ereignis: Herrscher und Land treten in nähere Berührung. Das Ministerium Noradunghians in den letzten Zügen, — eine weitere Etappe in dem Erneuerungsprozeß, der unaufhaltsam die Staatsgewalten ergriffen hat, jetzt das Arbeitsministerium vom alten Blute säubert und wer weiß wie bald auch das Großwesirat ergreifen kann. Das Ausschreiben einer Staatsanleihe von sieben Millionen Pfund, der erste Anfang zur Verwertung des neugeschaffenen Staatskredites und — wenn er gelingt, wie es den Anschein hat — der erste Schritt zur ökonomischen Gesundung des Reiches. Schwere Reichssorgen daneben: das kretische Drohgespenst draußen und vier Aufstandsherde im Innern: Albanien, Drusenland, Kurdistan und Jemen. Aber nach allen Seiten hin rüstige und rapide Kräfteentfaltung, die baldige Überwindung erwarten läßt. Beide Patriarchate grollend; das griechische, ewig protestierende, mit gewollter Härte in seine religiösen Schranken zurückgewiesen, das armenische mehr rücksichtsvoll vertröstet, als national zufriedengestellt. In der Beamtenhierarchie das furchtbare Walten des eisernen Besens; Tausende von Nichtstuern und Schmarotzern, Unfähigen oder Überzähligen auf das Pflaster, dem Staate eine große Erleichterung, aber auch neue unbehagliche Sorge schaffend. Also im allgemeinen Bewegung, Wechsel, Kampf, Arbeit und Fortschritt, noch keine ruhevolle Genußzeit, aber doch nicht hoffnungsarmes Streben zu ihr: das ist das Signum der gegenwärtigen ottomanischen Reichssituation. Die Einigung der Elemente Wir hatten schon in voriger Woche von der beginnenden Revision der öffentlichen Meinung gesprochen und Verlautbarungen in diesem Sinne aus der armenischen und türkischen Presse mitgeteilt. Wir hatten recht gesehen; der „tote Punkt" in der Erkenntnis des Nationalitätenproblems scheint in der Tat überwunden. Ein unverkennbares Zeugnis hierfür ist ein Artikel des „Tanin", des — man kann sagen — herrschenden jungtürkischen Blattes, welches täglich fast die Meinung des allmächtigen Komitees nicht nur wiedergibt, sondern auch vorschaffend beeinflußt. Hussein Dschahid, der bedeutende Redakteur der Zeitung, schreibt: „Man klage uns an, soviel man will, wir wollten aus Chauvinismus die andern Elemente türkisieren! Wir sind gleichwohl die heißesten und eifrigsten Parteigänger der Einigung, innerhalb der Grenzen des Rechts und der Gerechtigkeit. Wir begreifen die Ursache dieser Beschuldigungen vollkommen: es trachtet heute jede Gemeinschaft, vor dem ethischen Tribunal der Zivilisation ihrer Handlungsweise Rechtfertigung zu geben. Wenn ein Element unseres Landes zu uns kommt und sagt: „Ihr schlagt die Vereinigung unter dem Namen Ottomanismus vor. Wir aber, wir wollen allen konstitutionellen Gesetzen gehorsam leben, haben jedoch gewisse Sonderbestrebungen, die wir nicht vergessen werden; und werden niemals mit unsern andern Kompatrioten vereinigt sein können" — ja, dann können wir nichts dawider tun. Denn seitdem die Gewissens- und Gedankenfreiheit garantiert ist, ist niemand für eine Meinung verantwortlich zu machen, die nicht gegen das Gesetz verstößt. Allein: außer der materiellen gibt es noch eine moralische Verantwortlichkeit vor der zivilisierten öffentlichen Meinung, und diese wird und muß das Element mit Tadel verfolgen, das solche egoistischen Isolierungsgedanken nährt. Darum bemüht sich jede Gemeinschaft, ihrer Politik mit folgendem Raisonnement eine erlaubte Form zu geben. „Die Jungtürken wollen, alle Elemente türkisieren: sie vergewaltigen unsere Nationalität'und Religion!" So sprechen sie, um einen illegitimen Zweck zu verbergen.

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